Zeitung Heute : Der eine Tag – und 1096 danach

A. Burchard[M. Kra] S. Jacobs[M. Kra] F. Jansen[M. Kra] B. Kast[M. Kra]

DIE EREIGNISSE VOM 11.9.2001 SIND GENAU REKONSTRUIERT. WIE WAR DAS MÖGLICH?

Die Amerikaner konnten schon sehr schnell nach den Anschlägen die Fotos und Namen der Attentäter veröffentlichen: Plötzlich ergaben alle Puzzleteile, die den Sicherheitsdiensten bekannt waren, ein vollständiges Bild. „Alle Alarmlampen leuchteten“, beschreibt die US-Untersuchungskommission die Atmosphäre vor den Anschlägen, es hat nur keiner Alarm geschlagen. Der Bericht der Kommission, der 567 Seiten umfasst, stützt sich auf alle Quellen, die verfügbar waren, von den Handygesprächen der Flugzeugpassagiere zu den Aussagen der Al-Qaida-Terroristen, die nach den Anschlägen in Pakistan gefasst wurden.

WARUM WURDE DIE FLUGZEUGENTFÜHRUNG SO SPÄT GEMELDET?

Laut dem Bericht der 9/11-Kommission beginnt die Entführung des Fluges AA 11 von Boston nach Los Angeles um 8 Uhr 14. Fünf Minuten später ruft die Flugbegleiterin Betty Ong ein American-Airlines-Büro in Cary, North Carolina, an und berichtet, dass das Flugzeug in den Händen von Entführern sei. Ein Angestellter verständigt die Flugsicherung in Boston um 8 Uhr 29. Die weiß seit 8 Uhr 24, dass es sich um einen Notfall handelt. Weil die Entführer sich nicht mit dem Kommunikationssystem auskennen, verkünden sie statt über den Kabinenlautsprecher auf dem Funkkanal für die Flugsicherung Botschaften: „Wir haben einige Flugzeuge. Verhalten Sie sich ruhig und sie werden okay sein.“ Zu diesem Zeitpunkt hätte die Flugkontrolle also wissen können, dass mehrere Maschinen entführt wurden. Der Satz „Wir haben einige Flugzeuge“ ist schwer verständlich und mit einem arabischen Akzent gesprochen. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis der Satz entschlüsselt wird. Flug AA 11 stürzt in den Nordturm des World Trade Center um 8 Uhr 46 und 40 Sekunden. United Airlines Flug 175 trifft den Südturm um 9 Uhr 3 und 11 Sekunden.

WIE KOMMT ES, DASS DER PRÄSIDENT SO SPÄT REAGIERT HAT?

Als Flug AA 11 in den Nordturm des World Trade Center einschlägt, weiß niemand im Weißen Haus von den Flugzeugentführungen. Präsident George W. Bush befindet sich derweil in Sarasota, Florida. Er ist gerade vor der E. Brooker Elementary School eingetroffen, wo er Kindern vorlesen soll. Berater Karl Rove informiert ihn darüber, dass eine „kleine, zweimotorige Maschine“ in das World Trade Center gestürzt sei. Um 9 Uhr 05 stürmt der Chief of Staff des Weißen Hauses, Andrew Card, und flüstert ihm ins Ohr: „Ein zweites Flugzeug traf den zweiten Turm. Amerika wird angegriffen.“ Trotz der Nachricht bleibt Bush knapp sieben Minuten nahezu regungslos sitzen. Dazu sagt er später, es sei sein Instinkt gewesen, ruhig zu bleiben. Er habe der Nation im Moment der Krise keinen aufgeregten Präsidenten zeigen wollen. Er habe Ruhe und Stärke demonstriert, bis er besser gewusst habe, was los sei.

GIBT ES JETZT SKY MARSHALLS?

In israelischen Flugzeugen waren schon vor dem 11. September 2001 bewaffnete Flugbegleiter an Bord. Die Ausnahme von damals ist zur Regel geworden. Seit 2004 verlangt das US-Heimatschutzministerium den Begleitschutz für einige Flüge in die USA. Zuvor war der Einsatz der Sky Marshalls freiwillig.

Deutschland hatte bald nach den Anschlägen von 2001 Beamte des Bundesgrenzschutzes zu Flugbegleitern ausgebildet. „Ja, es gibt sie“, sagt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. „Aber wir sagen nichts über ihre Ausrüstung, ihre Anzahl und ihre Einsätze.“ Markus Kirschneck, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, sagt, Sky Marshalls begleiten Flüge verschiedener Airlines und Routen – mal allein, mal zu zweit, nie erkennbar für die Passagiere. Nur der Pilot werde informiert, wenn BGS- Leute an Bord

gehen.

