Zeitung Heute : Der Ehrenretter

Unter Brüdern: Franz Georg Strauß tritt im Prozess gegen Max als Zeuge auf

Mirko Weber[Augsburg]

Es ist schon fast ein Ritual geworden. Zu Beginn der Verhandlung fragt der Vorsitzende Richter Maximilian Hofmeister den Angeklagten immer, wie es ihm gehe. „Ganz guat“, antwortet Max Strauß, der sich vor der Zehnten Augsburger Strafkammer wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung verantworten muss. Das klingt immerhin ein bisschen besser als die bisherige Auskunft „so lala“. Hofmeister löst eine Schlaufe, die um vier große Aktendeckel gebunden ist und schaut vom einen Strauß zum anderen.

Im Zeugenstand sitzt der sichtlich fidele Franz Georg Strauß, zwei Jahre jünger als Max, ungefähr gleich groß, aber deutlich schlanker. Sein rechter Arm ruht auf der Stuhllehne, in Bewegung sind allein seine Füße, die den eigenen Sprechrhythmus mit der Schuhspitze nachtippen. Jeder Satz mit Ausrufezeichen zieht einen kleinen Kick nach sich. Zu Beginn des langen Verhandlungstages sind es etliche.

Zum Beispiel, als er die oft geäußerte Behauptung kommentiert, der Waffenhändler Karlheinz Schreiber sei für Max Strauß eine Art Ersatz-Vater gewesen. „Wer Franz Josef Strauß zum Vater hat, der braucht keinen Vater-Ersatz.“ Und noch ein kleiner Kick mit dem Fuß, als es um die Beziehung zwischen dem Waffenhändler und Vater Strauß geht: Schreiber habe „nie auf dem Nachtkästchen meines Vaters gesessen“. Und dann die wohl wichtigste Äußerung des Prozesstages: Max Strauß habe „nie Geld von Schreiber bekommen“. Der Bruder Franz Georg wisse das aus Gesprächen mit Bankmitarbeitern.

Manchmal aber rutscht Franz Georg Strauß auch auf dem Sitz herum, als ob er nicht so recht wüsste, wohin. Das passiert vor allem dann, wenn Maximilian Hofmeister und seine Beisitzer Zweifel säen an der Interpretation von historischen Ereignissen seitens des Zeuges. Beim vorherrschenden Thema am Dienstag ist das nicht verwunderlich. Es geht um Freundschaft, um Vertrauen. Und vor allem um enttäuschtes Vertrauen.

Der gelernte Werbekaufmann Franz Georg Strauß ist in letzter Zeit vor allem damit beschäftigt gewesen, Material zu beschaffen, mit dessen Hilfe sein Bruder entlastet werden könnte und zugleich auch ein Teil der verloren gegangenen Familienehre wiederherzustellen wäre. Franz Georg Strauß will also etwas kitten. Dazu ist es aus seiner Sicht aber erst einmal notwendig, etwas zu zerschlagen, er nennt es „Legenden“. Absurd sei zum Beispiel, wenn fortwährend behauptet werde, sein Bruder habe von Schreiber angelernt werden sollen. „Das ist alles blanker Unsinn.“ Karlheinz Schreiber erscheint in den Schilderungen von Franz Georg Strauß als klassisches Exemplar des Windhundes mit „ungeheurer Redegabe“, nur hat das anfangs offenbar keiner in der Familie Strauß bemerkt. Das Verhältnis sei dann aber abgekühlt, als Schreiber in einem kanadischen Immobiliengeschäft Anfang der 80er Jahre fast fünf Millionen Dollar des Familienvermögens verspekuliert hatte, freilich nicht, ohne danach zu versuchen, den Einsatz auf dem Prozessweg wieder zurückzuholen. Spätestens nach dem Tod des Vaters 1988 habe man jedoch gewusst: „Das Geld ist weg“, sagt Strauß.

