Zeitung Heute : Der Dorn von Afrika

Diktatur, Korruption, Kriege: Demokratie ist im Kongo ein unbekanntes Wort. Aber nun sind Wahlen – und die Bundeswehr soll helfen

Axel Vornbäumen[Kinshasa]

Die Nacht kommt schnell in Kinshasa, und Ferros Nduakulu weiß nicht, ob er ihr trauen kann. Er hat den Tag über nichts gegessen. Er müsste eigentlich nach Hause. Der Weg ist weit. Und die kurze Dämmerung hat bereits eingesetzt. Doch die Sorge um das Dach seiner kleinen Kirche „Liziba“, hier, am Stadtrand von Kongos Hauptstadt, wo es keinen Strom gibt und auch kein fließendes Wasser, sie ist auch an diesem Abend wieder größer als sein Hunger. Ferros wird bleiben.

„Liziba“, das heißt: die Quelle. Das kleine Kirchlein, das auf den ersten Blick als solches nur schwer zu erkennen ist, soll Quelle der Hoffnung sein, Quelle der Zuversicht auf ein erträgliches Miteinander. Ganz zu Anfang waren es nur einige Plastiksäcke des UNHCR, die einen windschiefen Sichtschutz bildeten, nun aber gibt es eine Trommel, ein Rednerpult und ein paar Wellblechplatten, die vielleicht ein Viertel des Gotteshauses bedecken. Ferros Nduakulu hätte gerne, dass das auch am nächsten Morgen noch so ist.

Im spärlichen Restlicht des Tages sitzt der Prediger genau dort, wo er sonntags immer versucht, seiner Gemeinde zu sagen, dass sie verantwortlich ist für ihr Land und dass sie ganz besonders Acht geben muss in den kommenden Wochen, die die Neuzeit einläuten sollen für dieses riesige geschundene Etwas im Herzen Afrikas, das als Staat nur schwer zu bezeichnen ist. Am 30. Juli wird der Kongo wählen. Es sind die ersten freien Wahlen seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960, seit einer schier endlos währenden Periode der Diktatur, der Willkür, der Korruption, der von unvorstellbarer Brutalität geprägten Bürgerkriege. Es ist ein bizarres Experiment unter den Augen der Weltöffentlichkeit, bei dem eine Bevölkerung, die nicht weiß, was Demokratie bedeutet, die Wahl hat zwischen Kandidaten, die nicht wissen, was Demokratie soll. Nur – das Experiment ist ohne Alternative; etwa 25 Millionen Menschen werden versuchen, dem Kongo eine neue staatliche Legitimität zu verleihen, in der vagen Hoffnung, dass Macht nicht automatisch Missbrauch nach sich ziehen wird.

Es ist dunkel geworden in „Liziba“, und Ferros Nduakulu weiß genau, was dieses in Gleichgültigkeit und Trägheit gefangene Land so dringend brauchte – einen Mentalitätswechsel, bei den Regierenden, aber auch bei den Regierten. „Es müsste jemand gewählt werden“, sagt er, „der die Menschen liebt.“ Nduakulu denkt nach: „Wir brauchen einen Staatschef, der sich verantwortlich fühlt für sein Land, und niemanden, der uns weiterhin durch den Hunger foltert.“

So jemanden gab es noch nie, und so jemand ist auch jetzt nicht in Sicht unter den 32 Kandidaten, die sich für das Amt des Präsidenten bewerben. Joseph Kabila ist es nicht, der amtierende Staatschef, ein menschenscheuer, rhetorisch ungeschickter und am Zustand seines Landes notorisch desinteressierter Präsident, der sich, geschützt von seiner etwa 15 000 Mann starken Präsidentengarde, in seinem Palast verschanzt, allenfalls in einer abgedunkelten Limousine und mit Hochgeschwindigkeit durch die Hauptstadt Kinshasa fährt und dennoch als Favorit in die Wahlen geht. Die kongolesischen Warlords sind es nicht, wie beispielsweise Jean-Pierre Bemba, der sich im Stadtviertel Maluku, am Ufer des Kongo, eine strategisch günstige Residenz errichtet hat, dort willkürlich Straßen sperren ließ und nun mit einer mehrere hundert Mann starken Miliz die Umgebung einschüchtert. Bemba, derzeit Vizepräsident, werden zumindest Chancen eingeräumt, in die Stichwahl zu kommen. Auch unter den anderen, der kongolesischen Bevölkerung zum großen Teil völlig unbekannten Kandidaten zeichnet sich niemand ab, der, wie Ferros Nduakulu hofft, „die Stärke hätte, das Land zu retten“. Der Prediger wird weiter um einen geeigneten Kandidaten beten müssen.

