Der europäische Blick auf Chinas Kunst : Zwischen exotischem Reiz und politischer Stellungnahme

Welchen Ort muss ein kunstinteressierter Reisender in China besucht haben? Erst hingucken, dann urteilen: Zwei Kuratoren sprechen über unseren Blick auf China und seine Kunst.

Performance von Wu Shanzhuan
Zuhören erwünscht. Europäer nehmen China oft als feststehenden Block wahr, ihre Kenntnisse der zeitgenössischen Kunst beschränken...Foto: Performance von Wu Shanzhuan, Zhou Shan, China.

Frau Wehrli, was sehen Sie, wenn Sie morgens in Berlin aus dem Fenster schauen?
Das Nachbarfenster, den Himmel und hinter dem Flachdach lugt der Zipfel einer Zitterpappel hervor.

… und in Hangzhou?
Die vierstufige Bambusvorrichtung zum Wäscheaufhängen, die verwinkelten Ziegeldächer Richtung Dajing Gasse, das Fenster der Frau mit den 13 Katzen und dahinter den Berg Wu. Man hört das Schwatzen der morgenturnenden Frauen im Pyjama, die Glocke und das Rufen des Fahrrad fahrenden Kartonsammlers und von der Straße her das Straßenputzauto, das jeden Morgen mit Happy Birthday Musik vorbeirauscht.

Was irritiert Sie am meisten an dem „europäischen Blick“ auf China?
Der zu kontrastreiche Blick, der scharf zeichnet und urteilt, bevor er sieht. Das „eine Position einnehmen müssen“ ist fast zwanghaft in unsere Sicht auf China mit eingeschrieben, als ob da eine Angst wäre, sich realen Begegnungen auszusetzen. Die Blicke schwanken zwischen dem exotischen Reiz und politischer Stellungnahme und betonen in beiden Fällen den Abstand.

Welchen Ort muss ein kunstinteressierter Reisender in China besucht haben?
Ich empfehle jedem morgens gegen sechs Uhr früh in den Park zu gehen. Zwischen den morgenturnenden und schattenboxenden Menschen lässt sich allerhand Kurioses entdecken, zum Beispiel ältere Herren, die mit Wasser riesige Schriftzeichen auf die Straße schreiben.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?
Die purpurne Wolkengrotte auf dem Bauchu Berg in Hangzhou.

Herr Schmid, was sehen Sie, wenn Sie morgens in Berlin aus dem Fenster schauen?
Ich sehe die Dächer des Nachbarhauses und dahinter lugt der Fernsehturm hervor.

… und in Hangzhou?
Die Wohnräume der chinesischen Kommilitonen, aber auch die Bäume am Ufer des Westses (Xihu).

Foto: Liao Wenfeng
Foto: Liao Wenfeng

Was irritiert Sie am meisten an dem „europäischen Blick“ auf China?
China wird hier sehr oft als ein feststehender Block gesehen, mit „den“ Chinesen und „der“ Regierung. Es handelt sich aber um ein unglaublich großes Land mit ganz unterschiedlichen (Macht-)Verhältnissen, die differenziert zu betrachten sind und vor allem nicht sofort mit einfachen Dualismen wie gut/böse oder richtig/falsch zu bewerten sind. Außerdem stört mich die Beschränkung auf die Nennung immer desselben Namens als Vertreter chinesischer Gegenwartskunst.
Welchen Ort muss ein kunstinteressierter Reisender in China besucht haben?
Für an klassischer Kunst Interessierte würde ich sehr das Shanghaier Kunstmuseum empfehlen, das einen ganz hervorragenden Überblick über Bronzen, Skulpturen, Gemälde, Kalligraphien und Siegel bietet. Als reale Plätze würde ich die Höhlen mit Skulpturen und die Umgebung von Maijishan oder die Skulpturen von Dazu nennen. Für Gegenwartskunst würde ich empfehlen, die hoch-spezialisierten Galerien in Peking, Shanghai oder in Kanton zu besuchen.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?
In Peking gehe ich frühmorgens, wenn möglichst wenig Smog ist, gerne zum Tian Tan, zum Himmelstempel.

Andreas Schmid ist Künstler und China-Experte. Er studierte 1984 in Hangzhou und kuratiert gemeinsam mit Bignia Wehrli den China-Schwerpunkt der UdK Berlin.

Bignia Wehrli ist Künstlerin und pendelt zwischen China und Europa. Gemeinsam mit Andreas Schmid kuratiert sie die Veranstaltungsreihe „Das Bild hinter dem Bild“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!