Zeitung Heute : Der Erde gerecht werden

Die fossilen Energien sind bald erschöpft, das Klima gefährdet. Wir müssen nachhaltig wirtschaften und leben. Was Wissenschaft dazu beitragen kann.

Wolfgang Lucht
Fenster zur Zukunft. Vorhersehen, was auf die Menschheit zukommt, können auch Wissenschaftler der Humboldt-Universität nicht. Mit Zukunftsforschung beschäftigen sich aber viele Fachbereiche. Beispielhaftes finden Sie in dieser Beilage. Foto: Matthias Heyde
Fenster zur Zukunft. Vorhersehen, was auf die Menschheit zukommt, können auch Wissenschaftler der Humboldt-Universität nicht. Mit...

Manchmal sind es ganz einfache Wahrheiten, in denen sich die Herausforderung an eine ganze Zeit ausdrückt. Sätze wie dieser: Mit den alten Rezepten ist unser Wohlstand auf Dauer nicht mehr zu sichern. Mit den alten Rezepten ist gemeint: mit einer materiellen Produktion, welche auf fossilen Energieträgern beruht und dabei Raubbau an der Umwelt und oft an anderen Staaten betreibt. Diese Lebensweise nämlich verändert das Klima auf gefährliche Weise, bringt wichtige Teile der Umwelt an den Rand des Kollapses und ist manchmal nur mit brachialen Mitteln gegen die Konkurrenz einer zunehmend reicheren und bevölkerungsstärkeren Welt zu verteidigen. In einer solchen Situation wird der Wohlstand brüchig. Nachhaltigkeitsforschung an der Humboldt-Universität zielt auf eben diese Kernproblematik.

Nachhaltigkeit ist kein Ziel nur für Gutmenschen. Es geht um mehr: die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaften. Die Öffentlichkeit spürt längst mit unterschwelligem Unbehagen, dass hohe Benzinpreise, die Finanzkrise, Fukushima und geopolitische Spannungen Symptome tiefer liegender Herausforderungen sind. Klimawandel, Abnahme der biologischen Vielfalt, ausgefischte Meere und voranschreitende Entwaldung, Bevölkerungswachstum und Verstädterung sind Zeichen globaler Veränderungen, die diesem Jahrhundert ein ganz anderes Gesicht geben werden, als wir es vom zwanzigsten Jahrhundert noch gewohnt sind. Die Risse, die sich in den Gewohnheiten der langen Nachkriegszeit gebildet haben, in den Grundlagen unseres heutigen Wohlstands, sind längst nicht mehr zu übersehen. Klar ist auch: Wer sich nicht weiterentwickelt, wird zu den Verlierern der Geschichte gehören.

Es wird also ein spannendes Jahrhundert. Die Herausforderungen sind erheblich, aber ebenso die Chancen. In Pessimismus zu verfallen, dafür gibt es keinen Grund. Die Geschichte hat fast jede Generation mit Problemen konfrontiert, die oft schwierig waren und in der jeweiligen Zeit lagen. Dies nun ist die Herausforderung, welcher wir uns gegenüber sehen. Nach Lösungen zu suchen, die Zukunft ermöglichen, ist dabei eine überaus spannende Aufgabe. Sie erfordert gerade von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die ihren Beitrag leisten wollen, Kreativität, Sachkenntnis und geistige Offenheit. Aber wissen wir schon ausreichend, worum es im Kern geht?

Die „Große Transformation“ zu mehr Nachhaltigkeit ist eine Systemtransformation, die ebenso tiefgreifend sein wird wie früher die Abschaffung der Monarchie oder die Einführung des Sozialstaates. Die spürbar werdenden Grenzen des Planeten erfordern von uns eine bewusste Bewirtschaftung der materiellen Ressourcen. Steigerungen der technischen Effizienz bedeuten erweiterten Spielraum für Wachstum und Wohlstand nur, wenn sie die Erde nicht aus der Balance bringen. Welche ethischen Prinzipien und Grundsätze geographischer Gerechtigkeit dabei anzuwenden sind, gehört zu den wichtigsten, aus der Zeit heraus zu klärenden Fragen.

Wissenschaft spielt eine zentrale Rolle für diese Transformation. Es ist ihre Aufgabe, der Gesellschaft die Umrisse einer Karte der verschiedenen möglichen Entwicklungen zur Verfügung zu stellen, welche sowohl Gefahren als auch Chancen, sowohl planetare Grenzen als auch planetare Möglichkeiten aufzeigt. Dies drückt sich in Forschungen in zahlreichen einzelnen Fachgebieten aus.

