Zeitung Heute : Der Disko-Diktator

Dem Goya-Club geht’s schlecht – und er schreibt an Berlin. Wer ist Peter Glückstein?

Armin Lehmann

Gegen 23 Uhr drängt die Unruhe in Peter Glückstein nach außen, er kippelt mit seinem Stuhl, er knetet seine Hände. Da tritt eine Vertraute an den Tisch, sie hat gute Nachrichten. Das „Goya“ ist voll, sie war gerade da, die Stimmung bestens, es werde getanzt. Glückstein flattert wie ein Vogel hoch vom Stuhl. Für ein paar Stunden hat er sich im Café Savigny eine Auszeit gegönnt, sein Lieblingscafé in Berlin-Charlottenburg, Wagenburg des alten West-Berlin. Jetzt muss er zurück in den Kampf, ein paar Kilometer entfernt steht sein Lebenswerk auf dem Spiel. Wenige Wochen nach der Eröffnung steht das Goya vor dem Bankrott.

Das Goya, ein Club, ist Glücksteins neueste Erfindung. Glückstein – 54 Jahre alt, Ex-Maoist, Musiker, Gastronom – hat schon viel ausprobiert. Seine erste Disko, das „Glückstein“, war ein Hit der 80er, die „Bar am Lützowplatz“ hat in den 90ern seinen Namen weit über die Stadt hinaus bekannt gemacht und ist bis heute seine Geldquelle. An diesem Tag trägt Glückstein Schwarz, das passt zum rotblonden Haar oder zur gefühlten Lage und sieht seriös aus. Das Goya ist Gastronomie, Cocktailbar und Diskothek in einem. Erst wird gegessen, dann getanzt, die Umgebung: palastartig. Kritiker haben schon vor der Eröffnung gemeckert. Das sei nichts für Berlin, zu fein, zu exklusiv, viel zu teuer.

Peter Glückstein hat sie alle ignoriert, Bedenkenträger kann er nicht leiden. Ein Freund, der ihn seit 20 Jahren kennt, sagt, er sei der Typ, der immer in Gefahr ist, „der Sucht des allein selig Machenden zu verfallen“. Vielleicht ist auch das Goya das Ergebnis dieses Triebes. Das Goya war seine Idee, und er hat sie umgesetzt, und zwar an dem Punkt, an dem er den Club haben wollte: am Nollendorfplatz, im alten Metropol mit dem „Loft“, in dem Bands hart rockten, wo Junkies dealen, Obdachlose schnorren, wo die schwule Szene zu Hause ist und der Kiez dem allgemeinen Niedergang des West-Berliner Nachtlebens getrotzt hat.

Es war ein „Husarenritt“, so hat er das mal gesagt, er hat Klinken bei Freunden geputzt und bei Gönnern, um das Geld zusammenzukratzen. 2700 Aktionäre, bekannte Persönlichkeiten wie Filmproduzent Atze Brauner oder Hertha-Trainer Falko Götz haben sich Mitgliedschaften gesichert. Für zwölf Millionen Euro hat der Architekt Hans Kollhoff das Metropol dann umgebaut – und jetzt, vergangene Woche, zweieinhalb Monate nach der Eröffnung, musste Glückstein schon kleinlaut freien Eintritt versprechen; er hat das in einem offenen Brief gleich an ganz Berlin geschrieben.

Man muss ein paar Dinge wissen über Peter Glückstein, um zu verstehen, warum ihm das Goya zur Mission geraten ist. Und warum er scheitern könnte.

Es war nicht klar, was aus ihm werden sollte, als Glückstein, geboren in München rechts der Isar, 1971 in seinen Skoda 1000 MB stieg und Süddeutschland verließ. „München“, sagt er, „hat mich ausgekotzt, den Außenseiter.“ 20 war er damals. Die Eltern, sie spielten Geige, er lernte Gitarre, waren entsetzt. Er verließ sie „mit Gewalt, also gegen ihren Willen“.

