Zeitung Heute : Der ewige Zweite

Markus Hesselmann[London]

Der britische Finanzminister Gordon Brown, der gestern seine letzte Budgetrede hielt, wird wahrscheinlich bald die Nachfolge von Tony Blair antreten. Warum kommt er bei den Briten nicht an?


Tony Blair saß hinter Gordon Brown, nickte fleißig und stimmte immer wieder in den Chor der langgezogenen „Yeah“Rufe der Labour-Abgeordneten ein. Brown braucht zurzeit jede Art von Unterstützung, auch wenn sie nur rituell ist. Gestern war ein wichtiger Tag für ihn: In seiner letzten Rede als Schatzkanzler im britischen Unterhaus sollte Brown nicht nur das Budget vorstellen, sondern sich auch als Blairs Nachfolger empfehlen.

Brown präsentierte sich als Politmanager, der mit Zahlen und Fakten überzeugen will. Der Schatzkanzler sprach über viele neue Jobs, geringe Inflation und anhaltendes Wachstum. Das alles habe Großbritannien dieser Regierung zu verdanken. Er werde künftig mehr Geld für Bildung und Umweltschutz ausgeben sowie die Unternehmens- und Einkommensteuern senken. Kein Auftrumpfen, keine großen Gesten, keine starken Worte. „Dies ist ein Budget für Großbritanniens Familien, für Fairness, für die Zukunft“, sagte Brown am Ende seiner Rede.

Die starken Worte kamen dann von Oppositionsführer David Cameron. „Brown hat endlich eine Steuersenkung verkündet“, sagte der Chef der Konservativen. „Normalerweise macht er das vor einer Wahl, aber jetzt ist er in solchen Schwierigkeiten, dass er es schon vor seiner Ernennung als Parteiführer tun muss.“ Das Verfallsdatum des Politikers Brown sei abgelaufen. Er stehe da, „wie der alte Mann im Kreml“.

Mit dieser kleinen Gemeinheit spielte Cameron auf die Kritik an, die ein früherer hochrangiger Mitarbeiter vor der großen Budgetrede an Browns Führungsstil geübt hatte. Andrew Turnbull, bis vor zwei Jahren Chef des öffentlichen Dienstes in Großbritannien, warf Brown „stalinistische Rücksichtslosigkeit“ vor. Er habe „eine zynische Meinung über Menschen und vor allem über seine Kollegen“. Turnbull sprach Brown im Prinzip jede Fähigkeit zur Menschenführung ab und brandmarkte ihn als Mann der einsamen Entscheidungen. Die „Times“ berichtete gestern über weitere leitende Mitarbeiter, die diese Meinung über Brown teilten. Es gebe nun regelrechte „Umerziehungspläne“ für Brown, um ihn menschlichere Umgangsformen zu lehren.

Gordon Brown kontertete den Stalin- Vergleich gestern trocken. Er dankte allen Mitarbeitern im öffentlichen Dienst, „oder soll ich lieber sagen Genossen?“. Im Sommer soll Brown Parteichef und Premier werden. Das genaue Datum seines Rücktritts behält Tony Blair, der wohl sein zehnjähriges Jubiläum als Regierungschef Anfang Mai noch im Amt feiern will, immer noch für sich. Auch diese Hinhaltetaktik drückt die Stimmung in der Partei und beim Volk. In den Umfragen liegt Labour weit hinter den Konservativen zurück. Würde der farblose Brown jetzt gegen den charismatischeren Cameron bei einer Unterhauswahl antreten, dann erhielte Labour nur noch 28 Prozent der Stimmen gegenüber 43 Prozent für die Konservativen.

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