Zeitung Heute : Der Ernst der Lage

Juliane Schäuble

Die Entführer der Deutschen im Irak haben in einem zweiten Video ihre Forderungen wiederholt, Deutschland solle den Kontakt zum Irak abbrechen. Andernfalls würden die Geiseln nach 72 Stunden geköpft. Das Ultimatum könnte aber schon in der Nacht zu heute geendet haben. Was kann zur Rettung der Männer getan werden?


Deutschland lässt sich nicht erpressen. Das ist die grundsätzliche Haltung der Bundesregierung auch zu dieser Geiselnahme. Und die wiederholte am Mittwoch ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Aber die Lage der zwei im Irak entführten Deutschen habe sich deutlich verschärft. Das gehe aus dem neuen Video, das am Dienstagabend veröffentlicht wurde, hervor.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte die Situation im Anschluss an eine Sitzung des Krisenstabes sehr ernst. „Natürlich tun wir das, was möglich und notwendig ist, um sie bald wieder in Freiheit zu wissen“, sagte er. Wie genau die Regierung vorgehe, wolle Steinmeier nicht sagen – auch um die Geiseln René Bräunlich und Thomas Nitzschke nicht zusätzlich zu gefährden.

In der Nacht hatten deutsche Experten das zweite Video ausgewertet, das zuvor vom arabischen Fernsehsender Al Dschasira ausgestrahlt worden war. Auf dem Band sind vier schwer bewaffnete und maskierte Täter hinter den beiden Leipzigern zu sehen. Einer der Geiselnehmer verliest einen Text mit Forderungen.

In dem Video stellen die Geiselnehmer ein 72-Stunden-Ultimatum. Bis dahin soll die Bundesregierung ihre Botschaft in Bagdad schließen, alle deutschen Firmen aus dem Irak abziehen und die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung beenden. Ansonsten würden die Ingenieure geköpft. Obwohl das Video auf den 29. Januar datiert ist, geht man in Regierungskreisen nicht davon aus, dass die 72 Stunden schon Mittwochnacht verstrichen sein könnten. Es sei nur sinnvoll eine Frist zu setzen, die von dem Moment anbricht, in dem die Forderungen übergeben sind. In diesem Fall also Dienstagabend.

Terrorismusforscher Kai Hirschmann ist besorgt über die Botschaft des neuen Videos. „Das Ultimatum, verbunden mit sehr konkreten politischen Forderungen, deutet in Richtung politischer Islamismus – und auf das Umfeld al Sarkawis.“ Der Jordanier Abu Mussab al Sarkawi gilt als Kopf des militanten Widerstands im Irak und als enger Vertrauter von Al-Qaida-Anführer bin Laden. Er war es, der vor laufender Kamera eine Geisel köpfte: den Amerikaner Nicholas Berg.

Auffällig ist laut Hirschmann der Unterschied zwischen erstem und zweitem Video. In der neuen Botschaft tauche zum Beispiel die „weichere“ Forderung der ersten Aufzeichnung vom vergangenen Freitag – die Freilassung aller weiblichen Gefangenen in irakischen Gefängnissen – gar nicht mehr auf. „Das kann ein Indiz dafür sein, dass sich nun militant-islamistische Kreise an ursprünglich weniger professionelle Entführer angeschlossen haben“, sagt der Terrorismusexperte. „Das neue Band ist eindeutig eine politische Demonstration, gerichtet an die arabische Welt, um zu zeigen: Wir sind der Widerstand“. Die Geiselnehmer könnten nicht ernsthaft glauben, ihre Forderungen würden erfüllt.

Beim Fall Susanne Osthoff habe man schon bald davon ausgehen können, dass die Entführer hauptsächlich Lösegeld wollten – und deshalb an Verhandlungen interessiert seien. „Dafür sprachen zum Beispiel die Badelatschen, die einer der Geiselnehmer damals trug.“

Allerdings müsse eine Verbindung zu Sarkawi und ein Ultimatum nicht automatisch bedeuten, dass Verhandlungen erfolglos verliefen. „Es ist normal, dass zunächst Maximalforderungen gestellt werden, von denen klar ist, dass sie nicht erfüllt werden“, sagt Hirschmann. Eine Möglichkeit seien materielle Lösungen. „Gut vorstellbar, dass bald schon ein weiteres Video auftaucht.“

Dass das Ultimatum nur ein politischer Vorwand für kriminelle Interessen sein könnte, kann sich der Orientexperte Udo Steinbach vorstellen. Der Direktor der Orient-Instituts in Hamburg sagte der Nachrichtenagentur ddp, das vorrangige Ziel der Bundesregierung müsse es daher sein, „Zeit zu gewinnen“. Die Erfahrung mit anderen Entführungen im Irak zeige, dass „die Geiselnehmer vielleicht noch einen Schwenk vollziehen und die Qualität ihrer Forderungen ändern“. Wichtig sei dann, dass die Kidnapper dies „ohne Gesichtsverlust“ vollziehen könnten.

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