Zeitung Heute : Der Express-Sanierer

Ausmisten sollte Andreas von Arnim bei der BVG, 3000 Stellen abbauen. Dafür wird man nicht geliebt. Jetzt hat er sogar eine anonyme Anzeige am Hals – weil er seiner Referentin das Gehalt erhöhte

Constanze von Bullion

Irgendwo hier könnte die undichte Stelle sein. In dieser Runde am großen Vorstandstisch im Allerheiligsten der BVG, wo Andreas von Arnim seine Führungskräfte zur Konferenz um sich geschart hat. Die Herren, manche mit hochgekrempelten Ärmeln, manche zugeknöpft bis obenhin, nicken freundlich, fragen höflich und übergehen mit geschäftsmäßiger Routine, dass ihr Chef ein angezählter Mann ist.

Der Unbekannte, der es auf von Arnim abgesehen hat, könnte aber auch woanders im Betrieb sitzen – sinnlos, sich den Kopf zu zermartern, der Chef der Berliner Verkehrsbetriebe wird wohl weiter mit dem Mann leben müssen, der eine anonyme Anzeige gegen ihn erstattet und ihm die Staatsanwaltschaft auf den Hals gejagt hat.

Andreas von Arnim ist vor zwei Jahren Vorstandsvorsitzender der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) geworden, und er hat kaum losgelegt mit der Sanierung des wohl traditionsreichsten Berliner Landesbetriebes, da droht er schon zu stolpern. Erst kritisierte der Rechnungshof, dass mehr als 70 BVG-Mitarbeiter über Tarif bezahlt werden und manche mehr verdienen als ein Universitätspräsident, obwohl der Betrieb eine Anstalt öffentlichen Rechts ist. Anstößig fand man es auch, dass 80 Kollegen im Dienstwagen daherkamen, vorzugsweise im 5er BMW, während dem Fußvolk das Gehalt gekürzt werden soll.

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue – auch gegen Vorstandschef Andreas von Arnim, dem es wenig hilft, dass viele der beanstandeten Verträge vor seiner Zeit bei der BVG abgeschlossen wurden. Seitdem anonym Anzeige gegen ihn erstattet wurde, prüfen die Ermittler auch, ob er seiner persönlichen Referentin das Gehalt in nur fünf Monaten um 28 Prozent erhöhen durfte – oder ob das verboten ist in einer Anstalt des öffentlichen Rechts.

Wieder so ein Fall von Berliner Großmannssucht also, bei dem ein Landesbetrieb ausgesaugt wird? Andreas von Arnim hat wenig übrig für solche Fragen. Wer ihm so zuschaut, diesem Hünen im Zweireiher, der mit einem klobigen Koffer durch die BVG-Zentrale stapft wie ein eiliger Schaffner, der lernt einen kennen, der nicht gern wartet und die Dinge ohne übermäßigen Feinsinn anpackt.

Dass er ein Graf ist, nun ja, das mag Andreas von Arnim vielleicht geholfen haben – viel geändert hat es nicht an seinem kurvenreichen Lebensweg. Er ist jetzt 46 Jahre alt, dieser älteste Sohn eines Darmstädter Pharmamanagers, dessen Familie in der Uckermark – „auf Arnimscher Scholle“ – den Glanz vergangener Tage zurückgelassen hat. Konservativ und sparsam ging es zu Hause zu, sagt Andreas von Arnim, und wenn man ihn nach den Werten fragt, die da vermittelt wurden, sagt er: „Offenheit – und was man so als Integrität bezeichnet.“

Ein unruhiger Geist war dieser Managersohn, der nicht ganz so steil aufstieg wie sein Vater, der Industriekaufmann lernte statt zu studieren und „das Konsumgütergeschäft von der Pike auf gelernt“ hat. Bei Unilever, da hat er „Lätta“, die Magermargarine, miterfunden.

Lange hat er es nirgends ausgehalten. Vier Jahre Margarine, dann ging er zur Unternehmensberatung McKinsey. Für die flog er sechs Jahre um die Welt, bis er zu einem kleinen Dienstleistungsunternehmen wechselte. Manche Kollegen haben die Nase gerümpft. Ihm war das egal, sagt er. Drei Jahre später wurde er Geschäftsführer einer großen Sicherheitsfirma und ging dann zu Micrologica, einem mittelständischen Softwareunternehmen.

Ein Karriereknick? Er schüttelt den Kopf. Endlich war er Unternehmer, das war „noch authentischer“. Als er ankam in der Computerfirma, konnte man in der Branche noch spektakuläre Gewinne mitnehmen. Als er ging, war der Betrieb kaputt. Nicht seine Schuld, sagt er, damals implodierte der Neue Markt, die Bank drehte den Geldhahn zu. Schlimme Szenen hat er bei diesem Insolvenzverfahren erlebt, mit Menschen, die verzweifelten, weil sie ihre ganze Alterssicherung in die Firma gesteckt hatten. Was lernt man aus solchen Katastrophen? „Sie werden ziemlich robust.“

Nun ist es nicht so, dass Andreas von Arnim nie von Selbstzweifeln geplagt wird. Er kennt diese Nächte, in denen die Gedanken wie D-Züge durch den Kopf rasen, man sich „wie an die Wand genagelt“ fühlt und sich fragt, ob man eigentlich alles falsch gemacht hat. Während er hinter Bilanzen saß, waren seine beiden Söhne erwachsen geworden. Dann ging die Ehe kaputt, während er schon wieder hinter einem anderen Schreibtisch landete.

