Zeitung Heute : Der ewige Absteiger

Erst war er Bundesligaprofi, dann stürzte er ab: zweite Liga, Oberliga, Verbandsliga – am Ende ging er zu bin Laden

Klaus Bachmann[Brüssel]

Zwei Jahre hinter Gittern hat er Zeit gehabt nachzudenken, nun will er alles loswerden. Nizar Trabelsi redet und redet. Über sein Vorstrafenregister in Deutschland, über seine Reisen in alle Welt, seinen Kokainkonsum, seinen Aufenthalt bei den Taliban. Und schließlich erzählt er ausführlich, wie er im Offizierskasino der belgischen Nato-Basis Klein Brogel den Knopf drücken sollte – den Zünder der Bombe. Genau zwischen 12 und 13 Uhr, wenn Mittagessenszeit ist in Belgien. „Dann sind ungefähr 70 Leute in der Kantine“, sagt er.

Nizar Trabelsi steht in Brüssel vor Gericht und redet sich um Kopf und Kragen. Er will verstanden werden. Er will zumindest, dass sie hier vor Gericht begreifen, was das Prinzip seines Lebens war: Wo sich andere mühsam hocharbeiten, ist Nizar Trabelsi ständig abgestiegen.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Ende der 80er Jahre war das, da meldete sich ein deutscher Bundesligaverein – Fortuna Düsseldorf – bei dem tunesischen Jugendauswahlspieler und warb den 18-Jährigen an. Das große Geld winkte und die große Karriere. Es wurde nichts daraus. Trabelsi konnte sich mit Disziplin und Unterordnung nicht anfreunden. Er saß auf der Ersatzbank, spielte kein einziges Match. Dann wechselte er den Verein, SV Wuppertal, zweite Liga, dann FC Wülfrath, Oberliga, dann SV 09 Wermelskirchen, Verbandsliga. Auch da flog er bald raus. „Sie waren drogenabhängig?“, fragt ihn die Vorsitzende Richterin mit jenem Unterton, mit dem vor 30 Jahren strenge Lehrerinnen die frechen Jungs aus der letzten Bank zurechtzuweisen pflegten. „Aber woher denn“, schallt es entrüstet zurück, „ich habe Kokain genommen, wie das so ist im Jetset.“ 42 Ermittlungsverfahren und vier Verurteilungen sind in Deutschland gegen Trabelsi aktenkundig.

Ein Besuch mit Folgen

1996 soll sich das alles ändern. Nazir Trabelsi wird fromm. Die Muslime sind jetzt seine Brüder. Zu der Zeit handelt Trabelsi mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist, von Altkleidern bis zu Diamanten, legal, illegal. Dann verbreitet sich unter Europas Muslimen die Nachricht vom Machtantritt der Taliban in Afghanistan. Trabelsi reist über Pakistan nach Dschalalabad. Dort entsteht zu dieser Zeit ein richtiges Ausländerviertel: Radikale Muslime aus Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden strömen hier zusammen. Oft Underdogs aus den Ghettos der Großstädte, die für den Flug in der Moschee und bei Familienangehörigen gesammelt haben.

Bei einer Art Empfang lernt Trabelsi zufällig Osama bin Laden kennen. Ein Treffen mit Folgen: Denn bin Laden lädt ihn zu sich in einen streng bewachten Villenkomplex bei Kandahar ein. Sieben Mal kommt Trabelsi zu ihm, einmal für mehrere Wochen, obwohl er für die Reise von Dschalalabad über Kabul nach Kandahar fliegen und dort oft tagelang warten muss, bis er vorgelassen wird. Dort diskutiert er mit bin Laden über das Los der Muslime in der Welt, über das Palästinenserproblem. In der Villa sieht er Propagandavideos, in denen palästinensische Babys von israelischen Soldaten erschossen und Muslime von Christen umgebracht und gefoltert werden.

Das alles hat offenbar großen Eindruck auf Trabelsi gemacht. Eines Tages, es ist im Sommer 2001, steht sein Entschluss fest: Er meldet sich bei bin Laden als Selbstmordattentäter. Er schreibt einen Abschiedsbrief. Seine schwangere Frau weint tagelang, doch das stimmt ihn nicht um. „Ich war eine Maschine“, erklärt er vor Gericht, „ich hatte keine Gefühle mehr.“

War es Gehirnwäsche?

Die Richterin schüttelt ungläubig den Kopf: „Schwer zu glauben. Das war ja kein Überzeugungsprozess. Was hat Sie denn dazu gebracht?“ „Die Wahrheit über das Leid der Moslems.“ Kopfschütteln, die Richterin ist ratlos. „Könnte man das Gehirnwäsche nennen, was mit Ihnen da passiert ist?“, fragt sie. Heftige Beratung mit dem Dolmetscher. „So ähnlich, ja“, reicht Trabelsi der Richterin den rettenden Anker. „Bereuen Sie es?“, will die gleich wissen. „Ich habe in der Zelle viel nachgedacht. Also, der 11. September, das war furchtbar. Und man sieht ja, wie die Amerikaner reagiert haben. Gewalt ist keine Lösung. Ich würde so was nicht mehr wieder machen.“

Was Nizar Trabelsi ganz genau gemacht hat, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Fest steht nur, dass er sich in Brüssel ein Hotelzimmer mietete. Dann kaufte er mit drei anderen Komplizen, deren Identität noch immer ungeklärt ist, in großem Stil Chemikalien. Was Trabelsi nicht wusste: Das Milieu, in dem er sich da bewegte, wurde schon seit Monaten vom belgischen Geheimdienst beobachtet. Zwei Tage nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center wurde Trabelsi mit einigen Komplizen festgenommen und ein enormes Chemikalienlager entdeckt. Beim Verhör log Trabelsi, dass sich die Balken bogen. Erst behauptete er, er hätte den Auftrag gehabt, die US-Botschaft in Paris zu sprengen. Dann wollte er davon nichts mehr wissen. Die Chemikalien, sagte er nun, seien für einen Anschlag auf die Nato-Basis Klein Brogel, auf der sich auch Atomwaffen befinden, bestimmt gewesen. Das glaubt mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft. Sie fordert für Trabelsi und seinen Mitangeklagten, einen aus Tunesien stammenden Belgier, die Höchststrafe von zehn Jahren Gefängnis.

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