Peter Glückstein landete in Berlin, in der Kommunistischen Studenten-Vereinigung, er wurde Maoist, er verabscheute andere linke Gruppen für ihr Engagement gegen die Buspreise, das war ihm viel zu kleinkariert, und bewunderte Lenin, weil der die Ehe abgeschafft hatte. 1975 endlich ein Entschluss: Er beginnt ein Musikstudium – und am Ende, trotz der Fünf in Gesang, ist er wie verwandelt. Jetzt will er Geld verdienen mit der Musik. In seiner ersten Band mendelt sich der spätere Peter Glückstein schon heraus: „ein gutwilliger Diktator“, sagt ein Freund, der „unser Bestes will, aber sein Bestes mit unserem Besten verwechselt“.

Die Band, gibt Glückstein zu, „habe ich usurpiert“. Er will den Erfolg unbedingt damals, er ist es, der die Texte schreibt, New Wave als Musiktrend erkennt und sich um einen Plattenvertrag kümmert. Die Sängerin heißt Katharina Franck, später wird sie mit den „Rainbirds“ weltbekannt. Sie bringt ihm die erste Niederlage bei – und er muss erkennen, dass er mit Niederlagen nicht gut umgehen kann. Im Hansa-Studio beginnt die Aufnahme, nach fünf Minuten kommt Franck zu ihm und sagt: „Ich bin raus.“ Er denke nur an sich, er lasse sich nicht beraten. Sein Traum von der Pop-Karriere platzt, „ein Schlag in die Fresse“, sagt Glückstein.

Franck hatte den Punkt getroffen: Er kann nichts aus der Hand geben, aus Angst, die Kontrolle zu verlieren.

Dass es schief läuft mit dem Goya, hat Peter Glückstein anfangs ignoriert. Die erste Woche schlecht, die zweite auch, es wird nicht besser. Kritiker, Freunde, Mitarbeiter sagen, die Musik müsse tanzbarer werden, Glückstein bleibt stur. Sein Konzept sollte die Weltmusik sein. Ist nicht er derjenige, der Trends erkennt, der lange vor der Techno-Welle Technopartys organisiert hat? Er müsste jetzt über seinen Schatten springen, aber Glückstein hasst das, er gibt zu, ein Eiferer zu sein, nur Silke, die Frau, könne ihn vor sich selbst schützen. Er kann wild werden, laut, aggressiv, der „walzt dann selbst beste Freunde nieder“, sagt ein Freund. Auch jetzt, angesichts des drohenden Desasters? Glückstein gibt nach, er ändert die Musik. „Testweise.“

Einmal, erzählt Glückstein, habe er sich gefragt: „Was ist, wenn Goya scheitert?“ Seine Antwort: „Es wäre verhängnisvoll.“ Wie nahe ihm ein Scheitern gehen würde, er sagt es nicht. Sitzt nur da und schweigt, die Augen klein – natürlich steckt da auch sein Geld drin. „Aber auch seine Seele“, sagt der Freund.

„Eine Reihe von Missverständnissen und vorurteilshaften Sichtweisen machen dem Haus zu schaffen“, hatte Glückstein in dem offenen Brief an Berlin geschrieben und damit gemeint, dass das Goya nicht allein für den elitären Kreis der Aktionäre gedacht sei, dass alle Berliner willkommen seien. Und die Strategie scheint aufzugehen. Donnerstag, Freitag und Samstag ist das Goya voll, 20 Minuten muss man in der Schlange warten. Drinnen sieht es so aus, als habe man alle Decks der Titanic zusammengelegt. Durchschnittsalter? Gefühlte 40. Ein älteres Paar, Aktionäre, wechselt auf dem Gang die Schuhe für den Heimweg, ein paar Jugendliche lachen sie aus.

Am Handy meldet sich ein gut gelaunter Glückstein, 2450 Besucher kamen allein am Freitag, doppelt so viele wie sonst an diesem Tag, „Rekordumsatz ohne Eintritt“. Glückstein ist schon wieder ganz auf selbstbewusst getrimmt. Er behalte Recht, nicht die anderen.

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