Es wäre wichtig, dass Gesellschaften noch ernsthafter als bisher in einen Austausch mit den Wissenschaften eintreten, um Wege aus der Krise zu identifizieren. Die großen gesellschaftlichen Erzählungen der Zeit, die Kulturen und Nationen Identität stiften und im Kern die Frage beantworten, wer wir sind und wer wir sein wollen, müssen, wenn sie Zukunft mitgestalten wollen, besser in Einklang mit relevanter wissenschaftlicher Erkenntnis stehen. Ohne eine tiefgreifend in die Gesellschaft eingebettete Wissenschaft wird dies nicht möglich sein.

Die Humboldt-Universität bündelt deshalb derzeit ihre vielfältigen Forschungen zum Zukunftsthema Nachhaltigkeit. Vor drei Jahren wurde zusammen mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die bundesweit erste Professur für Nachhaltigkeitswissenschaft am Geographischen Institut angesiedelt und nach dem Pionier der Erdsystemforschung und Mitnamensgeber der Universität, Alexander von Humboldt, benannt. Eingebettet in zahlreiche weitere Kooperationen mit den leistungsfähigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen der Region Berlin Brandenburg und angrenzenden Ländern werden in Instituten der Universität grundlegende Analysen der Zeit und möglicher Zukunft verfolgt. Dies reicht quer durch die Sozial-, Geistes- und Naturwissenschaften, von der Umweltethik zur Institutionenforschung, von der Satelliten-Fernerkundung zur Bildwissenschaft, von der Ressourcenökonomie zur Stadtforschung.

Diese Forschungen werden im Zukunftskonzept der Universität, das im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes für die Universitäten derzeit in der Begutachtung steht, zu einem Schwerpunkt zur Erforschung der „Großen Transformationen“ in Mensch-Umwelt-Systemen zusammengefasst. Eine Graduiertenschule zum Thema der globalen Nutzung der Landoberfläche der Erde, „FutureLand“, soll eine neue Generation von Forscherinnen und Forschern ausbilden.

Es wird in diesem Sommer zwanzig Jahre her sein, dass die legendäre Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro den Rahmen für den internationalen Klima- und Umweltschutz formulierte. Nun müssen Einzelfragen zu größeren Strategien weltweiter Zukunftsfähigkeit entwickelt werden. Längst geht es um mehr als nur um Wohlstand: Es geht auch um eine friedliche Entwicklung bei knapper werdenden Ressourcen, zwei Milliarden mehr Menschen bis 2050 und bei wachsenden Umweltschäden.

In dieser Krise liegt die Chance, wenn es gut geht, Elemente einer globalen Zivilgesellschaft zu entwickeln, die planetare Grenzen anerkennt und Fragen der Ressourcennutzung mit Prinzipien ausgleichender Gerechtigkeit koordiniert. Auf diesem auch wissenschaftlichen Neuland wäre ein Stück Zukunft gewonnen. Wenn Europa hier vorangeht und den Nachweis antritt, dass mehr Nachhaltigkeit nicht nur möglich, sondern wirtschaftlich und politisch hochinteressant ist, würden andere folgen. In Europa aber könnte Deutschland der Vorreiter sein.

Der Preis eines Scheiterns wäre hoch. Eine Welt, die für viele Menschen erheblich unwirtlicher ist als die heutige, ist vorstellbar. Darauf steuern wir derzeit noch zu. Denn trotz aller Bemühungen sieht es im Moment nicht danach aus, als ob das notwendige Handeln rechtzeitig gelingen könnte. Aber noch besteht eine Chance. In dieser Situation kommt der Wissenschaft auch die Rolle eines Aufklärers zu. Dem breiten gesellschaftlichen Diskurs ebenso wie der Politik, die richtungsweisende Entscheidungen mit Durchhaltevermögen verfolgen müsste, werden wissenschaftliche Erkenntnisse angeboten, die zu ignorieren nicht ratsam wäre. Ohne ein Ende der Emissionen stiege die globale Temperatur bis 2200 möglicherweise um bis zu acht Grad.

Die Erde ist ein blauer Punkt im Weltall. Ob es uns gut geht oder schlecht, interessiert die Erde nicht: Sie ist einfach ein Planet. Es ist allein unser eigenes Anliegen, ein Appell an unsere Fähigkeit als Menschen, unsere Gesellschaften in einer kreativen, zukünftsfähigen und vorwärtsblickenden Weise zu organisieren. Mehr denn je ist diese Fähigkeit heute gefragt.

Der Autor ist Alexander-von-Humboldt Professor für Nachhaltigkeitswissenschaft am Geographischen Institut der HU und Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!