Zeitung Heute : Der Erde ausgeliefert

Die Menschen in der iranischen Stadt Bam hatten wenig Chancen. Das Beben überraschte sie im Schlaf. Und die Zahl der Toten steigt weiter. Auch die Helfer kamen viel zu spät, denn obwohl die Region immer gefährdet war, wurde die Bevölkerung nicht gewarnt.

Andrea Nüsse[Amman]

ERDBEBEN IN IRAN

Die berühmten Dattelpalmen von Bam stehen noch. Ihre Früchte sind in ganz Iran bekannt und einer der Exportschlager der ostiranischen Provinz Kerman. Majestätisch ragen die Bäume bis zu 20 Meter in den Wüstenhimmel. Ihre fächerhaft ausgebreiteten Blätter spenden wohltuenden Schatten. Die Palmenwurzeln finden im sandigen Boden Wasser. Und Halt. Die von Menschenhand gebauten Lehmhäuser der Stadt in Ostiran dagegen finden am Freitagmorgen keinen Halt, als die Erde bebt. Die ein- bis zweistöckigen Häuser verwandeln sich in staubige Trümmerhaufen. Die Zahl der Toten, die unter ihnen bergraben wurden, muss im Laufe des Tages immer wieder nach oben korrigiert werden. 60 Prozent der Stadt und angrenzender Dörfer sind zerstört.

Bis zum Freitagmorgen war Bam eine von etwa 100000 Menschen belebte, freundliche Oasenstadt nahe der pakistanischen Grenze. Weltberühmt war die Stadt neben ihren Datteln für ihre etwa 2000 Jahre alte Zitadelle aus Lehm, in der unbewohnten Altstadt nordöstlich des Stadtzentrums auf einem Hügel gelegen. Der beeindruckende Bau soll völlig zerstört worden sein. Doch aus der Luft sieht am Freitag ganz Bam aus wie eine historische Ruinenstadt in der Wüste, aufgegeben vor Jahrhunderten.

Im Schlaf überrascht wurden die meisten Bewohner der Stadt um 5 Uhr 30 lokaler Zeit von dem Erdbeben, das 6,3 auf der Richterskala anzeigte. Viele hatten keine Chance, sich ins Freie zu retten, sie wurden in ihren Betten erschlagen. Ein Mann läuft schreiend auf der Straße herum: 17 Mitglieder seiner Familie liegen unter einem eingestürzten Wohnhaus begraben, er brauche Hilfe. Doch am frühen Morgen gibt es noch kaum Hilfe und dem Mann bleibt nichts übrig, als allein mit einem Spaten den Trümmerberg abzutragen. Eine 17-Jährige sagt der Nachrichtenagentur Reuters, dass ihre gesamte Familie getötet wurde. Auf den Straßen der Kleinstadt liegen Tote in Decken gehüllt. Menschen weinen und stoßen Trauerschreie aus. 500 Tote sollen nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Kerman bereits am frühen Vormittag beerdigt worden sein. Die Informationen kommen nur spärlich, da die Telefonleitungen zerstört sind. Auch die Wasser- und Stromversorgung ist unterbrochen. Die zwei größten Krankenhäuser der Stadt sind ebenfalls zerstört. Tausende Verwundete können nicht behandelt werden. Zwar werden aus allen Landesteilen sofort Rettungsmannschaften in das Erdbebengebiet geschickt, in der 180 Kilometer nördlich gelegenen Stadt Kerman wird ein Krisenzentrum eingerichtet. Doch die Straßen in Richtung Bam sind verstopft: Tausende Iraner sind in ihren Autos unterwegs, sie wollen nach Angehörigen suchen, telefonisch ist niemand erreichbar. Im Fernsehen wird dazu aufgerufen, nicht nach Bam zu fahren, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern. Später am Tag schließt die Polizei alle Zugangswege für Privatwagen. Am frühen Nachmittag schließlich fordert die irainsche Regierung Hilfe aus dem Ausland an. Man brauche Spürhunde, Medikamente, Decken und Fertighäuser, da die Wüstennächte eiskalt sind. Rußland schickt sofort mehrere Flugzeuge mit Material los, Deutschland setzt Spezialisten des THW in Marsch.

Kaum Vorkehrungen

Obwohl der Südosten Irans eine bekannte Erdbebenregion ist, gab es in der Stadt Bam kaum Vorkehrungen für eine solche Naturkatastrophe. Das lag daran, dass Bam – früher ein Zentrum des Gewürzhandels zwischen Indien und Zentralasien – eine relativ unbedeutende, abgelegene Stadt ist. Die traditionelle Bauweise in der Region, sonnen- oder ofengetrocknete Lehmziegel, sind nicht erdbebenresistent. Dabei hatte die iranische Regierung aus dem verheerenden Erdbeben von 1990, bei dem im Westen des Landes bei Manjil und Rudbar bis zu 50000 Menschen getötet wurden, Lehren gezogen: Eine Zentrale für Naturkatastrophen wurde im Innenministerium eingerichtet, die Bergungsarbeiten koordinieren soll. Die Bevölkerung wurde besser aufgeklärt und vorbereitet. Aber der Leiter des Teheraner Instituts für Erdbeben und Seismologie (IIEES), Ghafory Ashtiany, kritisierte in einem Bericht von 1998, dass sich Iran noch immer zu wenig auf Erdbeben vorbereite. So gäbe es von vielen gefährdeten Städten keine Gefahrenanalysen. Man wisse nicht, welche Krankenhäuser einem Beben standhalten würden. Beim Wiederaufbau zerstörter Städte werde oft am Material gespart und ohne Fachleute gearbeitet, so dass auch die neuen Häuser nicht besser seien als die zerstörten. Der Erdbeben-Experte Bahram Akascheh von der Universität Teheran hatte im Oktober die mangelnde Vorbereitung seiner Landsleute auf Erdbeben kritisiert. „Die meisten Leute denken, wenn Gott es will, wird es geschehen“, sagte er.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben