Zeitung Heute : Der ehrliche Betrüger

Ein Bauskandal – es geht um 1,3 Millionen: Einer stieg aus, wurde verurteilt, die Auftraggeber nicht. Nun läuft er Sturm gegen die Justiz

Ralf Schönball

Ismael Yüksel geht voraus, den schmalen Flur entlang, rechts durch die Küche ins Esszimmer. Ein großer Tisch steht hier, dahinter eine rustikale Holzbank. In der Ecke, an der Wand, gibt es noch einen Tisch mit einem Computer. Gegenüber ein schwarzes Ikea-Regal voller Aktenordner. Die Wände sind tapeziert mit Fotos. Die meisten Aufnahmen zeigen zwei Kinder: Jasmina und Benny. Auf einigen Bildern aus früheren Jahren ist er selbst zu sehen, ein zufriedener Vater aus der türkischen Provinz Samsun. Nur die Mutter fehlt. Ismael Yüksel ist allein erziehend. Seit 1999 – „als das alles losging“.

„Als ich mich bei der Polizei selbst angezeigt hatte, da wusste meine Frau, dass große Probleme auf uns zukommen würden“, sagt er. Der gedrungene, kräftige Mann stützt seine Handflächen auf die Oberschenkel, beugt sich nach vorne wie ein Ringer, und die kastanienbraunen Augen blicken starr geradeaus: „Sie wollte das alles nicht mitmachen“, sagt er. Er akzeptierte es. Sie trennten sich. Für seine Frau ging das Leben geordnet weiter – in zweiter Ehe. Für Yüksel steht die Zeit seit 1999 still. Seitdem dreht sich sein Leben um die Aufarbeitung eines Falles von Betrug und Untreue, in den er selbst verwickelt ist.

In dem Raum gibt es keine kräftige Farbe, außer in dem Flechtkorb auf dem Tisch – dort liegt eine Orange. Als Obst- und Gemüsehändler hatte sich Yüksel in den 80er Jahren zum ersten Mal selbstständig gemacht. Ein einträgliches Geschäft, gemessen an der Arbeit, der er vor Erteilung der unbegrenzten Aufenthaltsgenehmigung nachging: der nächtlichen Reinigung von U-Bahnhöfen. In den 90er Jahren zog es ihn in die Bauwirtschaft. Die Wiedervereinigung bescherte der Branche in der Hauptstadt Milliardenaufträge. Wieder versuchte es Yüksel auf eigene Faust. Er gründete eine Gartenbau-Firma und nahm zunächst Aufträge als Subunternehmer an. Die Geschäfte liefen gut. Seine Firma beschäftigte sechs Arbeiter. Dann kam sein erster eigener Auftrag. Das war 1999, „als das alles losging“.

Und das kam so: Nachdem Yüksel seinen ersten großen Auftrag fertig gestellt hatte, blieb ihm der Bauträger sein Geld schuldig. „Ich konnte meine Leute, Waren und Lieferanten nicht bezahlen“, sagt Yüksel. Sein Auftraggeber schlug ihm Folgendes vor: Yüksel sollte bei einem neuen Projekt des Bauträgers wieder die Gärten anlegen, dafür aber viel mehr berechnen, als die Arbeiten wert waren. Von dem zusätzlich erhaltenen Geld könne er dann den ausstehenden Lohn für den früheren Auftrag abziehen. Den Rest der zusätzlichen Mittel sollte er zurückzahlen an seinen Auftraggeber. So kassierte der Bauträger „Schwarzgeld“, am Fiskus vorbei.

Das war der erste „Kick-back“, wie es im Ermittler-Deutsch heißt. Weitere sollten folgen. Insgesamt zählte die Staatsanwaltschaft „fehlgeleitete Kreditmittel“ in Höhe von über 1,3 Millionen Euro. „Das hätte ich nie machen dürfen“, sagt Yüksel heute. Denn schon kurz nachdem er sich in dem kriminellen Netzwerk verfangen hatte, kam der Ruf des Gewissens: „Ich war wie gelähmt“, sagt der heute Vorbestrafte, „ich war müde, konnte aber nicht schlafen.“ Doch er lebte mit dem Verbrechen und mit der Lüge, dass er ja niemandem schade – bis ein Anruf seine Illusionen zerstörte.

