Zeitung Heute : Der Direktor hat einen Kater Aber nur heute.

Denn eigentlich läuft es für Udo Kittelmann glatt. Seit er vor über drei Jahren zum Chef der Berliner Nationalgalerie ernannt wurde, sorgt er für lange Schlangen. Was hat der Herr über drei Ausstellungshäuser richtig gemacht?

Quereinsteiger. Den Hamburger Bahnhof hat Udo Kittelmann mit Rentieren und schwebenden Kunststoffblasen zum Ort für Hipster und Familien gemacht. Foto: Mike Wolff
Quereinsteiger. Den Hamburger Bahnhof hat Udo Kittelmann mit Rentieren und schwebenden Kunststoffblasen zum Ort für Hipster und...Foto: Mike Wolff

Hangover, sagt er und blickt auf. Der Ober ist an Kittelmanns Tisch getreten, jetzt wartet er aufmunternd. Und Kittelmann, der hier im Café des Hamburger Bahnhofs oft zu Gast ist, bestellt mit kratziger Stimme Rührei mit Ziegenkäse, dazu einen doppelten Espresso. Es gibt Tage wie diesen.

Am Vorabend ist es später geworden. Die Kunstwerke für die Schlingensief- Auktion wurden in seinem Haus präsentiert. Olafur Eliasson, Patti Smith, Georg Baselitz, Wim Wenders, Christo – sie alle gaben Werke zur Finanzierung des Operndorf-Projekts in Afrika, das nach Christoph Schlingensiefs Tod auf besondere Hilfe angewiesen ist. Kittelmann dürfte in seinem Element gewesen sein. Eine glückliche Künstlerwitwe, viele Künstler, deren Werke und potenzielle Käufer und Kittelmann selbst mittendrin. Er mag das, ein gesellschaftliches Ereignis und doch eine heilige Sache der Kunst, denn die Werke hängen zur Vorbesichtigung bei ihm im Hamburger Bahnhof. Heute Abend sollen sie versteigert werden, mit Kunstanwalt Peter Raue als Auktionator.

Eigentlich müsste Kittelmann jetzt in seinem Büro sitzen. Im zweiten Stock des Ostflügels im Hamburger Bahnhof liegt es. Aber der Direktor genehmigt sich den nächsten Kaffee auf der mit Leder bezogenen Bank der eleganten Museumscafeteria. Zum Schreibtisch, wo sich Post stapelt, Kartons mit Katalogen auf dem Boden lagern, zieht es ihn gerade weniger hin. Es gibt Tage, da wird einem das Liegengebliebene einfach zu viel. Besonders nach großen Ausstellungen, die für so vieles andere Aufschub bedeuten.

160 Bewerbungen für die Stelle seiner künftigen Assistentin müsste er studieren. Wahrscheinlich wird es wieder eine Frau sein. Stets standen dem Quereinsteiger starke Kunsthistorikerinnen zur Seite. Dorothée Brill, seine letzte Helferin, hat ihre Sachen bereits gepackt, nachdem die Richter-Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie eröffnet ist, die sie zusammen mit ihm eingerichtet hat.

Noch so ein Kater. „Mit Richter hat sich für mich ein Traum erfüllt,“ sinniert Kittelmann erschöpft. „Es wird eine Weile dauern, bis sich das wiederholen lässt.“ Und er meint auch die Warteschlangen, die sich bei eisiger Kälte um den gläsernen Kubus winden. Die erste Auflage des Katalogs ist ausverkauft. „Das könnte die erfolgreichste Ausstellung eines lebenden Künstlers werden“, hofft Kittelmann.

Wer ist dieser Mann, der dafür sorgt, dass in wenigen Wochen 85 000 Besucher in die Neue Nationalgalerie strömen? Der es wieder geschafft hat, das Publikum zu begeistern mit einer Kunst, die zugleich kuratorisch präzise und fachlich hochgelobt vorgestellt wird? Der die Londoner Tate Modern und das Pariser Centre Pompidou als Partner hatte gewinnen können, so dass das Projekt für ihn allein und Berlin nicht zu groß wurde.

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass Kittelmann seinen Posten im Hamburger Bahnhof bezogen hat. Sechs Häuser gehören zu seinem Reich: Neue und Alte Nationalgalerie, das Museum Berggruen in Charlottenburg mit der Sammlung Scharf-Gerstenberg vis-à-vis, die Friedrichwerdersche Kirche mit Skulpturen der Schinkelzeit und der Hamburger Bahnhof als Museum der Gegenwart. Hier steht sein Schreibtisch, von hier aus überwacht er 200 Jahre Kunstgeschichte.

