Zeitung Heute : DER DUFT DER WELT der Welt Duft SCHLAFANZÜGE MIT PAILLETTEN

Michalsky zeigt Mode und will unterhalten. Wir haben das mal getrennt voneinander betrachtet.

Auf Blau gebaut. Die „Blitzkids“ (o.) sind verliebt in Roboter, Michalskys Models laufen im Schatten des Schädels. Fotos: dapd, dpa
Auf Blau gebaut. Die „Blitzkids“ (o.) sind verliebt in Roboter, Michalskys Models laufen im Schatten des Schädels. Fotos: dapd,...Foto: dapd

Über dem Tempodrom weht an diesem Freitagabend ein süßer Duft. Sind es die Himbeerdrinks, die in glitzernden Dosen verteilt werden? Haben Barbara Becker und ihr Sohn Noah oder Jenny Elvers-Elbertzhagen und Cosma Shiva Hagen so ein betörendes Parfum aufgelegt? Ist es der blaue Blumenkranz, den die Moderatorin Palina Rojinski im Haar trägt?

Michael Michalskys Style-Nite gilt als Höhepunkt der Berliner Fashion Week. Das liegt nicht nur an seiner Mode: Immer spielen Bands auf dem Laufsteg, immer gibt es Kunst zu sehen. 2008 ist Lady Gaga aufgetreten. Diesmal heißt es, Michalsky habe Madonna eingeladen. Auf dem Roten Teppich lärmen die Fotografen dann aber nicht für Madonna, die nicht kommt, sondern für den Fußballer Christoph Metzelder, für die Tatortkommissarin Aylin Tezel, für den Sänger Tim Bendzko, den Rapper Das Bo.

Am Eingang gibt es unsichtbare Stempel. Nur der Türsteher mit seinem Schwarzlichtgerät kann das blaue „M“ zum Vorschein bringen. Es prickelt auf der Haut. Kommt der Geruch daher?

Im großen Saal, kurz bevor die Show losgeht, ist es heiß, riecht noch süßer. Auf den Stühlen liegen pinke Fächer. „Cool bleiben“ steht darauf. 1500 geladene Gäste verteilen jetzt damit den Geruch im Saal, es läuft Fahrstuhlmusik. Sie flüstern sich zu, dass die Zeit seit der letzten Michalsky StyleNite so schnell vergangen ist, dass die Mode dieser Kollektion tragbar sein soll und die Freundin von Wilson Gonzales Ochsenknecht ein absoluter Profi ist. Dann eröffnen vier weiß gekleidete Streicherinnen, mit Augenbinden und Augenklappen die Show, sie spielen Popsongs wie „Sweet Dreams“. Frauen massieren ihre Knöchel oder ziehen unter den Plastikstühlen ihre Schuhe aus. Nach der Männerkollektion baut sich eine weitere Band auf, die Blitzkids. Frontfrau Nomi singt zu Achtzigerjahre-Sound: „Ich bin verliebt in einen Roboter.“ Mit den Händen formt sie ein Herz. Dann ertönt ein Summen wie von riesigen Hummeln, Vogelzwitschern, die weiße Schiebetür öffnet sich. Es erscheinen zwei riesige Totenköpfe aus Blüten. Kommt daher der blumige Geruch? „Billige Nachmache“ heißt es im Publikum, weil der Künstler Damien Hirst derzeit in London einen Diamantenschädel ausstellt und Jil Sander auch schon aufwendige Blumendekoration auf dem Laufsteg zeigte.

Als die Damenkollektion von pastell in dunkel wechselt, beginnt der Bass zu dröhnen. Viele halten sich die Ohren zu. Starfriseur Udo Walz betrachtet mit offenem Mund die Models, um den Hals hat er eine EM-Blumenkette in Schwarz-Rot-Gold gelegt. Bei genauerem Hinsehen ist es ein Batikschal. An der Bar riecht es plötzlich ganz anders. Kellner tragen Gläschen mit Gurke-Mochito-Gelee umher. Minze, erfrischend. Und weil Michalsky ein Berliner Designer ist, riecht es kurz darauf nach Currywurst. Dazwischen verteilen Firmen Aufkleber fürs Smartphone und Elektrozigaretten.

Am Ausgang liegen pinke Plastikpakete. Darauf ein Herz, darin: Erfrischungstücher. Sie riechen intensiv nach Blumen. Das war es also. Julia Prosinger

Bei aller Show konnte man leicht vergessen, warum man eigentlich ins Tempodrom gekommen war: um Michael Michalskys Entwürfe zu sehen, die unter dem Motto „Personal Sunshine“ standen. Zum ersten Mal wurde die Männerkollektion eigenständig präsentiert. Der Designer kombiniert hier stilsicher sportive und schicke Elemente: Konsequent werden etwa Sneaker zu Anzügen getragen, manchmal auch schwarze Baseballcaps. Unter den Shorts blitzen weiße Sportsocken auf. Für eine elegante Note sorgen weiße Lederhandschuhe, die sich später in einer glitzernden Pastell-Variante bei den Damen wiederholen werden. Leichte Sommeranzüge in den Tönen Beige, Sand und Wasserblau machen den Anfang. Als Kontrast folgt eine Reihe schwarzer Outfits mit Longsleeves, kragenlosen Hemden, tief sitzenden Anzughosen, Blousons und Lederjacken. Das schwarze Einerlei wird erst durch Kleinigkeiten wie farbige Ketten an den Hosen oder Blumenanstecker auf der Brust aufgelockert, dann auch durch einzelne Hosen und Oberteile in Koralle oder mit Kaleidoskop-Mustern.

Ganz ohne weibliche Unterstützung wollte Michalsky die Herren wohl doch nicht lassen. Mittendrin mischt der Designer eine Frau unter die Jungs. Ihr Kleid, eine schwarze Ledercorsage mit einem weiten Rock, wirkt wie eine Brücke zur folgenden Damenkollektion. Michalsky betonte im Vorfeld, ihm sei wichtig, dass die Models nicht zu dünn seien. Doch mit dieser Überraschung hatte niemand gerechnet: Die hochschwangere Österreicherin Patricia Kaiser präsentierte freudestrahlend ihren Bauch auf dem Laufsteg. Das Publikum jubelte.

Auch bei den Damen sind frühlingshafte Pastelltöne vorherrschend. Einfarbige Teile werden mit einem leicht getupften Print kombiniert, teilweise auch mit bunten Glitzerapplikationen, die aber etwas zu viel des Guten sind. Sehr tragbar wirken die Hosenanzüge sowie Kostüme mit hoch sitzenden Bleistiftröcken und Kurzmänteln im Stil von Jacky O.

Doch die Zuschauer sind vor allem gespannt, was Michalsky für den besonderen Anlass zu bieten hat. Abendkleider machen dem Designer immer besonders viel Spaß. Diesmal überzeugen vor allem die eleganten bodenlangen Kleider und Einteiler mit weitem Bein. Mehrere Chiffonlagen übereinander, oftmals mit Rollsaum als Abschluss, wehen beim Gehen. Verschiedene Materialien treffen aufeinander: plissierter Chiffon, Pailletten und Seide. Nicht ganz so gelungen sind dafür die komplett paillettenbesetzten Hosenanzüge, die an Schlafanzüge erinnern.

Abgesehen von kleinen Ausrutschern stellt Michalsky zwei geschmackvolle Kollektionen vor, die weder zu sexy noch zu langweilig sind. Wer das Außergewöhnliche erwartet hat, ist vermutlich enttäuscht worden. Aber es gab ja noch die große Party drumherum. Regina Lechner

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