Am Telefon war die Mitarbeiterin einer anderen, ebenfalls auf der Baustelle tätigen Firma. Diese hatte auch ihre Arbeit getan – doch dafür nicht einen Cent erhalten. Im Auftrag des Bauunternehmers hatte Yüksel sie mehrfach vertröstet: Sie werde ihr Geld schon noch bekommen. „Ihr Ausländer seid kriminelle Elemente, hat die mich angeschrien“, sagt Yüksel, „das hat mir wehgetan.“ Der Unternehmer versichert zwar, er habe an den betrügerischen Geschäften „nicht einen Cent“ verdient und mit dem Geld nur die eigenen Leute bezahlt. Doch seit dem Anruf weiß er: „Dieser Betrug hat Unternehmen geschadet und vor allem Menschen.“ Und er war darin verstrickt.

Diese Gewissheit riss ihn aus der Lähmung. Er schrieb die Bank an, die den Bauträger finanzierte – doch es kam keine Antwort. Er ging zur Polizei, zeigte sich selbst an und legte ein Geständnis ab. „Eine große Erleichterung“ habe er gespürt, als er die Polizeidienststelle verließ. Kurze Zeit später lud ihn der Staatsanwalt zu einem Gespräch ein und ließ die Räume der Bank und des Bauträgers durchsuchen. Der Ermittler habe ihm versichert: Der Fall sei klar, spätestens im Jahr 2001 stehe die Anklage. „Ich konnte den Menschen wieder in die Augen sehen“, sagt Yüksel.

Doch ein Jahr verging, dann noch eins – erst im Juli 2003 kam es vor dem Amtsgericht zu einem Urteil: Yüksel erhielt eine neunmonatige Haftstrafe, die gegen Zahlung einer Geldstrafe zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Vorwurf: Beihilfe zum Betrug. „Aber die Betrüger, denen ich geholfen habe, laufen immer noch frei herum“, sagt er. Dass auch andere betrogen haben, ist in der 130-seitigen Anklageschrift zu lesen. Darin heißt es: Auch Yüksels Auftraggeber, der Bauunternehmer, soll sich strafbar gemacht haben. Dessen Gruppe habe mit den Krediten der Allgemeinen Hypothekenbank (AHB; heute: AHBR) und Förderungen des Landes Siedlungen errichtet. Bei einem frei finanzierten Projekt in Potsdam soll er der AHB zu hohe Rechnungen eingereicht haben, damit diese ihm Millionenkredite überwies. Betrug, so die Staatsanwaltschaft.

Strafbar sollen sich außerdem die damaligen AHB-Vorstände um den Vorsitzenden Horst-Alexander Spitzkopf gemacht haben, weil sie Kredite für den Bau einer Siedlung mit 92 Reihenhäusern in Potsdam bewilligt haben. Den Ermittlern zufolge genehmigten sie ein zu hohes Darlehen und übertrugen die finanziellen Risiken dieses Projektes auf die Bank. Damit sollen die Manager Kreditgesetze sowie ihre kaufmännischen Pflichten verletzt haben und bei der Bank einen Millionenschaden verursacht haben. Ein Fall von Untreue, heißt es in der Anklageschrift.

Doch das bestreitet der angeklagte frühere AHB-Chef Spitzkopf: „Der Kredit ist ordnungsgemäß vergeben worden.“ Er habe den gesetzlichen und bankinternen Richtlinien entsprochen und etwas mehr als 90 Prozent des Beleihungswertes betragen. Deshalb sei auch sein früherer Arbeitgeber nie gegen ihn vorgegangen. Die Staatsanwaltschaft habe die zulässige Darlehenshöhe falsch ermittelt. Die Siedlung erwirtschafte eine angemessene Rendite. Die Richter hätten zur großen Überraschung aller Prozessbeteiligten das Verfahren eröffnet.

