Zeitung Heute : Der erste Sturz!

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Es gibt Geschichten, die werden bei jedem Familienfest zu einer bestimmten Uhrzeit erzählt. Alle können sie auswendig. Wenn es losgeht, verdrehen die Jüngeren die Augen, die Älteren bekommen einen verklärten Blick. In unserer Familie geht es immer nur um ein Thema: um die Katastrophen, die mein Mann als Kind überlebt hat. Immer wieder gern erzählt: wie er als Kind hintenüber fiel und ein Legostein in seinem Kopf stecken blieb; wie er die Nase von seinem Teddy verschluckte und sein Vater drei Tage lang die Windeln durchwühlen musste nach Spuren der Teddynase; wie er sich die Nase brach, als er mit dem Fahrrad auf eine Fähre fahren wollte, die aber gerade abgelegt hatte. Ich glaube, mein Mann könnte sein Leben anhand seiner Narben erzählen.

Noah hatte sein erstes Katastrophenerlebnis am letzten Sonntag, als er versuchte, eine Treppe raufzuklettern. Unser Freund C., mein Mann und ich schauten zu. „Was, das kann der schon?!“, fragte C. ungläubig. Eben nicht, das ist das Problem. Während mein Mann eine lange Liste von Dingen herunterdeklamierte, die unser Baby schon kann (Türme aus Bauklötzen umwerfen, seinem Vater zum Wecken den Schnuller in den Mund stecken, Zwieback in den Videorekorder schieben), tat es einen Schlag, und Noah lag am Boden. Dann passierte erst mal nichts, und wir ahnten, dass etwas wirklich Schlimmes geschehen sein musste. Noah sammelte all seine Kräfte für einen laaaaaaaangen Schrei. Einer seiner vier Zähne hatte sich tief in die Oberlippe gegraben, und zum ersten Mal in seinem Leben blutete er.

Das erste Blut. Es war ein bisschen, als hätten wir unsere Unschuld verloren. Bis vor einer Woche waren wir coole Eltern (glaubten wir jedenfalls). Wir sagten gern Sätze wie: „Jedes Kind muss mal hinfallen – wie soll es sonst lernen, dass es aufpassen muss?“ Aber als Noah von der Treppe gefallen war, machte sich augenblicklich ein großes, übelriechendes Monster mit Höckern auf dem Rücken über uns her: Das schlechte Gewissen begann uns aufzufressen. Wir hatten versagt. Wir fragten uns: Wozu sind Eltern da, wenn nicht dazu, ihre Kinder aufzufangen, wenn sie fallen? Wer war eigentlich auf die Idee gekommen, uns dieses makellose Baby anzuvertrauen, das binnen kürzester Zeit ein narbenzerfurchter Alien sein würde? Noah weinte anklagend, und ich überlegte, wie weit es zum nächsten Hochhaus ist, von dem ich mich herunterstürzen könnte. Dann ging mir auf: Geht ja gar nicht, ich bin doch Mama. Ich muss mich kümmern.

Seitdem Noah eine dicke Lippe riskiert hat, sieht er aus wie eine Mischung aus Wladimir Klitschko und einem dieser Top-Models mit aufgespritztem Schmollmund. Einen Tag lang kam es uns vor, als würde er auch so traurig gucken wie Klitschko. Wir fragten uns, ob der Sturz ihn traumatisiert hatte, bis er lachend zu einem noch waghalsigeren Sprung von der Wickelkommode ansetzte. Noah hat keine Angst, vor nichts, und traumatisiert sind bloß wir. Wie Bodyguards krabbeln wir jetzt den ganzen Tag im Zehn-Zentimeter-Abstand hinter ihm her, um jeden Übergriff der großen, bösen Welt auf ihn abzuwehren. Wir wissen, das ist ein sinnloses Unterfangen. Wir sind total uncoole Eltern, und auch das macht uns ein schlechtes Gewissen.

Aber die Geschichte hat ein Happy End. Bis zu jenem verhängnisvollen Sonntag hatte Noah, wenn er gut gelaunt war, den lieben langen Tag „Papapapapapapa“ gebrabbelt. Zwischen Blut und Tränen jammerte er ganz eindeutig „Mamaaaaa“. Ob das später mal für ein Familienfest taugt?

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