Zeitung Heute : Der erste Weltkrieg

Es hätte auch anders ausgehen können: Dann wäre Französisch heute die universelle Sprache und Wien die deutsche Hauptstadt. 1756 begann der Siebenjährige Krieg.

Matthias Oloew

Plassey in Indien, 150 Kilometer nördlich von Kalkutta, 23. Juni 1757. Der britische General Robert Clive steht mit 3000 Mann am Bhagirati-Fluss. Ihm gegenüber die 50 000 Krieger des mit Frankreich verbündeten Moguls von Bengalen. Im schweren Monsunregen gelingt es den Briten, ihr Pulver trocken zu halten. Das Pulver, vor allem aber eine Menge Bestechungsgeld an den indischen Generalstabschef beschert ihnen einen Sieg, der die englische Kolonialherrschaft auf dem Subkontinent begründet.

Fort Henry am Lake George in Nordamerika, heute US-Bundesstaat New York: Im August 1757 kapituliert die englische Garnison nach wochenlanger Belagerung durch französische Verbände und die mit ihnen verbündeten Indianer. Der Schriftsteller James Fenimore Cooper nutzt die Szene später als historischen Hintergrund für den zweiten Teil seines „Lederstrumpf“-Zyklus: „Der letzte Mohikaner“.

Hasenheide bei Berlin, 3. Oktober 1760. Russische Soldaten bringen ihre Kanonen in Stellung. Am Kottbusser und am Halleschen Tor schlagen ihre Geschosse ein, am Mehringplatz geht ein Haus in Flammen auf. Das ist erst der Anfang: „Bomben, Feuerkugeln und andere brennende Dinge wurden in entsetzlicher Menge geworfen“, schreibt ein Chronist. Zwei Kugeln liegen heute unweit der Stelle, an der man sie fand, im Heimatmuseum an der Adalbertstraße. Nach sechs Tagen bringt sich die Berliner Garnison in Sicherheit, die Russen besetzen die Stadt, plündern die Schlösser Charlottenburg und Schönhausen.

Drei Schauplätze eines Krieges, der am 29. August 1756 begonnen hatte. An diesem Tag war Friedrich II., König von Preußen, mit seinen Truppen in Sachsen einmarschiert. Ein Überfall? Friedrich findet dafür einen anderen Begriff: „Besser praevenire statt praeveniri“, frei übersetzt: „besser anderen zuvorkommen als überrascht zu werden“. Friedrich erfindet den Präventivschlag – genauer gesagt, dessen philosophische Grundlage. Dabei entfesselt er einen Krieg, dessen Dauer und Heftigkeit nicht nur der Preußenkönig unterschätzt: Es ist der Siebenjährige Krieg.

Lange vor dem epochalen Einschnitt zwischen 1914 und 1918 begann vor 250 Jahren der erste wirkliche Weltkrieg. Getötet wird nicht nur in Preußen und Sachsen, sondern auch auf dem Atlantik, in Amerika, Afrika, in Indien und auf den Philippinen. Die Konvention von Westminster, die Preußen mit England am 16. Januar 1756 einging, gipfelte in einem globalen Konflikt der beiden Vertragspartner mit einer Allianz aus Russland, Österreich, Schweden, Frankreich einschließlich seiner Territorien in Übersee und schließlich auch Spanien.

Englands gute Beziehungen zu Österreich waren fortan ebenso dahin wie Preußens Allianz mit Frankreich. In Europa herrschte ab sofort eine bisher nie da gewesene Bündnissituation, noch dazu eine, bei der Preußen wie England auf aussichtslosen Posten zu kämpfen schienen.

Die Briten hatten in ihrem Krieg mit Frankreich um die koloniale Vorherrschaft bereits ein Expeditionsheer bei Fort Duquesne am Ohio verloren, im Mittelmeer ging Menorca an die Franzosen. In Preußen fürchtete Friedrich II. einen Angriff durch Russland und Österreich, ausgelöst durch den immer noch schwelenden Streit um Schlesien, das Friedrich in zwei Kriegen Österreich abgenommen hatte. Der Siebenjährige Krieg wird auch der dritte Schlesische Krieg genannt.

Es wurde ein Krieg, der die beteiligten Mächte an den Rand des Ruins führte, Preußen in seinem Bestand gefährdete und Millionen das Leben kostete. Generationen von Historikern haben sich darüber gestritten, warum Friedrich II. den Krieg entfesselte, ob der Einmarsch in Sachsen gerechtfertigt war oder ob er das wahre Gesicht des Preußenkönigs zeigte, das eines Kriegstreibers nämlich.

