Zeitung Heute : Der Duft der Demokratie

Es war Liebe auf den ersten Blick, als er nach Deutschland kam. Noch immer schätzt der Autor Michael Frayn den Föderalismus und das Schwarzbrot. Heute hat sein Theaterstück über die Spionage-Affäre Guillaume Premiere. Warum ausgerechnet ein Brite über Willy Brandts Rücktritt schrieb.

Moritz Schuller

Michael Frayn findet das Haus nicht. Eine WG war es, das weiß er noch, mit einem Österreicher namens Untertaucher, einem Christian, der damals in Handkes „Publikumsbeschimpfung“ spielte, und mit zwei Frauen. Die Einrichtung war von der Straße aufgeklaubt. Wie heißt das noch? Ja, genau, Sperrmüll.

Der britische Schriftsteller und Dramatiker steht in einer kleinen Straße im Berliner Westen, in der Hand den nagelneuen Falkplan, und weiß nicht wohin. Dabei schien ihm die Straße noch so vertraut, dass er sie sogar in seinem jüngsten Roman auftauchen ließ: „Da ist er wieder, dieser fast peinlich vertraute süßliche Hauch, der sich alljährlich um diese Zeit bemerkbar macht. Ich registriere ihn in der warmen Abendluft, wenn ich an den gepflegten Gärten in meiner ruhigen Straße vorbeigehe.“ Beim Schreiben hatte er sich die Marienburger Allee in Berlin vorgestellt, sagt Frayn, und auch den Geruch von Liguster. Der „ordinäre Geruch von Liguster“, wie er dann im „Spionagespiel“ schreibt, ist für Frayn der Geruch von Deutschland. Doch mehr Erinnerung kommt nicht zurück. Der 70-Jährige findet seine alte Wohnung nicht.

Die Ensslin mit der Knarre

Michael Frayn war 1971 nach Berlin gekommen, um für den „Observer“ zu berichten. Was er damals nach London kabelte, weiß er nicht mehr, nur, dass er begeistert war. „Es war ein Coup de Foudre“, sagt er. Liebe auf den ersten Blick. Bald kam er wieder und machte für die BBC einen Film über die Stadt. Er sprach mit Sebastian Haffner und Friedrich Luft, drehte im Osten (da wollten sie ihn erst nicht reinlassen, weil die BBC der Deutschen Demokratischen Republik angeblich noch Geld schuldete), ging in die „Paris Bar“, wohnte mal in Zehlendorf, mal in der Bundesallee. Politik wurde in Bonn gemacht, und seine deutschen Freunde waren sich einig: „alles Arschlöcher“. Dass Gudrun Ensslin mit einer Knarre in der Hose erwischt wurde, das galt damals noch als großer Spaß. Dem Journalisten kam Berlin wie ein Luxusdampfer vor, beeindruckend, aber funktionslos, „der in den sandigen Ebenen der Mark Brandenburg auf Grund gelaufen war“.

Weil heute Abend sein Theaterstück „Demokratie“ in Berlin Premiere feiert, ist Frayn wieder einmal zu Besuch. Heute vor genau 30 Jahren trat Willy Brandt als Kanzler zurück, und Frayns Doku-Drama hat genau jene Ära zum Thema: Willys Vereidigung, Guillaumes Verrat an Willy, Willys Rücktritt. „Demokratie“ bringt eines der spannendsten Ereignisse der Nachkriegszeit auf die Bühne, mit all den Protagonisten von damals: Ehmke, Wehner, Schmidt, Genscher, Wilke und natürlich Brandt und Guillaume. Nur Egon Bahr fehlt. Als Michael Frayn diese Woche bei einer Podiumsdiskussion in der britischen Botschaft auf Bahr trifft, entschuldigt er sich für den Rauswurf. Darauf Bahr: „Ich kann Sie nur beglückwünschen, dass Sie mich rausgenommen haben. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir Guillaume damals gar nicht eingestellt. Dann hätten sie ihr Stück nicht schreiben können.“

Frayn mag Deutschland, mehr als der durchschnittliche Brite und vielleicht mehr als die Deutschen selbst. „Was mich an der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland fasziniert, ist die eindrucksvolle Erneuerung nach der physischen und moralischen Zerstörung.“ Ihn, den Außenseiter, erfülle das noch immer mit großer Hoffnung. Frayn ist begeistert von einer Epoche, von einer Aufbauleistung, die hier langsam vergessen wird, er ist noch immer verführt von einem Politiker, dessen politischer Enkel langsam das alte Projekt zurückbaut. Er bewundert ein föderales System, das für viele hier nicht mehr funktioniert. In diesen Tagen jähren sich der Rücktritt Brandts und der Machtantritt Thatchers – und die politische Debatte in Deutschland bestimmt nicht der weiche Willy, sondern die eiserne Britin.