Vor seinem kleinen Haus in Maluku, nur wenige hundert Meter von der Stelle, wo Bembas Milizen mit alten Autoreifen Straßensperren errichtet haben und nun mit ihren Gewehren gelangweilt im hohen Gras am Straßenrand lümmeln, sitzt Pius Mokwa-Mazhuo und macht sich Sorgen. Seine Frau erwartet im Juni das sechste Kind, und der Lehrer kann die 50 Dollar Bestechungsgeld nicht bezahlen, die nötig sind, um bei der Geburt zumindest eine einigermaßen akzeptable medizinische Versorgung im Krankenhaus zu erhalten. 20 Dollar beträgt sein Lohn, doch Pius Mokwa-Mazhuo hat, wie seine Kollegen auch, seit Monaten kein Gehalt mehr gesehen. Er ist müde, und er ist mit seiner Müdigkeit nicht allein. Mokwa-Mazhuo sagt: „Die Leute sind das Leiden so leid.“ Bei ihm im Quartier gibt es viele, die sich in ihrer Hoffnungslosigkeit längst wieder nach den Zeiten des Diktators Mobutu zurücksehnen.

Es ist eine gute Autostunde von Maluku bis in die Innenstadt von Kinshasa, dort, wo das Botschaftsviertel liegt, wo das Hauptquartier der UN-Truppe Monuc ist und wo ab Mitte Juli auch das Kontingent der Bundeswehr stationiert sein wird. Eine ordentlich asphaltierte Straße sorgt für die Verbindung, sogar eine von der EU finanzierte Brücke existiert, auf der, vermutlich einmalig im Kongo, nach EU-Standard Fahrbahnmarkierungen aufgemalt sind. Und doch ist schwer vorstellbar, dass Soldaten den weiten Weg an den Stadtrand machen werden, dabei, sagt Mokwa-Mazhuo, wäre das dringend nötig, „Bemba nimmt uns hier wie Geiseln.“

So haben viele Angst, zur Wahl zu gehen, weil sie nicht wissen, wie es um die Sicherheit in den Wahllokalen bestellt sei. Und dann gibt es die, die Angst davor haben, nicht wählen zu gehen, weil sie fürchten, dass ihnen nachher jemand einen Strick daraus drehen könnte – die Polizei, die Miliz, wer weiß das schon?

In der Tat wird ja auch nur ein Bruchteil der über 53 000 Wahllokale im Kongo von internationalen Truppen geschützt werden. Das Land hat die Dimensionen Westeuropas, und Brigadegeneral Christian Houdet, ein lebenslustiger Franzose, der mit Halbarmhemd gegen die Mittagshitze ankämpft, deutet auf die imposante Landkarte, die an der Stirnseite seines Büros im Hauptquartier der Monuc befestigt ist. „Es ist, als ob ich Soldaten in Berlin, in Rom und Paris stationiert hätte – und dazwischen niemanden.“

Der General ist dennoch weit davon entfernt, „alarmiert“ zu sein, was auch mit seinem unerschütterlichen Vertrauen in die Hubschrauberflotte der Monuc zusammenhängt. Hubschrauber machen Lärm, Flugzeuge auch – so etwas, sagt der UN-Offizier, beeindrucke hier unten in Afrika. „Wir zeigen unsere Stärke, aber wir wenden sie nicht an – das ist der Trick.“ Den Rest sollen die für diesen Zweck nur mäßig vorbereiteten kongolesischen Polizei- und Militäreinheiten besorgen. Deren Ausbildung für den Wahltag beschränkte sich im Wesentlichen auf Hinweise der Internationalen Wahlkommission, dass sie, bitteschön, die Wähler in den Warteschlangen nicht schlagen und außerdem kein „Eintrittsgeld“ für die Wahllokale nehmen dürften.

