Zeitung Heute : Der einzige Zeuge

Al Dschasira hat jetzt eine englischsprachige Website

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Eine der Gewissheiten über den IrakKrieg und die Frage, wie er in den Medien gesehen wird, ist die Tatsache: Nichts ist gewiss. Oder besser gesagt: Kaum etwas wird ohne Grund gezeigt. Das gilt nicht nur für die Authentizität der zahlreichen Videobotschaften von Saddam Hussein. Auch der arabische TV-Sender Al Dschasira, der mit unabhängigen Berichten während des Afghanistan-Feldzugs weltweit Aufmerksamkeit gewann, ist ins Gerede gekommen, nachdem er die Bilder gefangener oder toter US-Soldaten in der Hand irakischer Truppen ausstrahlte. Man fragt sich: Welchen Interessen dient das? Zählt das zur Informationspflicht? Vielleicht ist es kein Zufall, das Al Dschasira in diesen Tagen eine englischsprachige Website ins Netz stellt.

Bislang war die Informationsplattform im Internet nur auf arabisch gehalten. Die neue Al-Dschasira-Website macht den Eindruck, als ob sie sich um Objektivität bemühe. Alle Texte zusammen genommen scheint jedoch klar zu sein, wie gut und böse im Irak-Krieg verteilt sind. Oben auf der Seite der aktuelle Stand der Bombenwellen auf Bagdad, darunter ein Stück über die Fehlbarkeit US-amerikanischer „Präzisions“-Bomben sowie über den Hunger der irakischen Bürger, die sich gegen die selbsternannten alliierten „Retter“ wenden. Dazu Fotos gefangener und offenbar toter US-Soldaten und die Frage, inwiefern israelische Lobbys auf den Krieg eingewirkt hätten – US-Minister Donald Rumsfeld hätte Mühe, die Website in seine Propaganda einzubauen.

Angeblich werden die Inhalte unabhängig vom arabischsprachigen Schwestermedium produziert. TV-Chefredakteurin Joanne Tucker, eine ehemalige, des Arabischen mächtige BBC-Journalistin, verspricht Artikel, die westliche Standards halten, jedoch eine neue Perspektive einnehmen sollen. „Ob es dem Westen passt oder nicht, der Krieg gegen den Terror hat mindestens zwei Seiten. Wenn man sich auf eine Seite beschränkt, wird man zum Propagandainstrument. Das haben wir nicht vor.“

Vielleicht sollte man zur Korrektur noch andere Augenzeugenberichte im Internet lesen: zum Beispiel die eines gewissen „Salam Pax“, laut „Telepolis“ der „einzige irakische Zeuge, der online vom Alltag aus der bombardierten Stadt berichtet“.meh

Der Krieg im Internet:

http://dear_raed.blogspot.com/

http://english.aljazeera.net

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