SIND DIE CHECK-IN-KONTROLLEN JETZT SCHÄRFER?

An vielen deutschen Flughäfen werden Passagiere und Gepäck zwar von privaten Sicherheitsunternehmen kontrolliert, aber verantwortlich ist der Bundesgrenzschutz. Er prüft die Mitarbeiter der Sicherheitsfirmen und legt Ausbildungsstandards fest. Neu ist, dass aufgegebenes Gepäck seit Anfang 2003 nicht mehr nur in Stichproben, sondern lückenlos kontrolliert wird. Das galt zuvor nur für Passagiere mit Handgepäck. Seit Beginn dieses Jahres werden auch Angestellte am Boden – Verkäuferinnen beispielsweise – überprüft, wenn sie den Sicherheitsbereich betreten. Air-Berlin-Sprecher Peter Hauptvogel berichtet, dass Ausweise für den Sicherheitsbereich neuerdings jährlich beantragt werden müssten und auch das Bordpersonal nicht mehr um Gepäckkontrollen herumkommt.

WELCHEN EINFLUSS HABEN DIE ANSCHLÄGE VON NEW YORK UND WASHINGTON AUF DIE ARBEIT VON POLITOLOGEN GEHABT?

Durch den 11. September, sagt Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin, habe sein Fach die arabisch-muslimische Welt neu entdeckt. Eine Region, die vor den Anschlägen vernachlässigt wurde, und die nach wie vor große Fragen aufwerfe. Ein Beispiel: Sind „Rentierstaaten“, die ihr Kapital aus Bodenschätzen schöpfen und es durch ihre politische Klasse verteilen, überhaupt demokratisierbar? „Wirklich aufregend“ findet Kriegsforscher Münkler die Frage, ob durch den Kampf gegen den Terrorismus präventive Schläge die im Ost-West-Konflikt verfolgte Konvention der Abschreckung dauerhaft ablösen. Unter Beobachtung der Politologen stehen auch die transatlantischen Beziehungen: Spaltet das neue Feindbild des Islamismus den Westen – oder bringt es ihn zusammen?

WAS HAT DER 11. SEPTEMBER IN DER FORSCHUNG VERÄNDERT?

Nach dem 11. September 2001 haben die USA versucht, die Erforschung all jener Substanzen und Mikroorganismen, die sich in eine Waffe verwandeln ließen, zu verstärken. So gab es in den vergangenen Wochen und Monaten Meldungen über effektivere Milzbrand-Impfungen. Es kam aber auch zu einem paradoxen Effekt: Zahlreiche Gifte und Erreger, die man zu Biowaffen machen könnte, werden weniger studiert. Grund sind die verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Sie führen dazu, dass Forschungsinstitute mehr Zeit und Geld für die Untersuchung gefährlicher Substanzen aufwenden müssen – etwas, das sie nicht haben. Andere Forschungsgebiete erleben dagegen einen regelrechten Boom, Beispiel: Untersuchungen zum posttraumatischen Stresssyndrom.

SIND DIE ARBEITSBEDINGUNGEN FÜR WISSENSCHAFTLER ANDERS?

Insgesamt hat die Forschung seit dem 11. September gelitten. Die Einreisebedingungen in das Forschungsland Nummer eins, die USA, haben sich verschärft. Ein Wissenschaftler, der aus dem Irak, aus Iran, Nordkorea oder Syrien kommt, braucht derzeit kaum zu versuchen, in die USA einzureisen. Geplante Kooperationen wurden abgebrochen, andere gekündigt. Viele Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler, die in den USA forschen wollen, müssen mit langen Wartezeiten für Visa rechnen. Einschneidend war auch die Ankündigung im vergangenen Jahr von mehr als 20 der einflussreichsten Wissenschaftsmagazine der Welt, darunter „Science“ und „Nature“, fortan keine Informationen mehr zu drucken, die für Terroristen nützlich sein könnten – etwa bei der Entwicklung von Biowaffen.

WIE HABEN SICH DIE TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN VERÄNDERT?

Unmittelbar nach den Anschlägen galt für Deutschland und Europa die von Kanzler Schröder verkündete „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA. Das änderte sich, als deutlich wurde, dass die Bush-Administration nicht gewillt ist, US-Interessen mit der internationalen Gemeinschaft abzustimmen. Den Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan unterstützte noch eine große Koalition von Staaten. Der anschließende Krieg gegen den Irak wurde nur noch von einer „Koalition der Willigen“ mitgetragen. Mit Folgen für die UN und die EU, die in der Frage des Irakkriegs zu keiner einheitlichen Haltung fanden. Seit Kriegsende bemühen sich Europa und die USA wieder verstärkt um vertrauensbildende Maßnahmen.

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