Pius Mokwa-Mazuo wird mulmig zumute, wenn er an den Wahltag denkt. „Wir haben eine Armee von Banditen, die nie richtig ausgebildet wurde.“ Zur Wahl wird der Lehrer trotzdem gehen, so paradox das alles auch sein mag: „Wenn diese Wahlen scheitern, dann geht dieses Land den Weg ins Verderben.“

Wenn es denn noch tiefer sinken kann. Als „failing state“ ist der Kongo längst am unteren Ende jeder von der internationalen Gemeinschaft aufgestellten Demokratie-Skala. Das rohstoffreichste Land Afrikas, über Jahrzehnte ausgebeutet von Kleptokraten, hängt am Tropf der internationalen Gemeinschaft. Der Staatshaushalt ist zu 57 Prozent fremdfinanziert und dabei doch nicht höher als das Budget einer mittleren deutschen Großstadt. Eine lethargische Bürokratie ist einzig und allein damit beschäftigt, sich selbst zu versorgen. Die neu gebildete Armee FARDC zieht ohne Sold, dafür aber plündernd und vergewaltigend durch den Osten des Landes und strapaziert die Nerven der Monuc, mit der sie zusammenarbeiten soll, aufs äußerste. Die Polizei ist korrupt. Das Gesundheitswesen liegt am Boden. Der Bildungsstand der Jugend geht kontinuierlich zurück. Kinshasa, die Hauptstadt mit ihren geschätzten acht, vielleicht auch zehn Millionen Einwohnern, hat keine Müllabfuhr. In ihr lebt eine Bevölkerung, die den Staat nie als Dienstleister kennen gelernt hat, verunsichert, misstrauisch, desillusioniert.

Auf der Avenue de la paix, der Straße der Friedens, die als Holperpiste längs der stillgelegten Bahnlinie durch den Stadtteil Kisenso führt, steht Bretterbude an Bretterbude, Händler verkaufen Obst, Holzkohle, Haushaltswaren oder weit über das Verfallsdatum hinaus abgelaufene Medikamente. Die Straße ist die zentrale Ader durch Kisenso, und nirgendwo spürt die Bevölkerung so stark wie hier, dass die Spannung wenige Wochen vor dem Unabhängigkeitstag am 30. Juni mal wieder steigt, so wie in den Jahren zuvor. Nach Einbruch der Dunkelheit patrouilliert das Militär verstärkt, dringt in die Bretterbuden ein und nimmt sich, was es braucht – Geld oder Waren. Es ist eine gezielte Einschüchterung, willkürliche Verhaftungen inklusive; es ist die Warnung an das am Boden liegende Volk, den Unabhängigkeitstag nicht für Demonstrationen der Unzufriedenheit zu nutzen.

„Wir fangen wieder an, uns in unseren Häusern zu verstecken“, sagt der Theologiestudent Emmanuel Mayimona Sola besorgt. „Wir können nichts tun“, sagt Fabricio Bisengwa „sie haben Gewehre.“ Der Student der Elektrotechnik hat eine dicke Beule am Kopf, vor ein paar Tagen ist er bei einer Verkehrskontrolle von der Polizei verprügelt worden, weil er sich zusammen mit anderen angeblich gesetzeswidrig an einem Lastwagen festgehalten hat. „Das alles kann nur passieren, weil wir in einem gesetzlosen Land leben“, sagt Bisengwa, der gemeinsam mit seinen Kommilitonen nicht weiß, wie er den Weg von Kisenso zur Universität zurücklegen soll. „Es gibt kein Transportsystem.“

In dem kleinen Laden für Handyzubehör an der Straße des Friedens, wo Fabricio Bisengwa angefangen hat zu erzählen, ist mittlerweile kein Stehplatz mehr zu haben. Immer mehr Bewohner von Kisenso drängeln sich hinein, wollen sich Luft machen, liefern Beispiel um Beispiel für staatliches Willkürhandeln. Einer erzählt von der „totalen Unsicherheit“ des Alltags, ein anderer von einer Trauerfeier, auf der plötzlich Leute ohne jeden Grund verhaftet worden seien. „Ich werde nicht wählen gehen“, sagt plötzlich einer mitten im Laden, „weil es sowieso ein Betrug ist.“ Der Mann redet sich in Rage, er will seinen Namen nicht nennen – „wir warten darauf, dass das Land uns endlich braucht.“

Er ist auch auf die Monuc nicht gut zu sprechen, die angeblich eine Milliarde Dollar im Jahr verschlingt (was falsch ist) und sich hier in Kisenso noch nie hat blicken lassen (was stimmt). In der Tat lässt der tunesische Leutnant Andoumi Klemaies auch an diesem Tag seine beiden Patrouillen-Fahrzeuge mit jeweils sechs Mann blau-behelmter Besatzung nur wieder durch den dichten Mittagsverkehr über die Hauptverkehrsadern von Kinshasa rollen. Der Auftrag für die gut einstündige Fahrt lautet im Wesentlichen: Präsenz zeigen, was so richtig allerdings nur gelingt, als der Patrouillen-Führer seine beiden Fahrzeuge ausgerechnet am Zaun vor dem weiträumig abgesperrten Palast des Volkes zu einer Evakuierungsübung anhalten lässt.

