Zeitung Heute : Der Diener geht

Er hätte Kanzler werden können – nun will er nur noch helfen. Stationen einer beendeten Karriere

Tissy Bruns

Kanzler kann ich nicht, hat Franz Müntefering einmal lakonisch gesagt. Es gab Situationen, da wäre es drin gewesen, schon vor Schröders Neuwahl-Ankündigung im Mai dieses Jahres. Es wurde kühn über seine Zukunft spekuliert, als Gerhard Schröder Anfang 2003 überraschend den SPD-Vorsitz an ihn, seinen Generalsekretär übergeben hat. Denn die öffentliche Meinung fand, dass es dann bald vorbei sein werde mit Bundeskanzler Schröder. Die neue Arbeitsteilung hat aber doch gehalten. „Ich hätte ihn gern zum Freund“, sagt der Kanzler ein Jahr später, im März 2004 im Tagesspiegel-Gespräch. „Ich bin kein Kumpel“, erwidert Müntefering, er sei mit solchen Dingen „sehr vorsichtig“. Und dann bekennt er, der SPD-Vorsitzende, der große Seelenkenner seiner Partei: „Ich kenne meine eigene Distanziertheit.“

Jetzt hat er getan, was niemand in der SPD erwartet hätte. Er hat sich distanziert. Denn das ist es ja, die Ankündigung, nicht wieder für den Vorsitz zu kandidieren und das Vizekanzler-Amt fast beiläufig zur Disposition zu stellen: ein Wegrücken von der SPD. Er will noch „helfen“ bei den Koalitionsverhandlungen. Das war’s. Der politische Weg von Franz Müntefering hat ein jähes, ganz und gar unerwartetes Ende gefunden.

Der 65-jährige SPD-Vorsitzende, Arbeiterkind aus dem Sauerland, ist in jeder Hinsicht der Abweichler vom Normalmaß seiner Generation, wenige, aber entscheidende Jahre älter als Willy Brandts Enkel. Mit 14 Jahren aus der Schule. Industriekaufmann. Zur SPD gekommen als einer aus der Diaspora, nicht im Zug der vielen Tausend, die nach ’68 in der SPD den Marsch durch die Institutionen beginnen. Vor allem keiner mit dem brennenden Ehrgeiz der Individualisten Oskar Lafontaine oder Gerhard Schröder. Gerufen als Bundesgeschäftsführer von SPD-Chef Rudolf Scharping wird er 1995 gewählt – aber schon als Mann von Lafontaine, der Scharping auf dem Mannheimer SPD-Parteitag stürzt. Das Amt des Generalsekretärs wird 1999 eigens für ihn, Müntefering, geschaffen, als Schröder SPD-Chef wird, nach Lafontaine, den Müntefering für seinen plötzlichen, unbegründeten Abgang verachtet. Das Wort vom „Diener dreier Herren“ liegt nahe, doch es trifft nicht zu; Müntefering diente immer der SPD.

Niemals hat er sich wie die Enkel nach vorn gedrängt. Die Ämter sind immer zu ihm gekommen. Münteferings persönliche Versuchung im Umgang mit der Macht ist nicht der Einfluss, sind nicht die Posten. Doch hegt er seine eigene Eitelkeit. Die eines Sozialdemokraten, der auf ein Wesentliches zielt: dass es „den Menschen auf diesem Stern besser gehen soll“. Ebenso stur wie gelassen erträgt er den Ruf des Beton-Sozis. Der er nicht ist: Müntefering stützt Schröders Reformkurs überzeugt; er weiß, dass der Sozialstaat in alter Fasson nicht tragfähig ist. Er wird Kult, mit seiner Frisur, als Schöpfer berüchtigt-schlichter Kurzsätze, als einer, der strenger Disziplin folgt und sie von seinen Leuten fordert – jenseits der postmateriellen Werteskala, die in der rot-grünen SPD für alle unter 65 Jahren Stil und Habitus prägt. Müntefering ist davon unabhängig, er folgt beharrlich einem inneren Ziel. Die SPD, die sich immer ein bisschen lieber als Opposition versteht, sie soll regieren wollen.

Und doch geht Müntefering, der – erst in Nordrhein-Westfalen, dann in der Bundespolitik – die Weichen auf Rot-Grün gestellt hat, an Schröders Seite, als der alles auf eine Karte setzt. Neuwahlen. Der Plan kommt von Schröder, allein Müntefering hätte als Fraktionschef dem Urteil widersprechen können, dass auf die SPD-Fraktion nach der Niederlage in Nordrhein-Westfalen kein Verlass ist, dass die Parteilinke mit Forderungen auftreten wird, die spätestens im Bundesrat scheitern müssen. Er ist in den Wochen zwischen dem 22. Mai und Schröders Vertrauensfrage am 1. Juli an der Seite des Bundeskanzlers. Einmal beklagt er öffentlich sogar seinen Autoritätsverlust.

Er hat sich vorgewagt im kritischen Frühjahr 2005 und hat mit der „Heuschrecken“-Debatte einen Akzent gesetzt – ohne Erfolg für die Wahl in Nordrhein-Westfalen. Nach dem 18. September sah Müntefering eher als Schröder, dass das Spiel zu Ende war für den sozialdemokratischen Bundeskanzler. Große Koalition unter Angela Merkel statt des befürchteten Wegs in die Opposition. Und als alle in der SPD Müntefering noch in der Rolle des Zuchtmeisters, des Fraktionschefs sehen wollten, ging Franz Müntefering den anderen Weg, den in die Regierung, als Parteichef neben den Parteichefs der beiden C-Parteien.

Jetzt übergibt er die SPD an die Nachfolger, ungeordnet. Kurzer Entschluss nach verheerender Fehleinschätzung: Der Seelenkenner hat nicht erkannt, wie wichtig es der SPD geworden ist, in der großen Koalition nicht zum Regierungsanhängsel zu werden. Müntefering hat die Enkel gemäßigt. Vielleicht ist es folgerichtig, wenn seine Laufbahn mit der von Gerhard Schröder endet. Vor einem Jahr hat der SPD-Chef gesagt: „Ich sage Ihnen, diese Partei wird uns alle noch überleben.“

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