Zeitung Heute : Der Deichgraf und sein General

Krisenzeiten sind auch immer Zeiten für Macher, für Siegertypen. Brandenburgs neuer Ministerpräsident Platzeck hat das beim Oderhochwasser schon bewiesen. Jetzt bekommt der Regierungschef Konkurrenz von Innenminister Schönbohm. Der ist qua Amt für die Bewältigung von Katastrophen zuständig – und will auch geadelt werden.

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Von Michael Mara

und Thorsten Metzner

Ein kurzer Händedruck, ein schnelles Lächeln. „Matthias Platzeck, ich bin hier der Ministerpräsident.“ So stellt er sich vor. Die jungen Soldaten aus Süddeutschland, die bei Lütkenwisch in der Prignitz Sandsäcke auf dem Elbdeich türmen, scheinen einigermaßen überrascht. Sie hätten den „ziemlich jung wirkenden Typen“, der in Jeans und Sporthemd ihre Arbeit inspiziert, nicht erkannt, geben sie später zu. Platzeck erkundigt sich nach der Lage, fragt nach Sorgen, bevor er weitergeht. Hier ein aufmunterndes Wort – „Wir sind auf Eure Hilfe angewiesen“ – dort der mahnende Hinweis, sich „bloß nicht nicht durch die landschaftliche Idylle täuschen zu lassen“.

Das Hochwasser hat die weiten Elbwiesen überflutet, steht aber erst am Fuß des Deiches. Ab und an ragt eine noch nicht überspülte Insel aus dem Wasser. An den Deichhängen blühen Wiesenblumen, violett, gelb, weiß. Schmetterlinge flattern in der Sonne. „Was für ein Traum“, sagt Platzeck, doch dann sofort wieder sein, wie manche sagen „Hochwasserblick". Das Wasser werde noch um vier Meter steigen und nur sehr langsam abfließen. „Der Deich kann durchweichen, das ist die Hauptgefahr.“ Und er erzählt, dass vor fünf Jahren beim Oderhochwasser in Brandenburg Deiche zwei Wochen dem Druck standgehalten hätten. Vom Kommandeur der Bundeswehr-Einheit lässt er sich detailliert beschreiben, in wie viel Reihen die Sandsäcke geschichtet werden und wie der Nachschub gesichert wird. „Ja, das ist gut.“

Der Deichgraf ist wieder da: So wie damals an der Oder eilt er von einem bedrohten Ort zum nächsten. Er macht sich ein Bild von der Lage, spricht mit Betroffenen und Helfern, berät gemeinsam mit den Krisenstäben, gibt den Medien immer und überall bereitwillig Auskunft: Mittags in Potsdam beim Krisenstab, nachmittags in Mühlberg, dann im Prignitz-Dorf Lenzen. Journalisten auch im Hubschrauber, abends ein Auftritt im ORB-Fernsehen. Genau so lief es damals an der Oder ab, mit einem kleinen Unterschied: Platzeck ist nicht mehr Umweltminister, sondern regiert seit sieben Wochen dieses auch ohne Hochwasser gebeutelte Land. Aber er regiert es nicht allein. Bis zum letzten Freitag haben er und Jörg Schönbohm, Vize-Regierungschef und Innenminister, die Inspektionen noch gemeinsam absolviert. Sie saßen zusammen im Krisenstab, traten danach gemeinsam vor die Presse.

Keine Eitelkeit

Schon da fiel auf, dass Platzeck dominierte, das Wort führte. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er der Hochwassererfahrene ist, dass er das Heft in der Hand hält. Das Elbe-Hochwasser sei die erste große Bewährungsprobe des neuen Regierungschefs sagen Parteigenossen. „Natürlich muss er da zeigen, dass er mit allen Schwierigkeiten fertig wird.“ Freitagmittag, bei der täglichen Pressekonferenz des Krisenstabes, blieb für Schönbohm nur die Statistenrolle. Man konnte es dem Drei-Sterne-General, der Chef des Planungsstabes der Hardthöhe war und später mit der NVA eine ganze Armee auflöste, ansehen, das ihm das nicht behagte. Ein Vertrauter Schönbohms: „Es ist nicht die Eitelkeit des Generals.“ Er habe als Katastrophenschutzminister einen Job zu machen und sorge sich, dass nicht straff genug geführt werde. Im kleinen Kreis soll Schönbohm die Lage hinter den Kulissen so beschrieben haben: „Zu viel Gefechtslyrik, zu wenig Fakten.“ Freilich, manche Christdemokraten sorgen sich auch, dass Platzeck Schönbohm, „an die Wand spielen“ könnte. „So wie beim Oderhochwasser, als der damalige Innenminister Alwin Ziel praktisch von der Bildfläche verschwunden war und sich alle Blicke auf Platzeck richteten.“ Schönbohm müsse die Fäden deshalb in die Hand nehmen, meinen Christdemokraten, wohl auch mit Blick auf den Wahlkampf und die gespannte Stimmung in der Koalition.