Das sieht martialisch aus und sorgt wiederum bei der für die Palastwache zuständigen Polizei für Irritationen, weil die Aktion vorher hätte angemeldet werden müssen. Für einen bizarren Moment stehen sich die Blauhelm-Tunesier und die schwarz uniformierte Kongolesen gegenüber, sich gegenseitig behindernd in ihren Bemühungen, eine staatliche Ordnung aufrechtzuerhalten, die es so doch noch nicht gibt. Ansonsten aber quälen sich die beiden weißen UN-Transporter durch den Stop-and-go-Verkehr auf dem Boulevard 30. Juin – und die Vorstellung, dass auch nur irgendeiner der Abertausenden am Straßenrand Notiz von den Soldaten nehmen könnte, ist in etwa so grotesk wie die Tatsache, dass jeder Blauhelme auch bei dieser Fahrt wieder eine Karte bei sich trägt, auf der die Handlungsanweisungen für den Fall stehen, dass er in Gefangenschaft gerät. Der erste Satz lautet: „Ihr einziger Job ist zu überleben.“

Ja, die Maßstäbe sind verrückt hier im Kongo, was durchaus doppeldeutig gemeint ist und auch Albrecht Conze zugibt, der stellvertretende Direktor der Monuc. Conze ist dennoch überzeugt, dass das Notwendige getan wurde, um den Kongo auf die demokratische Spur zu hieven, auch wenn er weiß, wie grotesk es bei der Registrierung der Wähler zugegangen sein muss, wo Mitarbeiter der Wahlkommission wochenlang mit dem Laptop auf dem Rücken durch den Dschungel marschiert sind und in abgelegenen Dörfern zu Ohren bekamen: Wieso Wahlen, was ist denn mit Mobutu?

Und doch, sagt der Kongo-Experte, hätten die Kongolesen mit ihrer Registrierung und der Aushändigung der Wählerkarte „zum ersten Mal seit Jahren eine staatliche Leistung erhalten, für die sie niemanden bezahlen oder bestechen mussten“. Die Wählerkarten, sagt Conze, hätten „Fetischcharakter“, das Dokument verleihe Selbstbewusstsein und Identität.

„Die Leute“, hat auch Brigadegeneral Houdet beobachtet, „wollen wählen, unbedingt“, sie seien bereit, auch widrige Umstände dafür in Kauf zu nehmen. „Wir müssen jetzt gewährleisten, dass sie es auch können.“ Die Unterstützung durch die für Mitte Juli erwartete EU-Truppe, inklusive der Bundeswehrsoldaten, hält der General für eine unabdingbare Verstärkung, so eine Art Stärkung des militärisch-symbolischen Komplexes. Nach Einschätzung von UN-Insidern geht es vor allem darum. Nun wartet man angespannt darauf, inwieweit sich potenzielle Unruhestifter davon beeindrucken lassen. Dass die Monuc-Soldaten bei größeren Unruhen etwa die Straße zum Flughafen nicht werden freikämpfen können, gilt als ausgemacht; auch von der Bundeswehr wird das nicht erwartet. Wie war das Motto? Stärke zeigen, aber nicht anwenden – die ersten Schritte Kongos in eine demokratische Zukunft, sie werden ein Balanceakt auf wackligem Balken.

Albrecht Conze ist dennoch froh, dass sie nach langem Hin und Her gewagt werden. Der UN-Direktor sagt: „Wir dürfen dieses Land nicht im Sumpf lassen.“ Der Kongo habe zum ersten Mal eine Chance zur Selbstbefreiung, eine ganze Region in Afrika könne in eine Phase der Stabilität geführt werden.

In Kinshasas Stadtteil Gombe, mitten im Regierungsviertel, steht das steinerne, überlebensgroße Mahnmal für den 2001 von seiner Leibgarde ermordeten Präsidenten Laurent-Désiré Kabila. Es ist einer der wenigen Plätze, an denen Kongos Identität sichtbar wird. Fünf steinerne Fäuste stützen ein Dach, unter dem Kabila in einem weißen Sarg seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Der einstige Präsident ist immer noch beliebt im Volk, doch die Anlage ist auch an diesem Abend menschenleer. An den Zugangsstraßen lagern Milizionäre. Sie haben Hunger und verlangen 200 Franc Kongolais für den Besuch, nicht mal 50 Cent. Es gibt nicht viele in Kinshasa, die sich das leisten könnten. Und so schützen die Soldaten das Denkmal nicht nur, sie isolieren es auch.

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