Zeitung Heute : Der Draht zur Wirtschaft kann schon an der Uni glühen

Zum Unternehmer wird man geboren - oder gemacht. Zahlreiche Einrichtungen unterstützen Jungakademiker und Umschüler

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Von Christine Schreiber

Erfolgreiche Unternehmer brauchen fünf Eigenschaften: Kontaktfreude, Kreativität, Leistungsbereitschaft, Mut und eine gesunde Portion Eigennutz. Das hat die Jenaer Psychologie-Professorin Eva Schmitt-Rodermund in einer Langzeit-Studie herausgefunden, für die sie 140 Firmengründer in Ost-Deutschland unter die Lupe nahm. Danach erzielen Gründer mit den „Big Five“ genannten Attributen doppelt so viel Umsatz pro Mitarbeiter wie diejenigen, die nur drei dieser Schlüsselmerkmale aufweisen. Außerdem fand die Psychologin heraus: Wer sich mit 20 selbstständig macht, hat bessere Chancen sich am Markt zu bewähren als ältere Gründer. Und: Die besten Jenaer Probanden träumten schon als Teenager vom eigenen Unternehmen.

Auf das Phänomen „Zum Gründer wird man geboren“ setzen auch immer mehr Hochschulen. Sie fördern universitäre Start-ups, um den – laut Jenaer Forschungsergebnissen angeborenen – Draht vieler Studierender zur Wirtschaft schon möglichst früh zum Glühen zu bringen. Ihre Forschungsergebnisse sollen aus dem Elfenbeinturm befreit und auf dem Markt platziert werden. Christiane Konegen-Grenier und Mathias A. Winde vom Institut der deutschen Wirtschaft (iw) in Köln unterscheiden in ihrer Studie „Hochschulunternehmen“ fünf wesentliche Formen der „Alma Mater GmbH & Co. KG“: Forschungstransferunternehmen, Forschungs- und Gründerzentren, Spin-off-Companies, Beteiligungsunternehmen und Outsourcing-Unternehmen. Geldgeber und Know-how-Träger (Wirtschaft, Banken, Länder und Kommunen) sollen den unternehmerisch orientierten Studiosi eine Brücke in die Wirtschaft bauen.

Vom Gründer zum Arbeitgeber

Hilfestellung bei der Existenzgründung bekommen Akademiker auch noch, wenn sie den Schritt ins Unternehmerdasein erst nach einigen Jahren Praxiserfahrung als Arbeitnehmer wagen wollen. Zum Beispiel bei der Cimdata Akademie für digitale Medien in Charlottenburg. Seitdem dort vor drei Jahren ein Unternehmerforum eingerichtet wurde, haben mehr als 50 Absolventen der Bereiche digitale Wirtschaft und Architektur die Selbstständigkeit gewagt: 30 Firmen wurden gegründet. „In den meisten werden mittlerweile Praktikanten ausgebildet und freie Mitarbeiter beschäftigt, einige haben auch schon festes Personal eingestellt“, berichtet Herbert Tatus nicht ohne Stolz. Der 60-Jährige Personalberater bei der Cimdata-Personalvermittlung coacht die Existenzgründer, hilft ihnen beim Businessplan, bei den Gesprächen mit den Banken und auch bei der Suche nach geeigneten Geschäftsräumen. Denn die Anschubunterstützung ist endlich: Drei Monate lang können die technisch traumhaft ausgestatteten Räume in der Charlottenburger Windscheidstraße 18 unentgeltlich, weitere drei Monate für einen geringen Mietzuschuss genutzt werden. Danach sind die Gründer auf sich allein gestellt. Die Unterstützung aus den Fördertöpfen für den Paragrafen 10 des Arbeitsförderungsgesetzes, mit denen die Arbeitsämter individuelle Projekte fördern, sind dann ausgeschöpft. Und auch Coach Herbert Tattus zieht sich Zug um Zug aus der Rolle als helfender Berater zurück.

