Zeitung Heute : Der Derwisch aller Talkshows

Was Krieg mit Menschen macht: Peter Scholl-Latour war in Korea, Vietnam, Afghanistan, Kosovo – aber das im Irak macht ihn wütend

Stephan Lebert

Die Brille ist weg. Peter Scholl-Latour hat sie irgendwo in Leipzig liegen lassen. Die Ersatzbrille hat er in Paris vergessen. Jetzt muss schnell ein neuer Ersatz her. „Eva, bitte, mach das, ruf bitte an“, sagt er und dies wohl nicht zum ersten Mal. Seine Frau ist deutlich genervt, „unglaublich, was hier los ist. Es ist die absolute Hölle.“

Ein Vormittag in der zweistöckigen Berliner Wohnung der Scholl-Latours, hoch über den Dächern von Wilmersdorf. Überall stehen Statuen, Vasen, hängen Bilder, die allesamt so aussehen, als hätte Peter Scholl-Latour sie von irgendeinem fernen Stammeskönig persönlich geschenkt bekommen. Man würde sich die einzelnen Sachen gerne erklären lassen, doch dafür ist es ein wenig zu hektisch. Dauernd klingelt ein Telefon, nur welches? „Das Handy“, sagt er, „kann es nicht sein, das brummt.“ Seine Frau bringt einen Apparat, „da sagt jemand, du hättest jetzt ein Interview zugesagt“. Oh, meint er und schaut mich an, „wie lange brauchen wir denn?“ Und sagt ins Telefon: „Können Sie in 30 Minuten noch einmal anrufen?“

Peter Scholl-Latour sitzt auf einem Hocker ohne Lehne und erzählt, wie er sich über den Krieg im Irak informiert. Klar, der Fernseher, läuft dauernd, CNN, „viel Propaganda, nicht mehr so gut wie früher, aber immerhin“, BBC, „unglaublich, was die Engländer für Fehler machen“, n-tv und die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen. Und die Talkshows, „muss ja wissen, wie sich die Argumente verändern, für meine eigenen Auftritte“. Er sitzt da auch deshalb derzeit so häufig, weil er ziemlich scharf seine Überzeugung formuliert, dass dieser Krieg nur Böses gebären wird, vor allem: mehr Terror. Am nächsten Tag fährt er nach München, am übernächsten geht’s, er muss nachdenken, „ach, irgendwohin“.

Er spricht, wie er immer spricht, nuschelnd, näselnd, wie einer, der innerlich vor sich hin köchelt und durch den Mund nur ein ganz klein wenig Dampf ablässt, das Nötigste. Er erzählt von seinen Reisen im letzten Jahr nach Afghanistan („das war toll“) und davor in den Irak. Er sagt, es mache ihn wütend, wenn seine scharfe Kritik an Bush und Rumsfeld als antiamerikanisch bezeichnet wird, „ich ein Antiamerikaner? Mensch, ich lag doch mit den GIs in Vietnam zusammen im Dreck.“

Und er spricht von den heiligen Orten der Schiiten, und warum die amerikanischen Soldaten jetzt möglicherweise im Umgang mit dieser Bevölkerungsgruppe so viele Fehler machen, wo doch eigentlich die Schiiten Saddam Hussein hassen. Scholl-Latour blickt auf und fragt: Sind Sie im Schiiten-Thema drin? Nicht so perfekt. Dann buchstabiert er lieber mal den Namen eines ihrer Führer, „der wird nämlich überall immer falsch geschrieben“. Irgendwo in der Wohnung ruft seine Frau, dass sie jetzt gehe. Er ruft zurück: „Triffst du deine Freundinnen zum Shoppen?“

Der Krieg und er. Geboren 1924, erlebte er in Deutschland das Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde später Fallschirmjäger in der französischen Armee, war bis 1947 in Indochina, dann jahrzehntelang Kriegsberichterstatter, in Korea, Vietnam, Afrika, Afghanistan, Kosovo, Irak. Ob ihm der Anblick des Mordens irgendwann auch mal zu viel wurde? Nein, nie, sagt er, „wissen Sie, ich bin abgehärtet“. 1945 kam er für ein paar Monate in ein Gestapo-Gefängnis, „mir geschah nichts, aber was ich gesehen habe an Horror, das war derart schrecklich, das war ein Stahlbad“. Er schlafe immer wie ein Murmeltier, träume nie vom Krieg, sagt er, „dafür dauernd blöderweise von einer Mathematikprüfung in der Schule, bei der ich ziemlich schlecht war“. Und dann sei da noch der Traum vieler Dauerreisender: Man kommt am Flughafen an, und der Koffer ist weg, „na ja, manchmal ist das auch Wirklichkeit“.

Vielleicht hat seine Atemlosigkeit ja auch damit zu tun, dass in diesem Kopf ein bisschen zu viele Eindrücke stecken. 80 Jahre alt wird er nächstes Jahr, „lange geht mein Leben so nicht mehr, aber noch geht es. Ich habe es immer geliebt. Gut, momentan bin ich der Derwisch aller Talkshows. Aber bald reise ich wieder.“ Das Telefon läutet. Der Interviewer von vorhin. Er soll was zum Krieg sagen. Ob ich allein rausfinde, fragt Scholl-Latour. Klar. Wiedersehen.

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