Zeitung Heute : Der Erde verbunden

Dagmar Dehmer

Die Umweltpolitiker des Bundestags debattieren heute über den Bau von CO2-freien Kohlekraftwerken. Wie funktionieren diese Kraftwerke und wie können sie beim Klimaschutz helfen?


Der Rat der Umweltweisen der Bundesregierung hat schon vor Jahren das Ende der Kohlenutzung gefordert, um das Klima zu retten. Um die Kohle dennoch zu retten, lassen sich die Energiekonzerne eine Menge einfallen: Sie wollen Kraftwerke bauen, die keine schädlichen Treibhausgase mehr ausstoßen. Dabei soll Kohle verbrannt werden, ohne dass Kohlendioxid (CO2) in die Luft gepustet wird. Mit diesen „sauberen Kohlekraftwerken“ will die Industrie auch in Zukunft Strom erzeugen, und womöglich sogar Kohle verflüssigen und als Treibstoff für Autos einsetzen. Dazu soll das CO2 eingefangen werden und dann in unterirdische Lagerstätten verpresst werden.

Carbon Capture und Storage (CCS) nennt sich die Technologie. Bis 2015 soll die Technik marktfähig sein, hofft Klaus Rauscher, Chef von Vattenfall Europa. Sein Konzern baut gerade eine Pilotanlage in Ostdeutschland. RWE plant ähnliches. Gleichzeitig finden in Europa und den USA Versuche statt, sichere Lagerstätten zu finden. Am heutigen Mittwoch diskutiert der Umweltausschuss des Bundestags, unter welchen Bedingungen der Einsatz der Technik möglich sein soll.

Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der im Bundestag als Experte gehört werden wird, hält das CCS-Potential für groß, „weil sich China und Indien die Kohlenutzung nicht verbieten lassen“. Allerdings fordert er von der Industrie, dass sie tatsächlich nur sichere Lagerstätten für die Verpressung des Gases nutzt. In Frage kommen prinzipiell frühere Erdöl- oder Erdgaslagerstätten, in die beispielsweise der norwegische Ölkonzern Statoil schon heute CO2 zurückpumpt – auch um den Förderdruck zu erhöhen, und mehr Öl oder Gas aus den Förderfeldern herauszuholen. Möglich wäre eine Lagerung aber auch in einer salzwasserführenden Erdschicht, so genannten salinären Aquiferen. Ob eine solche Lagerstätte auch dicht ist, wird derzeit bei Ketzin nicht weit von Berlin erprobt.

Die Industrie würde das Risiko von Lecks der Lagerstätten am liebsten an die Politik weiterreichen. Der Klimaberater und schwedische Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson sagt beispielsweise ganz locker: „Irgendwann wird das CO2 ja wieder fest.“ Bill Spence vom Management des Mineralölkonzern Shell, sagt: „Es muss einen guten rechtlichen Rahmen geben.“ Am Ende müsste der Staat das eben kontrollieren. Diese Haltung findet Edenhofer „geradezu verantwortungslos“. Sein Vorschlag, um die Industrie aus der Verantwortung für die Sicherheit der Lagerstätten nicht herauszulassen, ist ein „Bond-System“. Wer CO2 lagern will, müsste eine Sicherheitsgarantie kaufen, die mit Zinsen zurückgezahlt wird, wenn sich seine Lager als sicher erweisen. Gibt es Leckagen, würde der Bond abgewertet. Sollte ein solches System eingeführt werden, kann sich Edenhofer auch vorstellen, dass es für jede gelagerte Tonne CO2 Zertifikate für den Emissionshandel geben könnte. Ist eine Lagerstätte unsicher, müssten Zertifikate aus dem Verkehr gezogen werden. Der Bond wäre dann quasi die Sicherheit für den Emissionshandel – und damit das Klima.

Umweltschützer teilen die Begeisterung für die „saubere Kohle“ aber nicht. Sie fürchten, dass zu viel Geld in die Erforschung und Entwicklung dieser Technik gesteckt wird, und dann das Geld dafür fehlt, das Energiesystem auf erneuerbare Quellen umzustellen. Allerdings halten viele sie für eine Übergangstechnologie, um Zeit zu gewinnen. Wenn CCS im großen Stil eingesetzt würde, müssten jährlich rund 24 Milliarden Tonnen CO2 in den Untergrund gepumpt werden.

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