Zeitung Heute : Der doppelte Mäzen

500 Millionen und ein Krieg der Anwälte: Hat Kunstsammler Gustav Rau seinen Besitz zweimal vererbt?

Josef-Otto Freudenreich

Die 60 Kartons erscheinen ihm wie Wundertüten. Sie sind braun, gelb und rot, und wenn er in den Keller steigt, um wieder einmal reinzuschauen, dann staunt Ernst Haug jedes Mal aufs Neue. Was der Doktor Rau alles aufgehoben hat! Natürlich stecken nicht die Monets, Renoirs und Cézannes in den Kisten. Die sind bei der Unicef. Stattdessen findet der Konstanzer Steuerberater Scheckhefte von Schweizer Banken, Röntgenbilder von Raus Knie, Bleistiftstummel, die an beiden Enden angespitzt sind. Es sei wie ein Krimi, und mache richtig süchtig, bekennt Haug, was für ihn nicht gut ist, weil er erst im Herbst 2003 eine schwere Herzoperation überstanden hat. Als Nachlassverwalter des Rau’schen Erbes hat er einen hochexplosiven Job.

Das liegt daran, dass in diesen Behältnissen das Leben eines sehr vermögenden Mannes versteckt ist, dessen Geheimnisse viele gern enthüllen würden: Gustav Rau, Unternehmer, Freund armer Kinder, Arzt, Kunstsammler. Der Bietigheimer Schwabe war schon reich, als er 1922 geboren wurde. Seinem Vater gehörte eine Autozubehörfabrik, der Sohn verkaufte sie 1970 für 443 Millionen Mark, zog zu Albert Schweitzer nach Lambarene, baute im Kongo sein eigenes Hospital und flog zwischendurch immer wieder nach London, um bei Sotheby’s und Christie’s millionenteure Bilder zu ersteigern. Er kam in Jeans und zu Fuß vom Flughafen Heathrow, weil er das Taxi sparen wollte. Bis zu seinem Tod am 3.Januar 2002 hatte er eine Sammlung beisammen, die auf 500 Millionen Euro geschätzt wird.

Seitdem hat sich daraus ein juristischer Albtraum entwickelt, an dem zwei Dutzend Anwälte beteiligt sind. Stark vereinfacht liest sich die bizarre Geschichte so: Rau hatte zwischen 1971 und 1986 drei Stiftungen gegründet, darunter die „Fondation Rau pour le Tiers Monde“ (Dritte-Welt-Stiftung, DWS), in die seine Schätze eingehen sollten – aus Steuergründen in der Schweiz. Er selbst hatte seinen Altersruhesitz in Monaco bezogen, wo er nach fortschreitender Demenz, starkem Medikamenten- und Alkoholmissbrauch nächtens zuweilen im Pyjama auf Parkbänken gefunden wurde. Zur Pflege wurde er 1998 nach Israel geflogen, begleitet von seinem Privatsekretär Robert Clémentz und seiner Generalbevollmächtigen Sigrid Thost, mit Einwilligung seines Züricher Anwalts Alexander de Beer. Dort kam es zum Bruch. De Beer sagt, die beiden hätten Rau in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ nach Deutschland verschleppt. Clémentz und Thost behaupten, es sei Raus Wille gewesen. Tatsache ist, dass der hinfällige Greis anschließend durch acht Kliniken gezerrt und streng abgeschirmt wurde, seine Testamente änderte und 1999 sein gesamtes Erbe der Unicef vermachte. Ob er damals noch geschäftsfähig war, konnte auch eine Vielzahl von Gutachten nicht klären.

Die Kisten im Keller des Steuerberaters Haug könnten Licht in dieses Dunkel bringen. Sie stammen aus dem Zollfreilager Embrach bei Zürich, wo Rau sein Büro hatte. In ihnen könnten Dokumente schlummern, die die Schenkung an Unicef zumindest gefährden, wie die Schweizer Anwälte Dieter Hug und Stephan Eschmann meinen. Die beiden Juristen sind vom Kanton Zürich eingesetzt worden, um Raus Stiftungen zu überwachen, und sie haben jetzt Listen bei Haug entdeckt, in denen die Bilder und Skulpturen des Sammlers aufgeführt sind. Die Anwälte glauben, dass sie von Privatsekretär Clémentz erstellt wurden. Laut Deckblatt beinhalten die Listen jene Gegenstände, die an Raus Dritte-Welt-Stiftung übertragen wurden. Und damit auch jene Werke, die das Kinderhilfswerk Unicef für sich beansprucht. Das heißt: Rau hat sein Erbe womöglich doppelt vermacht – der DWS und der Unicef. Seit dem Fund der Listen müsse die unendliche Geschichte des Doktor Rau neu geschrieben werden, erklären Hug und Eschmann nun und wittern Morgenluft.

