Zeitung Heute : Der Denker und der Detektiv

Wie nähert man sich dem facettenreichen Forscher? Besuch bei einem Biografen

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An einem Morgen im Frühjahr 2003, kurz nach dem Aufstehen. Jürgen Neffe, heute 48, will das Wort nicht mehr aus dem Kopf. Ein Name, ein Mann. Einstein.

Das war der Moment.

Anderthalb Jahre später, in Saalow bei Berlin, in einer Windmühle in sicherem Abstand zur Hauptstadthektik. Ein kalter, verschneiter Freitag. Neffe sitzt in Sakko und Jeans vor seinem Apple-Laptop und blickt auf die Bestsellerliste des „Spiegels“. Jede Woche verkündet sie die meistverkauften Romane und Sachbücher. Kaum ein Autor, der nicht insgeheim schon davon geträumt hätte, einmal auf diese Liste zu gelangen.

„Seit meiner Studentenzeit wollte ich ein Buch schreiben“, sagt Neffe, der 20 Jahre als Redakteur und Reporter gearbeitet hat, für den „Spiegel“, für „Geo“. Aber wie das so ist, „keine Zeit, kein Thema, keine Traute“ – immer wieder musste er seinen Traum verschieben.

Dann dieser Morgen.

Neffe sitzt in seiner Windmühle, die er vor einigen Jahren gekauft hat, im dritten Stock, hoch über verlassenen Feldern – das perfekte Schreibzimmer. Es ist düster, trotz der drei Fenster. Eine Couch, viel dunkles Holz, Balken, zwischen denen sich Einstein-Bücher und -Ordner quetschen.

Einstein – auf die Idee kam Neffe nicht von ungefähr: 2003 arbeitet er für die Max-Planck-Gesellschaft in Berlin, bereitet das Einstein-Jahr 2005 vor, das inzwischen längst eröffnet ist. Viele Veranstaltungen und Ausstellungen sind geplant.

Ob er es wagen soll? Ob er so etwas kann? Eine Einstein-Biografie? Neffe zögert, weiß nicht so recht. Er setzt sich hin, liest.

Er könnte es schaffen, denkt er.

Neffe erarbeitet ein Konzept, schreibt ein Exposé – und findet einen, der sich für das Projekt interessiert: Alexander Fest, Chef des Rowohlt-Verlags. Einziger Haken: Der Verleger braucht das Manuskript im Oktober 2004, wenn es rechtzeitig zum Einstein-Jahr erscheinen soll. Neffe bleiben noch knapp zwölf Monate.

Er rechnet: Ein paar Wochen, denkt er, bräuchte ich allein für die Reisen, ich müsste ins Einstein-Archiv in Jerusalem, 80000 Schriftstücke hütet man dort. Ich müsste in die USA und nach Ulm, zu seinem Geburtsort, in die Schweiz natürlich, nach Zürich, wo er studierte, und nach Bern, wo er als Patentbeamter III. Klasse arbeitete und die Spezielle Relativitätstheorie erfand.

Und die Reisen sind erst der Anfang. Neffe hat einen Plan: Er will lesen, was Einstein gelesen hat, als Jugendlicher, um die Welt mit den Augen des kleinen Albert zu sehen. Noch wichtiger: Er muss Einsteins Theorien und Arbeiten studieren, dann die Briefe, von ihm, an ihn, über ihn – Dokumente über Dokumente, die sich vor Neffes geistigem Auge stapeln. Neffe hält den Atem an. Für einen „Spiegel“-Titel hatte er drei Monate Zeit, „das hier aber waren 20 Spiegel-Titel“.

Er fängt an, reist, liest, sammelt, liest abermals. Allmählich verwandelt sich sein Schreibzimmer, das ehemalige Mehllager der Mühle, in ein Einstein-Archiv.

Hier, in dem Holzzimmerchen über den Feldern, hat er ihn kennen gelernt, über ihn gegrübelt, Tag für Tag, häufig auch nachts, hat ihn bewundert „und irgendwann auch verflucht“, seufzt Neffe. „Weil er in so vielen Bereichen eine wichtige Rolle gespielt hat, in der Quantenphysik, in der Auseinandersetzung mit dem Judentum, bei der Atombombe...“

Über 100 Einstein-Biografien gibt es, „davon etwa 25 seriöse“, wie Neffe selbst sagt. Einige konzentrieren sich auf Einsteins Leben, lassen die Physik weitgehend außen vor wie die Biografie des Historikers Armin Hermann. Andere sind anspruchsvoll, unter den deutschen Autoren vor allem Albrecht Fölsing mit seinem Klassiker. „Ich wollte einen Einstein für alle schreiben“, sagt Neffe.

Es ist ihm gelungen: Neffe hat die modernste, rasanteste Einstein-Biografie geschrieben, die derzeit auf dem Markt ist – eine grandiose Wiederbelebung mit Worten (Rowohlt 2005, 492 Seiten, 22,90 Euro). Man lernt nicht nur Einstein kennen, den Menschen. Man meint sogar die Relativitätstheorie zu verstehen. Sofern da von „verstehen“ die Rede sein kann.

Neffe hat auch Neues über Einsteins Leben ans Licht gebracht, etwa über dessen schwieriges Verhältnis zu seinen Söhnen. „Hier, sehen Sie? Hier geht der Familienstreit los“, sagt der Biograf und zieht die Kopie eines Einstein-Briefes aus einem seiner Ordner. Mehr als 900 Briefe allein aus dem Privatbereich des Physikers hat er im Einstein-Archiv im kalifornischen Pasadena kopiert und anschließend in seiner Windmühle ausgewertet. „Manchmal zweifle ich daran, ob er normal ist“, heißt es in einem der Schreiben: Einstein über seinen Sohn Eduard.

Gab es einen Punkt im Studium all dieser Zeugnisse, an dem er meinte, Einstein verstanden zu haben? „Es gab einen Punkt, an dem ich ihn gern getroffen hätte, um zu sehen, ob mein Bild von ihm stimmt.“ Einstein habe niemand an sich rangelassen, außer Mileva, seine erste Frau. „Vielleicht hat er sie deshalb so brutal abgestraft, weil sie ihm zu nahe gekommen ist.“ Das „Nur-Persönliche“ war nie Einsteins Ding, so flüchtete er in die Physik, in Vorstellungen von Raum und Zeit, die er revolutionierte.

Neffe starrt auf seinen Laptop. Im Internet lässt sich die „Spiegel“-Liste schon Tage vorab finden. Plötzlich legt sich Freude auf sein Gesicht, und er wirft seinen rechten Arm hoch: „Platz drei!“

Der Autor ist Redakteur beim Tagesspiegel. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Die Liebe“ (S. Fischer 2004).

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