Zeitung Heute : Der ehrliche Kamm

Wie britische Künstler auf die Auswüchse der Industrialisierung reagierten

Ulrich Clewing

Zwei fein ziselierte Flügel aus Silber, grün schimmerndes Email, eine Perlmutscheibe in der Mitte, das Ganze kaum größer als zehn Zentimeter: Auf den ersten Blick ist das ein vielleicht etwas extravagant verzierter Kamm, den Almut Wager aus München auf der Ars Nobilis anbietet. Wenn man jedoch etwas genauer hinsieht, verbirgt sich hinter diesem Haarschmuck ein Stück komplexer Geschichte, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart reicht.

England ist das Land, in dem die Industrialisierung früher begann als irgendwo sonst. Und daher ist es nicht verwunderlich, dass sich dort auch die Kritik daran als Erstes regte. Noch heute steht der Begriff des Manchester-Kapitalismus als Synonym für extreme Arbeitsbedingungen und rücksichtslose Ausbeutung. Gegen Mitte des vorletzten Jahrhunderts waren die Auswüchse industrieller Fertigung mit all ihren unerwünschten Begleiterscheinungen in Großbritannien so hervorgetreten, dass sich Widerstand formierte gegen billig hergestellte Gegenstände und amoralisches Geschäftsgebahren.

Einer, der besonders heftig gegen die Zeichen der Zeit polemisierte, war der 1819 in London geborene Kunsthistoriker, Schriftsteller und Architekturhistoriker John Ruskin. In seinem 1853 erschienenen Buch „The Stones of Venice“ propagierte er das Ideal mittelalterlicher Handwerkszünfte als ethisches Handlungsmodell für die Zukunft. Und so geschah es, wenn nicht überall, so doch zumindest in weiten Kreisen der Künstlerschaft. Bis die „Art Workers Guild“ von Walter Crane und L.F. Day gegründet wurde, dauerte es allerdings noch eine geraume Weile. 1888 rief er dann die „Arts and Crafts Exhibition Society“ ins Leben. Das Ziel war, gediegene, ehrliche Arbeit zu leisten und die Welt dadurch schöner und besser zu machen.

Dies ging einher mit der Suche nach einem künstlerischen Stil, welcher der sozial engagierten „Arts and Crafts“-Bewegung kongenialen Ausdruck verlieh. Die an Naturmotiven orientierte Gestaltung, die sich auch an diesem etwa 1892 entstandenen Haarsteckkamm zeigt, entsprach diesem Bedürfnis so sehr, dass sich die Ausdrucksform bald über ganz Europa ausbreitete. In Frankreich und Belgien nannte man es „Art Nouveau“, in Deutschland „Jugend-Stil“.

Ob die Welt durch das „Arts and Crafts-Movement“ signifikant lebenswerter geworden ist, muss wohl offen bleiben. Auf jeden Fall stellen die Erzeugnisse der beteiligten Künstler – und damit nicht zuletzt auch dieser, von den Londoner Juwelieren Child & Child gefertigte Kamm – den frühen Versuch dar, eine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen. Ziemlich viel Gewicht für ein so kleines Schmuckstück.

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