Mit Kittelmann ist der neue Typus des Direktor-Managers auf einem der einflussreichsten Posten angelangt, den es in der Museumslandschaft zu besetzen gilt. Kompetent ist er, eloquent, hemdsärmelig, gut vernetzt, künstlernah und publikumsorientiert. Das bekam auch das Personal sogleich zu spüren, dem Kittelmann bei Amtsantritt erklärte: „Sie sind die wichtigsten Leute hier, am Empfang. Stellen Sie sich vor, wir wären ein Fünf-Sterne-Hotel und die Besucher sind unsere Gäste.“ Kurz entschlossen entfernte er damals auch die hässlich gerahmte Hausordnung, die gleich hinter den Kassen des Hamburger Bahnhofs hing. Das passte nicht mehr zur neuen Ästhetik, zum stilvollen Willkommen. Seither brummt nicht nur das Museumscafé, in das an diesem Morgen und an Kittelmann vorbei die Gäste einziehen, der ganze Laden brummt. Die Besucher, vor allem junge, kommen täglich zu Hunderten ins Museum.

Wenn Kittelmann über die Stationen nachzudenken beginnt, die ihn hierher geführt haben, in dieses Café, in dem er sich praktisch wie in seinem Büro fühlen kann, staunt er selber. Bei seinem Amtsantritt waren nicht alle überzeugt, dass er der Richtige sein könnte für den prominentesten Museumsjob bundesweit. Wieder, wie schon 2002 bei seiner Berufung ans Frankfurter Museum für Moderne Kunst, wurden kritische Stimme laut. Dass dem Quereinsteiger jegliche akademische Bildung fehle, vom Doktortitel ganz zu schweigen, dass er nicht einmal die klassische Kustodenlaufbahn mit ordentlichem Volontariat absolviert habe.

Wie weit er es gebracht hat als gelernter Optiker.

So ist das immer gewesen bei diesem Kerl. Angefangen hat es in den 80er Jahren in seiner Geburtsstadt Düsseldorf. Der junge Optiker-Lehrling interessierte sich ebenso stark für die Kunst wie für die Anatomie des menschlichen Sehorgans. Augenmensch ist er geblieben. Ein Schlüsselerlebnis war ihm zu Schulzeiten, dass seine Kunstlehrerin einen eingeschweißten Kohlkopf, ein Werk von Dieter Roth, in den Unterricht mitbrachte. „Wenn man begriffen hat, dass dies Kunst sein kann, kann man auch die Welt anders sehen“, beschreibt Kittelmann seine damalige Verblüffung.

Bis heute gehört zum künstlerischen Erlebnis für Kittelmann neben dem intellektuellen Vergnügen das Staunen, die Überraschung, ja die Überwältigung. Sein Erfolgsrezept als Kurator aber ist der enge Kontakt zu Künstlern, das Gespräch. Wer ihn nach dem offiziellen Teil einer Galerieeröffnung noch spätnachts mit Malern, Bildhauern und ihren Freunden an der Bar reden, ihnen zuhören sieht, erlebt ihn in seinem Element. Das ist seit den ersten Ausstellungen, die er noch in seiner eigenen Wohnung in Düsseldorf organisierte, seine treibende Kraft geblieben. Der  Beruf des Kurators kam zu ihm, nicht umgekehrt.

„Damals war kaum vorstellbar, dass zeitgenössische Kunst einmal so populär werden könnte“, erinnert er sich. Dabei hat er selbst wesentlich an diesem Boom mitgewirkt als Direktor des Kölnischen Kunstvereins, der er Mitte der 90er Jahre war. Rirkrit Tiravnija kochte bei ihm für alle, der Maler Michel Majerus baute in den Räumen eine Halfpipe, nächtelang zeigte er Musik-Clips. Pop eroberte die heiligen Hallen. Man pilgerte zu den Vernissagen, die Ausstellungen wurden zum Event. So wurde Kittelmann auserkoren, den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu bespielen. Mit Gregor Schneider und dessen „Haus Ur“ als klaustrophobischem Einbau gewann er 2001 prompt den Goldenen Löwen.