Erst der plötzliche Abtritt Stolpes, von dem Schönbohm überrumpelt wurde. Neue Unruhe brachte der Rücktritt von Justizminister Kurt Schelter (CDU), der über eine Immobilienaffäre stolperte, aber quasi Platzecks Staatskanzlei für seinen Sturz verantwortlich macht. Schließlich die überraschende Ablösung des in der CDU durchaus geschätzten Sozialministers Alwin Ziel (SPD) durch Günter Baaske. Der ziemlich forsche linke Sozialdemokrat tat, wie Regine Hildebrandt es auch getan hat, sogleich kund, was er von der CDU hält: „Stoiber und Konsorten“ – und vergrätzte damit Schönbohm und seine Mitstreiter. Und nun zu allem Überfluss auch noch die Deichgrafen-Renaissance.

Der Ex-General reagierte. „Ab jetzt wird getrennt marschiert“, lautet die neue Devise. Schönbohm meint damit, dass er als Katastrophenminister seinen Job selbständig machen muss, nicht als Adjutant von Platzeck. Und dass er sich nicht aus den Medien drängen lässt. Samstagmorgen eilte er zum Hochwasser-Gipfel der Unions-Ministerpräsidenten von Bayern, Thüringen und Sachsen nach Leipzig, was Platzeck, der nicht eingeladen war, missfiel. Spitz sprach der Regierungschef von einer „CDU-Wahlkampfveranstaltung“. Sonntagmorgen flog Schönbohm mit dem Hubschrauber in die Prignitz, während Platzeck sich mit Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) in Mühlberg traf.

Vor Ort spürt man von den leisen Rivalitäten freilich nichts, im Gegenteil. Schönbohm unterbricht Platzeck nie, er ist loyal. In den Krisenstäben freut man sich über die Doppelspitze, „die sich gegenseitig anspornt“. Der Deichgraf und der General - „eine Idealbesetzung“, schwärmt zum Beispiel Wolfgang Schulz, der Leiter des Krisenzentrums in Perleberg. Und in Mühlberg urteilt ein Kommunalpolitiker: „Sie sind sehr verschieden, aber ergänzen sich prächtig.“ Schönbohm Stärke ist die straffe Regie, er ist ein Generalist vom Scheitel bis zur Sohle. Kein langes Geschwafel, die Logistik muss funktionieren. „Wir haben in den letzten Tagen 1,8 Millionen Sandsäcke dazugekauft, zum Teil in Holland.“ Schönbohm mag keine Worte wie „wenn“, „aber“ und „vielleicht“. Ihn nervt, wenn Prognosen des Landesumweltamtes ungenau sind.

Hochwasserkampf ist Psychologie

Platzeck hingegen gelingt es fast mühelos, Menschen zu überzeugen, zu beruhigen, zu motivieren – gleich ob zu Evakuierende, Helfer, Politiker vor Ort. In allen Gesprächen greift er auf seine beim Oderhochwasser gesammelten Erfahrungen zurück. Er wirkt besonnen, unaufgeregt. Auf dem Deich bei Lütkenwisch stehen drei alten Frauen. Eine spricht ihn an: „Herr Ministerpräsident, ich bin nicht zufrieden.“ Platzeck, der es eigentlich eilig hat, weil er zum ORB nach Potsdam muss, bleibt stehen. Sie habe Sand und Säcke selbst kaufen müssen, erzählt sie. „Man ist als alter Mensch ziemlich allein gelassen.“ Platzeck will wissen, ob sie denn keine Hilfe von Nachbarn bekomme? Nein, die Häuser links und rechts stünden leer. Er schlägt vor, die alte Dame schnell in Sicherheit zu bringen. Der Landrat nickt. „Wir tun alles, was wir können“, sagt Platzeck. „Das glaube ich“, antwortet die betagte Dame.

Am Hubschrauber in Lenzen eilt eine hochschwangere junge Frau auf ihn zu, fragt aufgeregt, ob es denn stimme, dass die Deiche bei Lenzen gesprengt würden. „Wir haben gehört, Lenzen soll aufgegeben werden.“ Platzeck: „Hören Sie nicht auf Gerüchte. Die hat es an der Oder auch gegeben. Jeden Tag ein paar neue.“ Die Frau geht erleichtert.

Hochwasserkampf ist auch Psychologie. Deshalb bremst er Landesumweltamts-Präsident Matthias Freude, wenn der zu früh Entwarnung geben will. Dies könnte die Evakuierungsbereitschaft beeinträchtigen. Bilder wie in Sachsen, wo Feuerwehren Menschen aus überschwemmten Häusern retten und durchs brusthohe Wasser in Sicherheit bringen mussten, darf es in Brandenburg nicht geben. Da sind sie sich einig, der Deichgraf und sein General.

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