Zeitung Heute : Der Drache mit den sieben Köpfen

Nicht reich, aber eigen: Die freie Theaterszene in der Hauptstadt wächst und gedeiht wie nirgendwo sonst

Patrick Wildermann
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Immer in Bewegung. Jochen Roller und Saar Magal in der neuen Tanztheaterproduktion „Basically I don't but actually I do“ in...

Freiheit, das ist ein großes Wort. Ein idealistisches, und auch ein schwammiges. „Unter Off-Theater oder Freie Szene fasst man ja sehr vieles, was man nicht zuordnen kann – oder will“, findet Heike Albrecht, die künstlerische Leiterin der Sophiensäle. „Wir sind sicherlich frei in unserem Mut und unserem Risiko, aber nicht in unserer Verantwortung und schon gar nicht in der Bezeichnung, was wir hier eigentlich für Kunst produzieren“. Klar, bei 60 Premieren und zwei Nachwuchsfestivals, die ihr Haus pro Jahr anbietet, gerät man schnell in begriffliche Unschärfen. Die Sophiensäle, 1996 von Sasha Waltz und Jochen Sandig gegründet, bieten klassisches Schauspiel, Dokumentartheater, Performances, Musik aller Sparten und Tanz – wie da ein Label finden? Nicht minder produktiv und vielfältig in ihren Programmen sind das Ballhaus Ost, das Theater unterm Dach, der Theaterdiscounter und viele, viele andere. Die Szene ist immer professioneller, auch immer internationaler, schneller und kurzlebiger geworden.

Am Hebbel am Ufer, seit 2003 eine der interessantesten Plattformen für freie Kunst in der Stadt, fällt die „Lange Nacht der Opern und Theater“ etwa mit dem Festival „Move Berlim“ zusammen, das Brasilien als politischen Tanzkontinent vorstellt – aber HAU-Intendant Matthias Lilienthal kann etliche Künstler aufzählen, die genau so gut einen Querschnitt seines Profils vermittelt hätten. „Selbst Leute, die sich für diese Szene interessieren, schaffen es nicht, einen Überblick zu behalten, was alles nebeneinander produziert wird“, glaubt Georg Scharegg, der Leiter des Theaterdiscounters. Ballhaus-Ost-Leiter Uwe Moritz Eichler begegnet der Unüberschaubarkeit der Off-Szene vor diesem Hintergrund mit „offensiver Spielwut“: In der „Langen Nacht“ überfüllt er sein Theater mit Programm, vom Keller bis hoch zum vierten Stock wird jeder Raum bespielt.

Was Freiheit bedeuten kann, erfährt man vielleicht am besten über ihr Gegenteil. Für viele stand am Beginn ihrer freien Arbeit der Überdruss an den etablierten Strukturen. Für die Ballhäusler Uwe Moritz Eichler und Anne Tismer beispielsweise, für die Betreiber des Theaters „Eigenreich“, auch für Georg Scharegg, der vor der Gründung des Theaterdiscounters acht Jahre lang an verschiedenen Stadttheatern als Schauspieler engagiert war. Als Vorzüge der Freien Szene gegenüber dem als starr empfundenen Stadttheater-Betrieb nennen die meisten Off-Theatermacher: die flachen Hierarchien, die Möglichkeit, Herzensprojekte zu verwirklichen, schließlich die Sehnsucht nach Kontinuität – mit Künstlern und Gruppen über Jahre hinweg Arbeitsbeziehungen aufbauen zu können, was auch einschließt, sich im Falle eines möglichen Flops nicht sogleich wieder zu trennen. Dafür nehmen viele einiges an Unsicherheit im Kauf. Für manche bedeute die Existenz in der Freien Szene die Entscheidung, so Liesel Dechant, Leiterin des Theaters unterm Dach: „Ich lebe lieber von Hartz IV, als an einem Haus Geld zu verdienen und dabei unglücklich zu sein.“ Denn das freilich ist die Schattenseite: Finanziellen Komfort bietet kein Off-Theater. „Die Freiheit hat ihren Preis“, meint Scharegg dazu lakonisch.

Wobei Berlin im Vergleich mit anderen Städten wie Hamburg oder gar München noch gut dastehe, findet Matthias Lilienthal. Als Aufbruchsdatum für die hiesige freie Szene bezeichnet er den ersten Tag der Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds Ende der 90er Jahre, bei dem sich Künstler aller Sparten um Mittel bewerben können. „Das hatte Sogwirkung für viele im freien Bereich, nach Berlin zu kommen und hat auch auf die Spielstätten zurückgewirkt.“ Im Verbund mit anderen Fördereinrichtungen wie der Kulturstiftung des Bundes sei die Basis für Arbeit „auf einem zwar miesen, aber möglichen Niveau“ geschaffen worden. Die Vernetzung der Freien Gruppen untereinander nimmt dabei zu – viele sehen auch die „Lange Nacht“ als Chance, sich kennenzulernen –, zudem wächst gerade der „Landesverband Freie Theaterschaffende Berlin“. In mancher Hinsicht sind auch die Grenzen zwischen Off-Szene und Stadttheater heute fließender geworden, bestimmten Gruppen gelingt es, die Vorteile beider Welten für sich abzuschöpfen.

So blüht und wuchert das Freie Theater in Berlin, Lilienthal spricht scherzhaft von „einem Drachen mit sieben Köpfen, fällt einer ab, wachsen zwei neue nach.“ Aber dass es zu viel sein könnte, das glaubt dennoch keiner der Theatermacher. „Was soll denn ‚zu viel'' bedeuten?“, fragt die Geschäftsführerin der Sophiensäle Kerstin Müller: „Das hieße ja: Es gibt zu viel Sehnsucht der Künstler“.

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