Anke Humpert ist vor dem Ende finanzieller und beratender Unterstützung nicht wirklich bange. Die 38-Jährige Architektin hat sich im Sommer mit der Agentur „pertxpert - Raum für interaktive medien“ selbstständig gemacht - gemeinsam mit ihren Kommilitoninnen Susanne Schappert (46) und Sabine Wohlleben (36). Das Team, das inzwischen auch schon einen Praktikanten beschäftigt, entwickelt „individuelle und maßgeschneiderte Lösungen für Ihre online / offline Präsenz". So jedenfalls werben die drei Existenzgründerinnen auf ihrer Homepage www.pertXpert.de .

Dass den Frauen eine „ideenreiche Konzeption, hochwertiges Design und benutzerfreundliche Navigation“ besonders wichtig ist, kommt nicht von ungefähr. Alle drei besitzen Berufserfahrung und wissen, was Kunden zur Weißglut treiben kann. Beispielsweise, wenn aufwändig gestaltete Websites nicht angemessen gepflegt werden und damit die Seitenbesucher eher abschrecken und verprellen statt als Kunden zu gewinnen. Gleichermaßen am Herzen liegen den Gründerinnen aber auch die branchenspezifischen Inhalte.

Architektin Humpert, Bühnenbildnerin Schappert und Grafikdesignerin Wohlleben wenden sich mit ihrem Angebot vor allem an Architekten, Galerien, Künstler, Theater und Verlage. So machen sie zum Pfund, was bei einer Bewerbung für eine Angestelltenposition eine Hürde bedeuten könnte: ihren bunten Lebenslauf. Das Unternehmerinnen-Team kann beispielsweise davon profitieren, dass Architektin Anke Humpert schon parallel zum Studium an der Hochschule der Künste in Berlin an Projekten in St. Pölten, Brandenburg und Paris teilgenommen hat, dass sie sechs Monate ein Projektstipendium im indischen Hyderabad wahrnahm und für verschiedene Architekturbüros arbeitete. Ihr Interesse an Webdesign trug gleich nach dem Hochschuldiplom erste Früchte. Unter anderem erstellte Humpert „Dagoberts Töchter“, eine Website für einen Frauen-Investment-Club. Die einjährige Fortbildung bei Cimdata, durch die sie sich jetzt auch Multimedia-Screen-Designerin nennen kann, bildete für Architektin Humpert den Weg in die Selbstständigkeit.

Von den „Big Five“-Schlüsseleigenschaften - Kontaktfreude, Kreativität, Leistungsbereitschaft, Mut und Eigennutz - der Jenaer Psychologie-Professorin Eva Schmitt-Rodermund nimmt Huppert immerhin vier auch für sich in Anspruch. „Welche fehlt“, schmunzelt die 38-Jährige, „verrate ich aber nicht“.

Welche Schlüsseleigenschaft auf gar keinen Fall fehlen darf, wissen die die Absolventen des Studiengangs Kommunikationsmanagement an der design akademie Berlin bereits vor der ersten Vorlesung. Die überwiegend um die 20 Jahre alten Bewerber werden in einer Gesprächsrunde, an der maximal fünf Kandidaten teilnehmen, kritisch auf ihre Eignung für die Branche unter die Lupe genommen. Und das auch erst, nachdem sie eine überzeugende Probearbeit (Aufwand etwa ein Tag) abgeliefert haben. Denn die private Akademie achtet bei ihren Ausbildungskandidaten, wie Studienleiterin Kerstin Krüger-Meinz betont, „ganz besonders auf Leistungsbereitschaft“.

Das hat keine akademischen Gründe. Die rund 40 Studierenden, die pro Jahr an der design akademie Berlin aufgenommen werden, müssen für die insgesamt sechssemestrige Ausbildung rund 15 000 Euro aufbringen. Ohne die Bereitschaft, sich nicht nur ehrgeizig hinter die Bücher zu klemmen, sondern auch frühzeitig auf dem Arbeitsmarkt zu bewähren, ist die Ausbildung kaum erfolgreich zu Ende zu bringen. Studienleiterin Krüger-Meinz berichtet, dass fast jeder zehnte der insgesamt 160 Studierenden bereits ein eigenes Kommunikationsbüro gegründet hat und auf eigenes Risiko On- und Offline-Konzepte für größere Agenturen oder mittelständische Unternehmen projektiert und erstellt.

Weitere Infos im Internet:

www.cimdata.de , www.iw-koeln.de , www.uni-jena.de , www.pertxpert.de , www.design-akademie-berlin.de

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