Zeitung Heute : Der ewige Sohn

Heute vor 100 Jahren wurde Klaus Mann geboren. Sein Leben gilt als bekannt, die Erforschung seines Werks steht noch aus

Irmela von der Lühe

Er sei, so hat Marcel Reich-Ranicki einmal treffend über Klaus Mann gesagt, ein „dreifach Geschlagener“ gewesen: „Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns.“ In dieser negativen Klimax scheint ein Lebensschicksal besiegelt, das für Identifikation und Empathie viel, für gründliche Lektüre und wissenschaftliche Erforschung des Werkes hingegen kaum Raum bietet. Tatsächlich hat eine wohlfeile, medial nach wie vor leicht zu steuernde Faszination aus Mitleid und Empörung, Einfühlung und Entsetzen (über den unglücklich Liebenden und unter der Last des übermächtigen Vaters angeblich lebenslang Leidenden) seit den 1970er Jahren die Rezeption dieses ebenso vielseitigen wie produktiven Autors bestimmt. Der Streit um den Mephisto-Roman, die Veröffentlichung seiner Tagebücher (1989–1991), Ausstellungen zu seinem 50. Todestag (1999) und über „Die Kinder der Manns“ aus Anlass des 100. Geburtstags von Schwester Erika Mann (2005) und schließlich die dreiteilige Film-Dokumentation über „Die Manns“ von H. Breloer (2001) haben bewirkt, dass Klaus Mann und die Mann-Familie insgesamt im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik inzwischen als ein kulturelles Kapital firmieren, wie es die Windsors in England oder die Kennedys für die USA darstellen.

Klaus Manns schriftstellerisches Werk, von den frühen dramatischen Versuchen („Anja und Esther“ 1925, „Revue zu Vieren“ 1926), über die ersten Novellen und Romane („Der fromme Tanz“ 1925, „Kindernovelle“ 1926, „Alexander“ 1929, „Treffpunkt im Unendlichen“ 1932) bis zu den Essays, Anthologien und Autobiografien („Kind dieser Zeit“ 1932, „The Turning Point“ 1942) und schließlich den großen epischen Projekten der Exilzeit („Symphonie Pathétique“ 1935, „Der Vulkan“ 1939) mag im Spektrum der experimentierfreudigen ästhetischen Moderne eher konventionell anmuten. Der Selbstentwurf als Künstler und Intellektueller indes, der Klaus Mann in eine lebenslange Gratwanderung zwischen Heimatlosigkeit und Weltbürgertum, zwischen Kunst und Moral zwingt, macht ihn zweifellos zu einem Repräsentanten der künstlerischen Avantgarde. Früh und programmatisch hat sich Klaus Mann denn auch als Sprecher einer „jungen“ Generation entworfen, als Zeitgenosse und Widerpart einer geistigen und kulturellen Entwicklung, die den todessüchtigen Kultus des Schönen und ein unpolitisches Ästhetentum zu feiern pflegte, ohne die politischen Verwerfungen wahrzunehmen, die sich seit Ende der 1920er Jahre in Deutschland abzeichneten. Im Spannungsfeld von ästhetischer Rebellion und politischer Verantwortung, von antibürgerlichem Affekt und moralischer Aufrichtigkeit, also im Kreuzungspunkt von Ästhetik, Ethik und Politik ist Klaus Manns Werk zu lesen. In der Klaus-Mann-Forschung der letzten 25 Jahre ist dies bestenfalls vereinzelt geschehen. Todestrieb und Drogensucht, Masochismus und Homosexualität, der tragische Konflikt mit dem (immer schon berühmten) Vater: Solche am Lebens- und Leidensweg des ewigen Sohnes ausgerichteten Themen bestimmen die wissenschaftliche und öffentliche Wahrnehmung eines Autors, dem Schreiben Lebenselixier und Literatur Modus des Lebens wurde. Dabei markieren die verwöhnte Vorliebe für Publikumsskandale, wie sie die frühen Stücke auslösten, und der zwischen Bohème-Existenz und Empörung changierende Gestus, der aus Romanen wie „Treffpunkt im Unendlichen“ (1932) spricht, die Zugehörigkeit des Klaus Mann’schen Werkes zur Tradition eines aufrührerischen Ästhetentums, das sich in Frankreich mit dem Namen Verlaine und Baudelaire, in Deutschland unter anderem mit Frank Wedekind und Oskar Panizza verbindet.

Am Vorbild der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts, an Jean Cocteau (dessen Roman „Les enfants terribles“ er 1930 dramatisierte), an Romain Rolland (den er als Autor für seine Zeitschrift „Die Sammlung“ gewinnen konnte) und vor allem an André Gide (über den er mehrere Essays verfasste und dem eines seiner letzten Bücher „André Gide: Die Geschichte eines Europäers“ 1948 galt), ist Klaus Manns literarische Arbeit sehr stark orientiert.

