Zeitung Heute : Der Eigenbrötler Charles Paged Wade hat kuriose Dinge gesammelt

Volker Hagedorn

Es ist eine Gegend, in der Enten auf Verkehrsschilder gemalt werden. Damit sie in Ruhe von einem Teich zur nächsten Wiese watscheln können, werden die Autofahrer um Rücksicht gebeten. Aber sie fahren hier, auf den Sträßchen zwischen Cheltenham und Shakespeares Stratford, sowieso besonnen. Wer so viel grüne Hügel um sich sieht, wird mild. Und findet auf einem der Hügel, mit Blick auf fern weidende Schafe, die Mitte des sanften Märchens, das in den Hecken und auf den Hängen der Cotswolds umgeht. Hier, in Snowshill Manor, einem grausteinigen Bau nahe der B 4632, hat Charles Paget Wade gelebt und gesammelt. Ein Mann mit Eigenbrötlerfrisur, Pferdegesicht, Hornbrille und sanftem Lächeln.

Dass sich hinter den fünfhundertjährigen Mauern eines der erstaunlichsten Gesamtkunstwerke der Vorkriegszeit verbirgt, ist nicht zu ahnen. Man geht hinein in der Annahme, eine halbe Stunde werde genügen. Manche kommen erst nach Stunden wieder heraus. Nicht nur, weil es über zwanzig Räume sind. Schon im zweiten Zimmer kommt man ins Sinnieren.

Da steht neben einer lederbezogenen Reisekiste ein chinesischer Schrein, stille alte Uhren blicken sich an, und aus einer Mauernische segnet die Jungfrau Maria den daghestanischen Teppich. Wie eine richtige Sammlung sieht es nicht aus, wie ein Wohnzimmer auch nicht. Aber es beginnt, einen zu umschließen, freundlich und unberechenbar.

Gern trat Wade hier, altertümlich kostümiert, aus dunklen Nischen, um seine Gäste zu erschrecken, etwa die gleichaltrige Virginia Woolf. Wer war er überhaupt? Der einzige Sohn eines reichen englischen Kaufmanns, 1883 geboren. Er hätte die Zuckerplantagen in der Karibik übernehmen können. Oder vom Geerbten ein eigenes Geschäft gründen.

Stattdessen kaufte er mit 36 Jahren Snowshill Manor, um fortzusetzen, was er als Siebenjähriger begonnen hatte. Alte Sachen sammeln. Sie mussten nicht selten oder wertvoll sein. Sie mussten ihm nur gefallen, sie mussten aus der Welt gefallen sein. Alltagsdinge, die darüber trauerten, dass keiner sie mehr brauchte, Kunstgegenstände, die es nicht bis ins Museum geschafft hatten.

Rostige Laternen und javanesische Masken, Taschengloben, Tabakschneider, Schiffsmodelle, Nähkästchen, sechs barocke Weingläser im roten Lackschränkchen, ein Badestuhl, Puppenstuben, Prunkbetten, Kruzifixe und Lederfolianten, Rüstungen, Rattenfallen. Alles. So viel, dass Wade in das Cottage neben dem Haus zog und von dort aus seine gigantische Collage betreute.

Er warf nie etwas weg, erwarb ständig neue alte Funde und dachte nicht daran, ein Museum daraus zu machen. Im Gegenteil. Er wollte den Dingen das Geheimnis wiedergeben, das er als Kind im Kabinett der Großmutter und beim Sachensuchen an der Küste entdeckt hatte, "frei vom einschätzenden Blick der Erwachsenen", wie er schreibt.

Seine Funde sollten sich wohlfühlen unter den schweren Deckenbalken, frei von musealen Etiketten, bereit zu neuer Harmonie, in der eine deutsche Ritterrüstung auf ein spanisches Gesangbuch späht, über dem ein Vogelkäfig hängt. Manchmal kommt es auch zu Treffen unter Gleichen. Eine Herde Spinnräder hier, eine Rotte von Samurais dort. In einer Fußleiste leuchtet ein Fensterchen, hinter dem Wade ein Puppenzimmer mit Kamin eingerichtet hat. Omas und Enkel gehen davor in die Knie, andere Besucher warten geduldig oder gehen weiter, um hinter chinesischen Lackschatullen eine nackte hölzerne Puppe zu entdecken, an der einst Künstler anatomisches Zeichnen übten.

Da weht auf einmal die Freiheit, mit der erst wieder die Objektkunst der sechziger Jahre die Dinge leben ließ. Da stehen und staunen die Besucher vor den Raritäten, als könnten sie hier und heute vielleicht ein großes Rätsel lösen. Was ist das? "Das ist ein Zuckerschneider", erklärt ein alter Aufseher. Ein zierlicher Mann um die Achtzig mit hellen Augen. Er steht in der Fensternische, als habe ihn Charles Paget Wade dort schon vorgefunden. Wenn man aus diesem Traum wieder zurück ins Freie tritt, hört er nicht auf. Draußen ist der Garten, verwinkelt und üppig zwischen Mauern und Torbögen den Hang hinab, und dort gehen die Touristen mit eigentümlichem Lächeln umher, über das Haus nachsinnend und vor allem über seinen Zauberer. "Crazy", sagen sie, und dann gehen sie wieder die zehn Minuten zum Parkplatz, mit Blick auf die fern weidenden Schafe.Snowshill Manor, vom National Trust betreut, ist täglich außer dienstags 13 bis 17 Uhr geöffnet und über Stow-on-the-Wold mit dem Auto zu erreichen.

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