Ein Jahr später saß Kittelmann auf dem Direktorenstuhl des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main und verschaffte dem Tortenstück-Bau den erhofften Aufmerksamkeitsschub. Legendär die zur besten Ausstellung des Jahres gekürte Schau mit der amerikanischen Fake-Künstlerin Elaine Sturtevant, die das ganze Haus mit selbst gefertigten Kopien der Werke von Warhol, Beuys, Duchamp und Kiefer füllte. Oder wie der japanische Künstlerstar Takashi Murakami in allen Sälen seine Leidenschaft für Mangas und dralle Pin-up-Figuren ausleben durfte. Kittelmann schaffte es mit derselben Eleganz, in der „Bild“-Zeitung lobend erwähnt zu werden und ernsthaft einen Diskurs über die Grenzen der Kunst zu führen.

So einen, den brauchte Berlin dringend. Die Stadt war zwar seit den Nullerjahren international zur heißesten Kunstadresse avanciert. Ihre Museen aber blieben von dem Trubel rundum seltsam unberührt. Längst machten Galerien und Privatsammler mit ihren mondänen Showrooms in ausgebauten Bunkern und Lofts mehr von sich reden als die offiziellen Institutionen, die es bislang gewesen waren, die Bedeutung von Künstlern festzulegen. Der Hamburger Bahnhof als Schaufenster des Zeitgenössischen verharrte wie gelähmt zwischen den Sammlungen von Marx und Flick, die in dem 10 000 Quadratmeter großen Haus ganze Flügel besetzt hielten. Einer wie Kittelmann würde sich davon nicht bange machen lassen, nachdem er in Frankfurt den Abzug von 500 Werken durch den Immobilieninvestor Bock überstanden hatte und durch eigene Akquisen mit Gewinn aus dem Drama hervorgegangen war.

Und tatsächlich ließ sich Kittelmann auch in Berlin nicht beirren, wo die Gelder noch weniger zur Verfügung stehen wie in der reichen Bankenstadt Frankfurt. Die alten Ordnungen brach er auf, wirbelte die Sammlungen durcheinander. Er überrumpelte die Mäkler mit seiner Antrittsausstellung und nannte sie rotzig „Die Kunst ist super“. Noch heute kleben in Kittelmanns Büro an Schrank und Tür die quietschgelben Buttons in Sprechblasen-Form mit dem kessen Slogan, der gesetzte Kunstconnaisseure schaudern ließ. Der nächste Streich, Carsten Höllers „Soma“-Ausstellung, eignete sich noch weniger für feine Nasen, denn lebende Rentiere wurden für Monate ins Museum einquartiert. Plötzlich füllen sich die Häuser, stimmt wieder der Pulsschlag zwischen Museum und Stadt.

Nicht die Kunst allein befragt der inzwischen 53-Jährige wie zu Beginn seiner Karriere als Kurator, sondern er geht aufs Ganze und will mit jeder Ausstellung neu wissen, was ein Museum ist. Die Antwort liefert er gleich mit: „Es ist der zuverlässigste Ort überhaupt zum Denken für mich, eines der kostbarsten Besitztümer der Gesellschaft.“ Diese Ernsthaftigkeit, die sich vor allem in den Ausstellungen mit den Sammlungsbeständen in der Alten und Neuen Nationalgalerie niederschlägt, droht immer ein bisschen übersehen zu werden hinter dem Lauten, Spektakulären, mit dem er sein Reich den Hipstern und Familien öffnet.

Zu Kittelmanns wichtigsten Partnern zählt der finanzstarke Verein der Freunde der Nationalgalerie, der viele Ausstellungen erst ermöglicht, indem er große Beträge eintreibt. Eigentlich wünscht man sich hier, mehr Klassisches zu sehen. Saracenos schwebende Wolkenstädte, Blasen und Biotope, die die historischen Hallen des Hamburger Bahnhofs zuletzt füllten, wurden da schon mal als Hüpfburg abgetan. Doch Kittelmann, den Spiritus Rector dieses großen Spielplatzes, ficht das nicht an. Schon jetzt hat er seine diebische Freude daran, dass auch die nächste große Schau im Hamburger Bahnhof mit Lichteffekten, dramatischen Strahlern in der abgedunkelten Halle erneut für Furore sorgen wird.

Und danach? Pläne, ach was, Pläne für die nächsten Jahre hat er keine. Sagt er. Vielleicht liegt es nur an diesem Morgen. Aber dann fügt er hinzu: „Ich will mir meine Spontaneität bewahren.“ Sicher sei nur die Unsicherheit. Es zählt der nächste Tag und dann noch der Abend. Könnte sein, dass es heute wieder etwas später wird.

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