Sein Onkel Heinrich Mann, dessen sozialkritische, satirische Abrechnung mit bildungsgestütztem Obrigkeitsdenken und kleinbürgerlicher Untertanen-Mentalität in „Der Untertan" oder „Professor Unrat“ kanonisch geworden ist, hat Klaus Manns Werke nicht weniger geprägt. An der literarisch-politischen Demontage eines selbstverliebt opportunistischen Künstlertums im „Mephisto“ (1936) zeigt sich dies ebenso wie im Bild des Komponisten Tschaikowsky in „Symphonie Pathétique“ (1935). Die Krise des Künstlers erscheint in „Der Vulkan“ und in der Autobiografie „Der Wendepunkt“ zwar als für die Moderne typischer Verlust ästhetischer und kultureller Orientierungsmuster; sie wird in der Sicht Klaus Manns zum Epochenmerkmal, wenn Kunst und Künstlertum im Angesicht moderner Diktaturen nur noch vor die Alternative gestellt zu sein scheinen zu kapitulieren oder zu kooperieren.

Mit existenzieller Radikalität hat sich Klaus Mann wie kaum ein anderer Autor des deutschsprachigen Exils dieser (in seiner Sicht tödlichen Alternative) widersetzt. Der Briefwechsel mit Gottfried Benn, dem von ihm verehrten Lyriker und Schriftsteller, liefert dafür einen frühen Beleg. Die beiden Zeitschriftenprojekte („Die Sammlung“ 1933–35; „Decision“ 1941/42) sind der Versuch, in der begrenzten (und stets bedrohten) Öffentlichkeit des Exils ein Forum der Selbstverständigung und der selbstkritischen Reflexion künstlerischer und politischer Möglichkeiten zu schaffen. Im „Vulkan“ schließlich, dem „Roman unter Emigranten“, wird ein Panorama von Exilschicksalen entworfen, das – anders als in vielen Romanen des Exils – vor allem die Gescheiterten, die sozialen und politischen Außenseiter, die „kaputten Existenzen“ porträtiert. Der Autor macht sich mit seinem Werk weder zum Chronisten einer Erfolgsgeschichte, noch zum Sprecher einer (partei-)politisch begründeten Zukunftsgewissheit. So sehr die Essays, Romane, Autobiografien und Tagebücher Klaus Manns vom Ringen um den künstlerischen Selbstentwurf, um angemessene Formen und tragfähige Muster ästhetischer Opposition gegen Barbarei und Diktatur gezeichnet sind, so entschieden verweigern sie sich verführerischen Vereinnahmungen durch politische Lager. Im Plädoyer für einen „sozialistischen Humanismus“, auf dem Pariser Schriftstellerkongress 1935 vorgetragen, dominiert nicht zufällig die Kritik an der mangelnden Toleranz im Kreise der Antifaschisten.

In vielfältigen und durchaus unterschiedlichen Kontexten erscheint daher das Werk Klaus Manns aktuell, und eine neue Lektüre bekannter (und zum Teil unbekannter oder wenig beachteter) Texte aus Anlass seines 100. Geburtstags ist wahrlich geboten.

Im Kontext der „intellectual history“ des 20. Jahrhunderts ist er ein Grenzgänger zwischen Heimatlosigkeit und säkularer Religiosität; im Horizont der Debatten um die ästhetische Moderne spiegeln sein literarisches und essayistisches Werk Suchbewegungen zwischen ästhetischer Autonomie und politischem Engagement. Der passionierte Kinogänger, der 1945 von Roberto Rossellini als Drehbuchautor unter Vertrag genommen wurde, hat mit Formen filmischen Erzählens experimentiert und darf damit als früher Vertreter literarischer Intermedialität gelten. Editorisch schließlich ist Klaus Mann inzwischen so gut präsentiert, wie es kaum einem anderen Exil-Autor beschieden war: Seine Romane liegen in Neuausgaben vor; die Essays und Briefe in repräsentativer Auswahl und guter Kommentierung; die Tagebücher, deren Edition aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes Lücken enthält, sind seit Neuestem zur Einsicht für die Forschung freigegeben. Die Bedingungen für eine neue Lektüre des Klaus-Mann’schen Werkes, für eine systematische wissenschaftliche Erforschung seiner literarischen, essayistischen und autobiografischen Schriften sind damit außerordentlich günstig.

Die Autorin ist Professorin für Neuere deutsche Literatur am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin.

Im Literaturhaus Berlin findet noch bis zum 19. November ein Symposium zum 100. Geburtstag von Klaus Mann statt. Unter dem Titel „Auf der Suche nach einem Weg“ wird die bisherige Klaus-Mann-Forschung bilanziert sowie Impulse und neue Forschungsansätze erörtert. Veranstaltet wir das durch die DFG geförderte Symposium von Professorin Irmela von der Lühe (Freie Universität Berlin), Dr. Uwe Naumann (Rowohlt Verlag) und dem Literaturhaus Berlin.

Mehr im Internet:

www.literaturhaus-berlin.de

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