Doch mit der Verhandlung des Falles haben es die Richter nicht eilig. Deshalb will Yüksel nun die Berliner Justizsenatorin Karin Schubert beim Europäischen Gerichtshof anzeigen – wegen der Verschleppung des Gerichtsverfahrens gegen Yüksels mutmaßliche Komplizen. Justizsenatorin Karin Schubert weist den Vorwurf zurück: „Auf einzelne Verfahren und ihre Ausgestaltung hat nur der jeweils Vorsitzende Richter Einfluss“, sagt sie. Die verfassungsrechtlich verbürgte Unabhängigkeit lasse Richtern weitgehend freie Hand in ihrer Terminierung. „Aus diesem Grund kann es die von Herrn Yüksel gewünschte Einflussnahme auf die Dauer des Verfahrens nicht geben“, so Schubert. Gelassen gibt sich die Justiz – dabei ist viel Zeit seit Yüksels Selbstanzeige vergangen: sieben Jahre!

Wann es zum ersten Verhandlungstag kommt, ist bei Gericht unklar: „Wegen der großen Belastung durch aktuelle Haftsachen kann die Strafkammer am Landgericht keinen Verhandlungstermin nennen“, sagt Justizsprecher Arnd Bödeker.

Die Dauer des Verfahrens, Zusagen von Ermittlern, die nicht eingehalten wurden, das sind Gründe dafür, dass Yüksel bald jedes Mittel recht war – „damit die ganze Wahrheit ans Licht kommt“. Auf der Baustelle seiner Auftraggeber zerstörte er die Abwasseranlage. An die Wände schrieb er in großen Lettern: „Dies ist die Baustelle von Betrügern!“ Seine Tat hatte er seinen früheren Geschäftspartnern zuvor sogar angekündigt in zwei Faxen an die Büros des Bauträgers und der Bank.

Dann suchte er den Bauträger auf. Die Justiz hatte vergeblich nach dessen Wohnsitz gefahndet. Yüksel fand ihn. Er bedrohte ihn mit einer Axt und schlug ihn mit den Fäusten nieder. „Die Angst habe ich überwunden“, sagt er. Das gilt auch gegenüber der Justiz: „Dieser Bauträger ist mit einer Firma seiner Frau immer noch tätig und schädigt jetzt andere Menschen“, sagt er. Seine Gewalttaten bereut er nicht, auch nicht, dass er dafür verurteilt wurde. „Wenn die Justiz nicht für Gerechtigkeit sorgt, dann muss man sich selbst für sein Recht einsetzen“, sagt er. Nur bricht er das Recht, das er selbst für sich einklagt.

Für Yüksel ist es kein Zufall, dass bisher kein Termin zur Verhandlung des Falles anberaumt wurde. Unterbrechungen, Verzögerungen und Verschleppungen habe es während der Strafverfolgung der früheren Spitzenmanager immer wieder gegeben. „Diese Leute sind sehr einflussreich“, glaubt Yüksel. „Aber das Strafgesetzbuch darf nicht nur für Arme gelten.“

Yüksel selbst hat seine Chancen vertan. „Ich lebe von Sozialhilfe“, sagt er ungerührt. Seine Augen sind leer. Keine Trauer. Keine Angst. Kein Gefühl. Er erzählt, wie seine Auftraggeber ihn gewarnt hatten, bevor er das betrügerische Spiel auffliegen ließ: „Seien Sie nicht so moralisch, denken Sie wie ein Geschäftsmann!“, hätten sie gesagt. Aber er ließ sich nicht umstimmen. „Ich habe die besten Jahre meines Lebens damit verschwendet“, sagt der 46-Jährige. Für einen langen vergeblichen Kampf?

Zwei große Bilder hängen zwischen den Familienfotos an den Wänden des Esszimmers. Das eine ist in einen reich verzierten, goldfarbenen Rahmen gefasst. Es zeigt einen Pilger auf einer Anhöhe. Er sitzt auf dem Boden im Schneidersitz, über den Koran gebeugt. Im Tal unter ihm liegt Mekka. Yüksel sagt: „Man darf nicht auf etwas warten, das von Gott kommen könnte.“ Der Herr habe alles erschaffen, aber es liege an jedem selbst, das Gegebene zu ergreifen. Ein Sinnbild für Yüksels Kampf um Gerechtigkeit: „Auch sein Recht muss man sich holen“, sagt er. Dafür scheint er zu allem bereit.

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