Der Hauptzeuge der Anklage behauptet jedoch, die Strauß-Familie habe später noch Geld von Schreiber bekommen als Ausgleich für das verpatzte Immobiliengeschäft. Jene 2,66 Millionen Euro, die Max laut Anklage erhalten und nicht versteuert haben soll.

Max und Franz Georg schauen sich nicht ein einziges Mal an, aber die Bruderhilfe läuft auch ohne Blickkontakt. Franz Georg redet sehr schnell und ist stets auf der Hut. Seine Taktik allerdings ist eigentümlich. Er selber habe Schreiber nicht besonders gut gekannt, gibt er zu Protokoll, aber die Sekretärin seines Vaters, Erika Neubauer, habe ihm kurz vor Weihnachten des letzten Jahres noch einmal bestätigt, dass „kein enges Vertrauensverhältnis“ zwischen FJS und Schreiber bestanden habe – und gleich gar nicht zu Max. Schreibers Briefe, die Mitte der 80er Jahre nach München gehen und hauptsächlich jene Airbus-Verkäufe zum Thema haben, in deren Abwicklung Max Strauß verstrickt gewesen sein soll, sprechen diesbezüglich eine andere, intime Sprache und werden prompt vom Gericht zitiert. Schreiber schlägt FJS „Rehbockschießen“ zwecks Kundenfang vor und verbleibt herzlichst „stets dein Karlheinz“. „Weiteres mündlich über Max“, heißt es an anderer Stelle. Aber Max Strauß, sagt Bruder Franz Georg, habe nie und nimmer von diesen Geschäften gewusst. Franz Georg wohnte damals nach einem längeren Aufenthalt in Frankfurt wieder daheim, in einer Art Männer-WG mit dem Vater und dem Bruder, nachdem „der Mittelpunkt unserer Familie“, Marianne Strauß, verstorben war. Franz Georg baut den TV-Sender „Weiß-Blau“ auf, Max studiert aufs juristische Examen, der Vater regiert. Über Geschäftliches sei daheim nicht gesprochen worden, sagt Franz Georg, „nie“. „Dann haben Sie also nebeneinanderher gelebt“, fragt das Gericht. Franz Georg Strauß bejaht, Schulter zuckend. Als Reisebegleiter seien die Brüder gefragt gewesen, als Kommentatoren nicht. Einmal hätten sein Vater und der amerikanische Airbus-Unterhändler „die eine oder andere Flasche Rotwein geleert“, und dann habe es geheißen: „Josef, you’ve got the deal.“ Da lächelt das Gericht, trotz allem.

Franz Georg Strauß, der nach eigenem Bekunden „immer froh gewesen“ ist, wenn er „bei Problemen schon aus der Tür war“, hat vor zwei Jahren angefangen, selbst zu recherchieren. Als Erstes ist er im Sommer des Jahres 2002 zusammen mit einem Zeugen nach Kanada geflogen, um Karlheinz Schreiber zu treffen. Schreiber habe bei einem zweiten Treffen versichert, vor der zuständigen Staatsanwaltschaft auszusagen. Bei einem dritten Treffen soll er sein Versprechen widerrufen haben. Das Gespräch verlief „nicht in großer Freundschaft“, sagt Strauß, zuletzt seien bei Schreiber wieder „die Stahlrollos runtergegangen“.

Franz Georg Strauß hat dann Ende des letzten Jahres noch einen Versuch gestartet, das Geheimnis um die angebliche Zahlung an Max Strauß zu lüften. Er fuhr nach Liechtenstein, er war in der Bank, und man hat ihm Auskunft gegeben. Etwas Schriftliches aber hat auch Franz Georg Strauß nicht. Nur eine mündliche Äußerung: „Max Strauß hat das Geld nie bekommen!“ Für einen kurzen Moment schaut sein Bruder hoch in Richtung Zeugenstand.

Das Gericht kann Franz Georgs Aussagen nicht nachprüfen, denn Liechtenstein ist in Steuerstrafverfahrenssachen nicht zur Rechtshilfe verpflichtet. „So ist Europa!“, sagt dazu Richter Hofmeister.

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