Bisher haben sie sich als Don Quichottes gefühlt, weil sie stets gegen Windmühlenflügel angerannt sind. Der Streit der Gutachter endete im Nichts, die Staatsanwälte sind auf halber Strecke stehen geblieben, als sie die Wohnungen von Clémentz und Thost durchsucht haben. Ermittlungen wegen des Verdachts auf einen Giftmord haben seit einem Jahr kein Ergebnis gebracht. Fest steht nur, dass Rau zum Todeszeitpunkt das Anti-Parkinson-Medikament Amantadin in siebenfach überhöhter Dosierung im Blut hatte. Umso größere Hoffnungen setzen Hug und Eschmann jetzt in die neuen Funde.

Sie stützen ihren Erbanspruch auf weitere Belege: erstens auf eine Schenkung Raus an den Louvre. 1997 hat er dem Pariser Museum ein Bild von Franz-Anton Maulbertsch („Die Apotheose des Hans Nepomuk“) vermacht. Geführt wird es dort als Geschenk der DWS. Zweitens auf die Kataloge von Ausstellungen, in denen Raus Bilder ebenfalls unter DWS verzeichnet sind. Und drittens auf den Briefwechsel von Kunstexperte Clémentz mit dem Pariser Institut Wildenstein vom Februar 1991. Der 62-Jährige bittet darin um die Aufnahme in die Werkverzeichnisse des Instituts. Wichtig sind ihm vor allem sechs Monets, die auf 20 Millionen Euro geschätzt werden, und wichtig ist ihm auch die genaue Bezeichnung des Eigentümers: die DWS.

Clémentz bestätigt das: Er habe auf Anweisung Raus mit Wildenstein korrespondiert. Sein Chef habe stets seine Stiftung als Eigentümerin in den Katalogen haben wollen – und eben auch beim „Monet-Papst“ Wildenstein. Bis heute sind die Monets bei Wildenstein unter „Fondation Rau pour le Tiers Monde“ aufgeführt. Bei der Clémentz-Liste, weder unterzeichnet noch datiert, hält er sich zurück. Es könne sein, dass er sie angefertigt habe, räumt der Vertraute des Verstorbenen ein, aber entscheidend sei, dass Rau sie mit seinem letzten Testament „annulliert“ habe.

Genau das bezweifeln die Schweizer Anwälte Hug und Eschmann und legen den Erbvertrag der Unicef vom 26. Oktober 1999 vor. Darin erklärt Rau, sein Vermögen betrage etwa drei Millionen Mark – „ohne Berücksichtigung der Werte, die er in die von ihm errichteten Stiftungen eingebracht habe“. Für sie ist damit klar, dass Rau seine Kunstwerke an die DWS übertragen hat.

Unicef-Anwalt Anton Maurer hält das für eine „abstruse Argumentation“. Weder die Listen noch der Briefwechsel mit Wildenstein begründeten den Eigentumsanspruch, sagt er. Das könne allein ein notariell beurkundeter Schenkungsvertrag, und der existiere nicht. Ein Gang ins Archiv der Schweizer Stiftungsaufsicht würde im Übrigen genügen, um festzustellen, dass die Bilanzen der DWS nie ein Kunstwerk als Vermögen ausgewiesen hätten. Und wenn Rau die Stiftung als Ausleiherin benannt habe, sei dies aus Anonymitäts- und Fiskusgründen geschehen. Der öffentlichkeitsscheue Mäzen habe nicht als „reicher Eigentümer“ auftreten und keine Steuern zahlen wollen.

Die Empfehlung, ins Archiv zu steigen, empfindet Anwalt Hug wiederum als „Nebelkerzenwerferei“. In dieser Behörde finde sich nichts von Belang, und wenn es irgendwelche Protokolle gegeben habe, dann habe die Entourage von Gustav Rau sie verschwinden lassen. Tatsächlich fällt auf, dass auch in den Kisten von Haug viele Ordner keinen Inhalt mehr haben.

Unterstützt wird Hug inzwischen von höchster Schweizer Stelle. Justizminister Christoph Blocher will wissen, ob die Freigabe des Stiftungsvermögens durch die eigenen Behörden rechtens war. Viele haben sich damals, im August 2001, gewundert, wie die Bilder Raus, die in Embrach aufbewahrt waren, über Nacht nach Köln zur Unicef gebracht werden konnten. Wer die meterdicken Akten zum Fall Rau liest, findet dafür einen interessanten Hinweis in der Korrespondenz von Anton Maurer. Nur aufgrund des „intensiven Einsatzes“ des Berliner Außenministeriums und des deutschen Botschafters in der Schweiz sei es gelungen, die eidgenössischen Behörden „von ihrem willkürlichen Verhalten wegzuführen“. Seitdem stellen sich Hug und Eschmann die Frage, warum sich die deutsche Regierung derart massiv in die Schenkung eingemischt hat. Eine Antwort haben sie nie erhalten.

So wird der Kampf um das Millionenerbe von Rau noch lange währen. Das Konstanzer Landgericht, das im Februar verkünden wollte, ob Unicef das Erbe antreten kann, richtet sich offenbar schon darauf ein. Nach den Funden in Haugs Kisten lässt der zuständige Richter wissen, er könne eine zeitliche Prognose für die Entscheidung nicht abgeben.

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