Es war der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der ihn 2002 an die Spitze dieses Riesenbetriebs holte, damit er da mal kräftig ausmistet. Ein Job, der ganz nach dem Geschmack des Andreas von Arnim ist. Schließlich versteht er sich als einer, der auch grobe Klötze weghaut, der einreißt, stutzt, weiterentwickelt. „Change agent“ – Veränderungsmanager, die Berufsbezeichnung gefällt ihm. Dass man dafür nicht geliebt wird, scheint ihn wenig zu kümmern, und wenn er gefragt wird, was für ein Mensch er ist, sagt er: „ein schneller, manchmal auch ungeduldiger Mensch“.

Nichts kann diesen Mann mehr aufbringen als Kollegen, die auf der Leitung stehen oder Entscheidungen verzögern. „Es gibt immer wieder Bemühungen von Leuten, die Dinge zu verlangsamen“, sagt er, „das macht mich ab und an richtig kribbelig.“ Wenn es zu sehr kribbelt, explodiert er. Heftig. Und sehr laut.

Die Ausbrüche sind auch im Senat nicht unbemerkt geblieben. Da beobachten sie von Arnims ruppigen Führungsstil mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn einerseits sind sie froh, dass sich endlich einer traut, den trägen Geist des öffentlichen Dienstes aus diesem Betrieb zu vertreiben, der eine Milliarde Euro Schulden abzubauen hat. Andererseits wissen sie, dass der Neue geschickter agieren könnte, dass er sich schwer tut, die Herzen zu gewinnen in der BVG, in der gerade 3000 Stellen abgebaut werden. Öffentlich sagen mag das selbstverständlich niemand.

Andreas von Arnim ist unterdessen mit Abholzen beschäftigt. Weniger Personal, teurere Tickets, der Wind weht rauer bei der BVG, und dem Chef geht es noch immer zu gemütlich zu. Bis 2007 muss der Betrieb fit sein für den Wettbewerb, dann wird das Land wohl auch für Konkurrenzfirmen Aufträge ausschreiben. „Wir müssen besser sein und günstiger und schneller und beweglicher“, wie ein Mantra wiederholt von Arnim das. Im ersten Halbjahr 2004 immerhin hat die BVG weniger Verlust gemacht als geplant, das ist eine frohe Botschaft. Nur dass darüber keiner redet.

Es sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die die Zeitungen füllen, schließlich sieht es nicht gut aus, dass einer, der laut Verzicht predigt, mit vollen Händen Geld für sein Management ausgegeben haben soll. Andreas von Arnim schweigt zu den Vorwürfen, nur eines möchte er klarstellen. „Wenn man in der BVG marktnahe Bedingungen herstellen will, braucht man auch Fach- und Führungskräfte vom freien Markt, deren Tätigkeit angemessen vergütet wird.“ Was aber angemessen ist, darüber streiten sich die Geister. Finanzsenator Thilo Sarrazin etwa fand die Dienstwagenflotte der BVG unangemessen und wies von Arnim an, sie schleunigst zu verkleinern.

Er hat damit jetzt angefangen, hat den Abteilungsleitern ihre Wagen weggenommen und die Direktoren in kleinere 3er BMW gesteckt. Aber auch mit der Belegschaft wird zäh um jedes lieb gewonnene Privileg verhandelt – wenn auch nicht immer mit Erfolg. So gibt die BVG auch weiter Millionen dafür aus, dass die Ehefrauen von Mitarbeitern verbilligt U-Bahn fahren. Und die kritisierten Managergehälter werden vorerst weiterbezahlt.

Dass immer noch nicht geklärt ist, was die BVG bezahlen darf und was nicht, das hat von Arnim auch seinen Kollegen zu verdanken. Bei der Staatsanwaltschaft jedenfalls haben sie sich ein wenig gewundert, dass die BVG-Verwaltung wichtige Akten zunächst nicht finden konnte, die von Arnim womöglich hätten entlasten können. Erst als Ermittlungen eingeleitet wurden, sollen die Papiere aufgetaucht sein. Schlamperei sagen manche, andere wittern Verrat. In diesen Wochen, in denen die Stellenstreichungen auch die Führungsetagen der BVG erreichen, gibt es viele im Betrieb, die um ihre Pfründen fürchten. Will da einer den Boss entsorgen, bevor er selbst entsorgt wird? Oder stammt jene anonyme Anzeige gegen den BVG-Chef von einem aufrechten Kollegen, der nicht mit einem allzu sorglosen Management leben mag?

Andreas von Arnim hat die Frage für sich längst beantwortet. „Ich habe den Eindruck, dass es im Interesse mancher Leute liegt, Veränderungen aufzuhalten, indem man jemandem bewusst unter die Gürtellinie zielt“, sagt er. Aufhalten lassen will er sich davon nicht.

Und wenn es doch zur Anklage kommt? Andreas von Arnim unterbricht seinen Redefluss, wirft einen langen Blick aus dem Fenster. „Der Aufsichtsrat hat jederzeit das Recht, mich zu entbinden“, sagt er dann. Es wäre nicht das erste Mal, dass dieser eilige Zeitgenosse seine Sachen packt. So leicht aber wird er wohl diesmal nicht davonkommen. Sondern tun müssen, was er am schlechtesten kann – abwarten.

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