Zeitung Heute : Der ewige Zirkusstar

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Der Clown frühstückt. Das geschieht so gegen 9 Uhr 30 im Comfort-Hotel Lichtenberg. Er löffelt eine Schale mit Cornflakes und sieht dabei etwas grummelig aus. Liegt vielleicht an diesem Fragesteller, der mit am Tisch sitzt. Es ist nicht die Aufgabe eines Clowns, am Frühstückstisch Fragen zu beantworten. Schon gar nicht solche, die nach der Zahl der Auftritte oder der Zahl der verschlissenen karierten Mützen forschen. Popov findet Zahlen langweilig bis ärgerlich. Oder steckt im Clown womöglich ein launischer Mensch? „Das Leben ist wie das Wetter. Es kann alles kommen.“ Draußen geistern winzige Schneeflöckchen durch die Luft. Die Frau des Clowns erklärt seinen Tagesablauf: aufstehen, frühstücken, schlafen, auftreten, ausruhen, auftreten, schlafen. Dann wieder aufstehen.

Der Clown sieht schon beim Frühstück wie ein Clown aus. Die wuchtige, runde Nase ist vorne gerötet. Darüber zwei Glasmurmeln mit viel Blau drin – das sind die Augen. Noch weiter oben kräuseln sich mattweiße Haare. Die Fingernägel sind die eines Arbeiters – dunkel und weit zurückgeschnitten. Ein russisches Mädchen traute sich mal, nach einer Zahl zu fragen: Wie alt bist du, Clown? 99 Jahre, sagte Oleg Popov und weitete bedeutsam die Augen. Das Mädchen wurde ganz furchtsam. Hast du denn Lenin noch gekannt? Ein Clown altert nicht, nur der Mensch unter seiner Maske.

Oleg Popov, „König der Clowns“, der einmal zu den höchstdotierten Künstlern im Sowjetreich gehörte, gastiert mit dem Russischen Staatszirkus in Berlin, und viele Menschen wundern sich, dass diese Legende mit der ewigen schwarz-weiß-karierten Batschkap und der zerrupften Haarmatte immer noch auf der Bühne steht. Popov wundert sich überhaupt nicht. Wo soll er sonst hin? „Mein Leben ist der Zirkus“, steht auf seinen Autogrammkarten. Sollte er eines Tages nicht mehr auf der Bühne zu finden sein, muss das Schlimmste befürchtet werden.

Die Antworten des Oleg Popov bestehen meist aus einem rätselhaften Satz, der neue Fragen aufwirft. Dann gibt es noch Gegenfragen, Philosophisches und kleine Ironien. Es ist, als gäbe es das Individuum Popov gar nicht, sondern nur den Clown, der erst in der Manege zum Leben erwacht. Außerhalb dieses magischen Ortes wirkt Popov wie ein stummer Engel. Obwohl er seit Jahren in Deutschland lebt, eine deutsche Frau hat, spricht er kaum ein Wort Deutsch. Weil er ein Faulpelz ist und ich Russisch spreche, sagt Frau Popov mit liebevoller Nachsicht. Weil er schon genug zu tun hat, lautet seine Version. Mit seinen Nachbarn in dem kleinen Ort in Franken komme er gut aus, wird berichtet. Will ihn jemand näher kennen lernen, muss er in den Zirkus gehen. Oder in seine große Werkstatt zu Hause. Dort arbeitet er oft über Nacht an seinen Requisiten.

Popov hat mal Schlosser gelernt, bevor er für den Zirkus entdeckt wurde. Da war er 14 und der Krieg noch nicht aus. Jetzt könnte er anfangen zu erzählen, wie er vor Chruschtschow und Tschou en-Lai spielte, wie er gefeiert wurde auf Tourneen durch Frankreich und die USA, aber Popov trommelt mit den Fingern, schließlich mit der ganzen Hand. Zeit zum Schlafen vor dem ersten Auftritt.

Der Clown macht sich zurecht. Es ist 13.30 Uhr. Popov rasiert sich in seiner Garderobe, einem Lkw-Auflieger, der hinter der Bühne ins Zelt geschoben wurde. Drei Batschkap-Mützen hängen an der Wand. Auf dem Boden ein kleiner Korb mit Wodkaflasche, eine Huttrommel, ein Koffer mit aufgemaltem Telefon. Auf dem Sofa ein rabenschwarzer Hund. Das ist Tschudaj, der Scotchterrier. Der versteht Popov ohne Worte. Auf der Bühne muss Tschudaj sich tot stellen und dann wieder aufstehen. Das beherrscht er inzwischen perfekt. Popov möchte jetzt fotografiert werden. Nur leider ist der Fotograf noch eine Dreiviertelstunde entfernt. Der Clown schaut jetzt sehr ärgerlich, nimmt seinen Hut und verschwindet aus dem Zelt. Ist er menschenscheu? Nein, sagt seine Frau. Er brauche nur viel Ruhe, wenn er auftritt. Um 14 Uhr ist Popov wieder da. Tschudaj muss noch mal probeliegen in der Manege und Mona, die Ratte, wird auf ihren Laufinstinkt getestet. Die Rattennummer kann zu den Glanzpunkten des aktuellen Popov-Repertoires gezählt werden. Das Tier klettert über ein Seil in den bereithängenden Halbmond, steigt mit ihm in den Zelthimmel hinauf und stürzt von dort per Fallschirm zu Boden. Da lässt sich allerlei hineinphantasieren. Vor allem aber ist es ein schönes Bild. So ist das meistens bei Popov. Man lacht nicht, sondern freut sich mit ihm.

Der Clown tritt auf. Um 15.30 Uhr ist Popov das erste Mal auf der Bühne, zusammen mit seiner Frau Gabi. Sie spielen die Nummer mit der jonglierenden Aufziehpuppe. Der Clown macht sich über die Maschine lustig, spielt den Überlegenen, doch die Puppe verlangt nach Anerkennung und erhält endlich einen Kuss. Der Applaus ist verhalten. Die Kinder im Saal bevorzugen die härteren Clownnummern. In der Pause sitzt Popov müde in der Garderobe. Mütze und Perücke hat er abgenommen. Er sieht traurig aus. Gabi erzählt, wie sie sich kennenlernten. Das war vor 12 Jahren. Damals sah Popov die junge Frau am Rand der Manege und fing an zu lächeln. Er ließ sie nach der Vorstellung in seine Garderobe bitten und gab ein Autogramm im Tausch gegen ihre Telefonnummer. Er sprach kein Deutsch, sie kein Russisch. Statt zu reden, sang er er ihr am Telefon Lieder vor: I just called to say I love you. Deutlicher kann ein Clown nicht werden.

Der russische Staatszirkus hat sein Zelt am Kaufpark Eiche, Landsberger Chaussee, aufgestellt. Vorstellungen bis zum 21. April. Infos und Tickets: www.ruscircus.com

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