Zeitung Heute : „Der deutsche Pessimismus nervt“

Der Niederländer Hans Verbeek und die Polin Rozalia Romaniec über ihre journalistische Arbeit in Deutschland

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Herr Verbeek, Frau Romaniec, was nervt Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Romaniec: Eigentlich gibt es nur positive Sachen. Man hat es schon leicht hier...

Verbeek: Mich hat das negative Selbstbild der Deutschen genervt. Ich habe hier angefangen, weil ich so Deutschland-begeistert war. Hier reden viele Leute das eigene Land schlecht und denken, dass es nur bergab geht.

Romaniec: Stimmt. Außerdemwollen die Deutschen immer wissen, was die anderen von ihnen halten. Die Selbstreflexion ist hier sehr ausgeprägt.

Verbeek: Das Interesse hier, was die Auslandsberichterstatter über Deutschland denken, ist typisch deutsch, auch wenn ich den Ausdruck nicht mag. In Frankreich würde es das nie geben.

Erwarten Ihre Redaktionen, dass Sie ein bestimmtes Deutschlandbild vermitteln?

Romaniec: Sie haben ein bestimmtes Bild, dass die Korrespondenten bestätigen sollen. Aber die Korrespondenten müssen die vorherrschenden Ansichten widerlegen. Sonst wäre die Arbeit auch langweilg.

Verbeek: Das ist ja auch der Sinn des Berufs, die Klischees zu widerlegen. Korrespondenten stehen immer mehr unter Druck. Bei den Heimatredaktionen wird viel gespart. Viele denken dann, ach, die Auslandsberichterstattung kriegen wir auch übers Internet hin…

Romaniec: ...oder man schickt Fallschirmspringer.

Fallschirmspringer?

Romaniec: Ja. Wenn etwas passiert, dann schickt man schnell einen Reporter ins Land.

Verbeek: Aber wir kennen das Land und können Ereignisse und die Informationsflut aus dem Internet besser einordnen.

Fragen Auslandsjournalisten bei Pressekonferenzen anders als deutsche Journalisten?

Romaniec: Ich glaube, wir fragen persönlicher. Wie bei Angela Merkel. Als sie Kanzlerin wurde, haben wir uns für ihre Gefühle interessiert. Da sind wir als Auslandspresse etwas lockerer…

…die Journalistin Ulla Terkelen hat gefragt, wie fühlen Sie sich, Frau Merkel?

Verbeek: Genau, come on, sagen Sie es schon! Merkel hat später bestätigt, dass die Fragen von Auslandskorrespondenten anders sind als die typischen Standardfragen deutscher Journalisten.

Wie lautet die Standardfrage?

Verbeek: Bei so einer Frage möchte der Journalist vor allem zeigen, wie viel er selbst weiß.

Romaniec: Sie sind innenpolitisch fokussiert. Sie schreiben für ein anderes Publikum als wir.

Ihr erster Tipp, wenn ein Journalist ganz frisch in Berlin ankommt?

Verbeek: Dass er unsere Veranstaltungen besucht. Und er sollte sich mit Kollegen austauschen! Einige sind sehr erfahren und man kann zusammenarbeiten. Ich kann zum Beispiel mit polnischen Kollegen Interviews anfragen. Das klappt besser als mit niederländischen Kollegen.

Die Journalisten eines Landes helfen sich nicht?

Verbeek: Die empfinden sich selbst als Konkurrenten.

Romaniec: Klar. Man schafft internationale Netzwerke, um bestimmte Gesprächspartner zu kriegen. Man will das dem Land ja exklusiv anbieten. Da ist es logisch, dass ich nicht mit einem Kollegen von der Konkurrenzzeitung zusammenarbeite.

Verbeek: Was man neuen Kollegen auch erklären muss, sind die komischen Regeln, die es hier für Berichterstattung gibt. Oder die Autorisierung von Interviews. Für einen Amerikaner wäre es undenkbar, dass er ein Interview mit der Bundeskanzlerin erst dem Pressesprecher vorzeigt und es dann korrigiert zurückbekommt.

Romaniec: Das nervt! Wobei, ich hab’s leichter. Ich mache Hörfunk. Und gesagt ist gesagt.

Das Gespräch führte Alice Bota.

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