„Die bisherige Sicht der Dinge verkürzte die Ursachenforschung auf den Dualismus zwischen Österreich und Preußen“, sagt Wolfgang Neugebauer, Preußen-Experte und Professor an der Universität Würzburg. „Heute betrachtet man eher die weltpolitische Dimension des Krieges.“ Dazu gehört, so Neugebauer, der klassische Konflikt zwischen Frankreich und England um die Kolonien, der sich überschneidet mit dem Vordringen Russlands nach Europa, dem Preußen geografisch im Weg stand. „Die Interessen der Romanovs deckten sich mit denen der Habsburger.“

Zu den ungeklärten Fragen des Siebenjährigen Krieges gehört aber auch, wie es Friedrich schließlich gelingen konnte, sich gegen die übermächtige Koalition durchzusetzen. Das „Mirakel des Hauses Brandenburg“ übte über Jahrhunderte eine besondere Faszination aus. Auch auf Adolf Hitler.

Goebbels soll ihm in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges aus Thomas Carlyles „Geschichte Friedrichs des Großen“ vorgelesen haben. Die Berichte von Friedrichs ungeheurem Glück sollte den Diktator trösten. Der Preußenkönig konnte sich durchsetzen, weil seine Feindin, die Zarin Elisabeth II., starb und ihr der Friedrich freundlich gesonnene Peter III. nachfolgte. Er schloss einen Waffenstillstand und sogar ein Bündnis mit Friedrich.

Hitler soll Tränen in den Augen gehabt haben, als er die Passage vorgelesen bekam. So schildert es zumindest Theo Sommer in seinem Buch „1945 – Biographie eines Jahres“. Als der amerikanische Präsident Roosevelt im April 1945 in Palm Springs einem Gehirnschlag erliegt, bilden sich Hitler und seine Getreuen im Führerbunker einige Zeit ein, Friedrichs „Mirakel von Brandenburg“ würde sich nun wiederholen. Goebbels lässt sich telefonisch mit Hitler verbinden: „Mein Führer, ich gratuliere, Roosevelt ist tot. Und das Horoskop sagt uns, dass die zweite Aprilhälfte die Wende bringen wird!“ Es kam anders.

Friedrich dämmert im Januar 1757, dass er mit seinem Präventivschlag einen Krieg begonnen hat, der ihn persönlich Kopf und Kragen kosten kann. Er schreibt an seinen Minister Finckenstein: „Geschähe es, dass ich getötet würde, so müssen die Geschäfte ohne die geringste Veränderung ihren Gang gehen (...). Wenn ich das Verhängnis habe, vom Feinde gefangen genommen zu werden, so verbiete ich, dass man die geringste Rücksicht auf meine Person nimmt oder im geringsten berücksichtigt, was ich aus meiner Haft schreiben könnte. Geschähe mir solches Unglück, so will ich mich für den Staat opfern, und man muss dann meinem Bruder gehorchen, der ebenso wie alle meine Minister und Generäle mir mit dem Kopf dafür verantwortlich sein soll, dass man weder eine Provinz noch Lösegeld für mich anbietet (...).“

Zwar erringt Friedrich einen schnellen Sieg über Sachsen und entscheidet im Mai 1757 bei Prag die nächste Schlacht für sich, aber das Blatt wendet sich schon einen Monat später. Friedrichs Truppen unterliegen bei einem Gemetzel in Kolin. Seinen flüchtenden Soldaten soll er zugerufen haben: „Kerls, wollt ihr denn ewig leben?“ Dieser Satz wird später zitiert als „Hunde, wollt ihr ewig leben?“, etwa in dem gleichnamigen Film von 1959.

Die schwerste Niederlage erleidet der Preußenkönig im August 1759 bei Kunersdorf, nahe Frankfurt (Oder). „Von einem Heer von 48 000 Mann habe ich nicht mehr als 3000. Mein Rock ist total durchlöchert“, schreibt Friedrich wieder an Finckenstein. Eine Kugel traf ihn an der Brust, blieb aber in seiner Tabakdose stecken. Dankbar ist er dafür nicht: „Mein Unglück ist es, noch zu leben.“ Friedrichs Verzweiflung gipfelt in dem Satz: „Ich werde den Untergang meines Vaterlandes nicht überleben. Adieu für immer.“

Doch statt die Situation auszunutzen und zum finalen Schlag gegen Preußen auszuholen, greifen die Truppen Österreichs und Russlands nicht noch einmal an. Friedrich kann sein Glück nicht fassen: „Ein Wunder“, notiert er.

