Zeitung Heute : Der Dickbrett-Bohrer

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Von Joachim Huber

Der neue ZDF-Intendant Markus Schächter verpasst sich und dem Sender ein ehrgeiziges Arbeitsprogramm. So ehrgeizig, dass er mehrere Reformen gleichzeitig angehen will. Beim Pressegespräch in Mainz nannte er zunächst die „Vitalisierung des Programms“, damit der Sender vor allem jüngeres Publikum und mehr Zuschauer im Osten gewinnt. „Jeder Sendeplatz in der Prime- Time soll eine Marke ausbilden, die stark ist wie jedes Konkurrenz-Programm.“ Mehrere Klausuren würden stattfinden, sicher sei aber, dass das ZDF eine politische Serie mit dem Arbeitstitel „Kanzleramt“ auflegen werde. Laut Schächter muss die alte Formel „Eine Sendung im Programm, weil es dazu eine Redaktion im Sender gibt“ endgültig verworfen werden. Der neue ZDF-Chef ließ durchscheinen, dass es eine weitere Verschiebung vom Angebots- hin zum Nachfrage-Fernsehen geben werde.

Das will auf dem Mainzer Lerchenberg, wo plan- und marktwirtschaftliches Denken konkurrieren, durchgesetzt werden: „Das Leistungsinteresse aller muss geweckt werden“, sagte Schächter, 20 bis 30 Prozent des Potenzials liege brach. Mitarbeiter des Hauses berichten, dass Redakteure, sobald ihnen die Sendung abhanden gekommen sei, ihr Handicap auf dem Golfplatz verbessern und auf neue Aufgaben warten würden. Solche Merkwürdigkeiten werden auch dem früheren Programmdirektor Markus Schächter nicht verborgen geblieben sein, mitarbeiter-freundlich sprach er als neuer Intendant von „neuen Strukturen, neuen Kommunikations-Kanälen“.

Schächter will nicht nur ins Haus hinein, sondern auch nach draußen wirken. In der Diskussion mit der Rundfunkpolitik möchte er erreichen, dass aus dem „Einkanal-Sender“ in der digitalen Fernsehwelt ein „Mehrkanal-Haus“ wird. Ohne eine mit der RTL- Group oder der ARD vergleichbaren Verwertungskette sei das ZDF klar im Nachteil, meinte Schächter. Zur Operation „Gesichtsfeld-Erweiterung“ gehören für Schächter auch eine Stärkung der ZDF-Rolle beim Kulturkanal Arte und der Ausbau internationaler Koproduktionen in Zusammenarbeit mit dem früheren Kirch-Manager Jan Mojto. Hier muss er mindestens so dicke Bretter bohren wie beim mittlerweile traditionellen ZDF-Versuch, die Verteilung der Rundfunkgebühren zu Gunsten des Mainzer Senders zu verändern. „Mit knapp 3,70 Euro Anteil an der Monatsgebühr von 16,15 Euro ist unser Haus strukturell unterfinanziert“, sagte Schächter und zeigte sich nicht abgeneigt, eine „Armutsdiskussion“ anzuzetteln.

Die Ministerpräsidenten der Länder, die für die Festsetzung der Gebühren verantwortlich sind, und deren fünf im ZDF-Verwaltungsrat sitzen, bekommen von Schächter ein noch akuteres Problem an den Hals. Für Markus Schächter muss ein Nachfolger als ZDF-Programmdirektor bestimmt werden. Schächter hat das alleinige Vorschlagsrecht, doch braucht er neun von 14 Stimmen im Verwaltungsrat für seinen Personalvorschlag. „Diese Mehrheit ist noch nicht sicher“, sagte Schächter und verwies darauf, dass als Folge der quälenden Intendanten-Findung in den Gremien „noch einige Matches ausgetragen werden“. Im Sender ist es ein offenes Geheimnis, dass Hans Janke als neuer Programmdirektor favorisiert wird. Der ZDF-Fernsehspielchef war bereits Schächters Stellvertreter in der Programmdirektion und arbeitet heute inoffiziell als Programmchef auf dem Lerchenberg.

Was in all der Aufregung beruhigen muss: Das ZDF hat nachgeprüft und festgestellt, dass es von der Kirch-Insolvenz „mit keiner Mark Schaden“ betroffen ist.

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