Frayn hat Brandt nie getroffen. In London hat er ihn einmal von weitem gesehen, erzählt der Dramatiker. Als Egon Bahr auf dem Podium in der britischen Botschaft mit dem Journalisten Peter Merseburger und dem Historiker Arnulf Baring über Brandt diskutiert, hört Frayn vor allem zu. „Wir waren von seiner Person gefangen“, sagt Baring, der Frayns Stück in London gesehen hat. Verführt waren sie von dem wehrlos wirkenden Machtpolitiker, der aber auch ein kalter Charismatiker sein konnte. In seinem Stück erliegt dieser Persönlichkeit sogar Guillaume, auch wenn Frayn einräumt, Guillaumes Rolle aus dramatischen Gründen aufgebauscht zu haben.

In „Demokratie“ heißt es an einer Stelle, die beiden besten Reden, die Brandt nie gehalten hat, waren der Kniefall in Warschau und die kleine beschwichtigende Geste in Erfurt, vor dem jubelnden DDR-Publikum. Warschau war ein Triumph, und doch, erzählt Bahr in der britischen Botschaft, kam Willy Brandt deprimiert aus Warschau zurück. Brandt wollte zu Polen eine Beziehung wie zu Frankreich, die Polen waren dazu noch nicht bereit. Die Aussöhnung Europas ist Brandts Erbe, findet einer wie Frayn. „Er hat die ersten Schritte unternommen, den Kalten Krieg zu beenden.“ Am Ende der Veranstaltung bekommt Frayn von Bahr dessen jüngstes Buch geschenkt, „Der deutsche Weg.“

Natürlich ist ihm Brandt politisch nah: Michael Frayn ist ein moderater Linker. In den 70ern war er Labour-Anhänger, heute unterstützt er den Kurs von Tony Blair. Frayn, der in Cambridge Philosophie studierte, war lange Redakteur beim „Guardian“, dann beim „Observer“. Ein britischer Sozialdemokrat, wenn es die gäbe, der angezogen ist wie einer der deutschen. Mit weißen Socken und hellbraunen Schuhen mit Gummisohle ist der hagere Mann seiner Berliner Vergangenheit auf der Spur. Am liebsten wäre er noch zur kleinen Insel im Tegeler See gefahren, wie damals.

Alle sind glücklich

Vor einem Jahr ist Michael Frayn mit seiner Frau, der bekannten Biografin Claire Tomalin, in einen Außenbezirk Londons gezogen. In die Nähe der deutschen Schule, als ob er den Deutschen auch in Großbritannien nah sein wollte. Und so kauft der Erfolgsautor nun im deutschen Delikatessgeschäft in Richmond sein Schwarzbrot ein.

„In der Demokratie werden Leute fallen gelassen“, sagt Michael Frayn. In seinem Stück wird Brandt von Wehner und Schmidt fallen gelassen, weil Brandt zu viele Frauen verführt hatte, weil er einem Stasi-Spion vertraut hatte, weil er konfliktscheu war. Frayn lässt offen, wie viel Wehner über Guillaume wusste. Am Ende tritt Brandt noch einmal auf, nach dem Fall der Mauer. „Wir sind geheilt und wieder eins. Eine Zeit lang jedenfalls. Und für eine Weile sind alle glücklich.“

Frayn hatte sich überlegt, ob er versuchen sollte, bei seinem Besuch noch Markus Wolf zu treffen, den legendären Geheimdienstchef und sozusagen Guillaumes Vorgesetzter. Oder Pierre Guillaume, den Sohn. „Aber das hätte wenig Sinn, glaube ich, er ist sehr bitter. Verständlicherweise.“

Als ein anderer Beteiligter von damals sich das Stück in London anschaute, war Michael Frayn gerade auf Lesereise in Deutschland: Vor einigen Wochen besuchte Horst Ehmke, einst Kanzleramtschef, die Londoner Aufführung. Nach der Vorstellung tranken alle zusammen Rotwein, Ehmke erzählte Geschichten von damals. Zum Abschied umarmt er Roger Allam, den Darsteller Brandts, und sagt dann: „Sie riechen ja sogar wie Willy.“

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