Zeitung Heute : Der diskrete Charme der Werte

Seit 2001 sammelt die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung medizinische Daten in den deutschen Kliniken. Sind die Zahlen auffällig, wurden sie bisher nur diskret im internen Dialog geklärt. Nun erfahren die Patienten davon

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Die neue Methodik war bei ihm noch nicht angekommen: Jahrelang verzichtete der Chefarzt einer deutschen Herzchirurgie bei Bypass-Operationen auf eine moderne Technik. Das Problem fiel auf, weil der Mediziner in seinem Meldebogen an die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf für 2004 brav die richtigen Angaben machte: Nämlich, dass er fast immer eine Vene aus den Beinen des Patienten verwendet, um an dessen Herzen verkalkte Kranzgefässe zu ersetzen. Nur bei sechs Prozent seiner Patienten nahm der Chirurg dafür die linke Brustwandarterie. Dabei ist diese - wie man bereits seit Anfang der 80er Jahre weiß - dafür wesentlich besser geeignet. Das Risiko eines Herzinfarktes oder einer Nachoperation ist gegenüber der Beinvene deutlich geringer. Deshalb verwenden 77 Kliniken, die in Deutschland diese Behandlung vornehmen, bei durchschnittlich rund 88 Prozent der Fälle diese Arterie als Bypass-Material.

Die Experten der BQS baten den Herzspezialisten im Herbst 2004, seine Technik zu ändern - und setzten vierteljährliche Kontrollen an, ob er nun wirklich häufiger, das heißt mindestens in 80 Prozent der Fälle, die modernere OP-Methode einsetzte. Schon nach den ersten beiden Quartalen 2005 sei diese Quote erreicht worden, heißt es bei der BQS. Die höhere Kontrollfrequenz wurde wieder eingestellt. Ein Erfolg des „Strukturierten Dialogs“, in dem Fachleute der BQS das Gespräch mit den Kliniken suchen, die extrem auffällige – negative wie auch postive – Qualitätswerte vorwiesen. So sollen die Richtigkeit der Angaben geprüft und Wege gefunden werden, um die Qualität zu verbessern.

Die Geschichte des Herzchirurgen ist aber auch ein Argument für die Klinikmanager, die die Qualitätsdaten der BQS weiterhin nur diskret im Schutz der Anonymität diskutieren wollen, statt diese für öffentliche Vergleiche freizugeben. Denn nur so sei gewährleistet, sagen sie, dass die Ärzte bei den Daten nicht schummeln.

Tatsächlich hatten auch Berliner Krankenhäuser zunächst Bedenken, die BQS-Daten für den Klinikvergleich von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin zur Verfügung zu stellen. Kritiker wie etwa der Ärztliche Direktor der DRK-Kliniken, Thomas Kersting, – dessen drei Häuser in der Stadt die Veröffentlichung eigentlich nicht zu scheuen brauchen – sehen bereits das Ende der BQS-Qualitätssicherung heraufziehen: „Durch die Veröffentlichung der Daten geht das System kaputt“, meint Kersting. „Die Werte wurden im Schutz der Anonymisierung gesammelt, um dann im strukturierten Dialog Wege zur Qualitätsverbesserung zu finden. Doch wenn die Häuser erleben, dass ihre Angaben entanonymisiert werden, steigt der Druck, zukünftig nur noch ausgewählte Daten nach außen zu geben.“ Die wertvolle Arbeit der Fachkommissionen der BQS mit ihren ehrenamtlichen Mitstreitern werde so nachhaltig beeinträchtigt.

Ein so riesiger Apparat wie die BQS mit ihren über 1000 ehrenamtlichen Beratern in Gefahr? Seit 2001 sind die Kliniken gesetzlich verpflichtet, an dieser Form der Qualitätssicherung teilzunehmen. Nach anfänglichen Problemen mit der auf den Klinkrechnern installierten Meldesoftware laufe das System seit zweieinhalb Jahren stabil und liefere belastbare Daten, heißt es bei der BQS.

Aber kann man den Ärzten überhaupt trauen, dass sie die richtigen Angaben in die elektronischen Meldebögen für die BQS eintippen? „Sicher gibt es Unterschiede bei der Qualität der Daten“, sagt Michael-Jürgen Polonius. Er ist Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses von Krankenhäusern, Krankenkassen und Ärzten und damit Auftraggeber der BQS. Aber: „Die Mehrzahl ist belastbar. Denn die Chefärzte sind sehr daran interessiert, sich einem ehrlichen Vergleich mit anderen Kliniken zu stellen und nicht einem gemauschelten.“

Und diese Daten eigneten sich durchaus für einen öffentlichen Vergleich - auch wenn das System der BQS primär für die Fachleute gedacht sei. Man müsse die Angaben aber so aufbereiten, dass sie für Laien verständlich werden. Doch dürfe man diese nicht für ein globales Ranking heranziehen, denn das Verfahren messe nach Indikationen, nicht nach den allgemein „besten Häusern“. „Wenn eine Abteilung – etwa die Gynäkologie – einer Klinik nicht so gute Ergebnisse bei der Behandlungsqualität liefert, kann das dem Image des ganzen Hauses schaden“, sagt Polonius. Deshalb sei die Methodik des Berliner Klinikvergleichs, für den die Ergebnisse der Kliniken getrennt nach Indikationen – also den behandelten Krankheitsbildern – aufgeführt werden, auch der fairere Vergleich.

Eine weitere Voraussetzung: Eine solche Datenaufbereitung müsse die unterschiedlichen Risiken der behandelten Patienten berücksichtigen. Denn ein Haus der Maximalversorgung behandle mehr schwer Kranke, zum Beispiel hinfällige oder sehr alte Menschen. Deshalb muss es mit mehr Komplikationen oder Todesfällen fertig werden, als eine Belegklinik, deren (niedergelassene) Operateure sich ihre Kranken aussuchen können – und müssen, weil sie bei der technischen Ausstattung mit Kliniken der medizinischen Maximalversorgung oft nicht mithalten könnten.

Auch diesen Bedenken trägt der Berliner Klinikvergleich Rechnung. In den einzelnen Tabellen wird der Anteil der behandelten Hochrisikopatienten der jeweiligen Klinik ausgewiesen. Außerdem sind 35 der 40 ausgewählten Qualitätskennzahlen (Indikatoren) risikoadjustiert – das heißt, der Einfluss von Hochrisikopatienten auf die Daten wurde statistisch bereinigt – oder aber es war keine Risikoadjustierung nötig, da die Aussage nicht von Risikofaktoren der Patienten beeinträchtigt wird.

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