Schäden, die die russischen Truppen bei ihrer Besetzung Berlins 1760 am Schloss Charlottenburg hinterlassen, will der König vergelten. Er schenkt seinem Major Johann Friedrich Adolf von der Marwitz das sächsische Schloss Hubertusburg mit dem Auftrag, es zu plündern. Marwitz weigert sich, die Ausführung eines solchen Befehls schicke sich nicht „für einen Kommandeur Seiner Majestät Gens d’Armes“. Wissend, welche Konsequenz seine Weigerung haben könnte, bittet er Friedrich um die Entlassung aus seinen Diensten.

Erst unter Prinz Heinrich konnte von der Marwitz wieder in den königlichen Kriegsdienst eintreten. Sein Neffe ließ in seinen Grabstein in Fredersdorf die Worte setzen: „Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.“

Auch England muss Niederlagen einstecken. Die am Fort William Henry ist die bekannteste. Nach der Kapitulation erhalten die rund 2200 britischen Milizionäre freies Geleit. Doch beim Abzug der Truppe werden sie von indianischen Verbänden angegriffen. Die britische Propaganda bauscht den Überfall gehörig auf und zählt 1500 Tote. Die moderne Forschung hat die Zahl aber auf 70 bis 100 Opfer reduziert.

Gehen auch viele Kämpfe verloren (allein Friedrich hat 22 Schlachten geschlagen), England und Preußen können den Siebenjährigen Krieg am Ende für sich entscheiden. Ausschlaggebend ist vor allem das Durchhaltevermögen beider Partner. Und das Verhältnis der Protagonisten zueinander. Friedrich II. hat mit William Pitt – zunächst Außenminister, später Premier – einen wichtigen Fürsprecher an seiner Seite. Es ist Pitt, der die Hilfsgelder für den Preußenkönig trotz anfänglicher Skepsis durchsetzt. Dabei treibt ihn weniger das Schicksal des eingekesselten Friedrichs als die Aussicht, durch eine Unterstützung Preußens den Gegner Frankreich zu schwächen. „Amerika wurde in Deutschland gewonnen“, ruft Pitt nach Kriegsende im Parlament.

England kann Frankreich neben Nordamerika auch wichtige Handelsstützpunkte in Westafrika abnehmen und den französischen Einfluss auf Indien auf ein Minimum beschränken. Nach dem Kriegseintritt Spaniens hat England sogar noch die Kraft, auch Kuba, weite Teile der Karibik und der Philippinen vorübergehend zu besetzen. Es begründet sein Weltreich.

Friedrich II. profitiert von der Unterstützung, die er aus London erhält, und setzt auf die Kriegsmüdigkeit seiner Gegner. Die Kalkulation geht auf. „Wir haben kein Geld, keine Hilfsmittel, keine Marine, keine Soldaten, keine Generäle, keine Köpfe, keine Minister“, lässt Frankreichs Außenminister Étienne-François Choiseul im Oktober 1761 seine Partner in Österreich wissen. Aber auch Österreich ist am Ende seiner Kräfte, steht kurz vor dem Staatsbankrott. Das „Mirakel des Hauses Brandenburg“ perfekt macht der Tod der Zarin Elisabeth II. am 5. Januar 1762. Als Friedrich diese Nachricht erhält, spielt er drei Stunden Flöte.

1763 wird Frieden geschlossen. Preußen kann zwar keinen Quadratmeter Land hinzugewinnen, aber seinen Status als europäische Macht festigen und Schlesien behalten. Im Ringen um die Vorherrschaft innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hofft Friedrich, dem Hof in Wien eine Lektion erteilt zu haben. 1871, über 100 Jahre später, wird das Deutsche Reich gegründet, mit Preußen als Hegemonialmacht. Der innerdeutsche Konkurrent Österreich ist endgültig besiegt.

England stärkt seine Vorherrschaft auf den Weltmeeren und in Amerika. Der Einfluss Frankreichs ist fortan minimal. Englisch und nicht mehr Französisch wird wichtigste Verkehrssprache, eine Konsequenz, die bis heute nachwirkt. Aus dem französischen Fort Duquesne, Ort einer ihrer empfindlichsten Niederlagen, machen die Engländer Fort Pitt und ehren so William Pitt. Später entsteht daraus Pittsburgh. Amerika aber können die Engländer trotzdem nicht auf Dauer halten. Die enormen Kosten des Siebenjährigen Krieges sollen auch durch höhere Steuern und Abgaben aus den Kolonien gedeckt werden. Doch Mitspracherechte verweigert London den Kolonisten und zieht sich deren Zorn zu. 1775 beginnt der amerikanische Unabhängigkeitskrieg.

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