Zeitung Heute : Der Exzess

Er traut sich nicht mehr auf die Straße, und er träumt immer noch davon: Wie ihn Neonazis quälten und folterten. Ein Opfer erzählt

Frank Jansen

Am liebsten wäre er unsichtbar. Er könnte dann auf die Straße gehen. Ohne fürchten zu müssen, dass jemand Fragen stellt. „Ich hab’ Angst, dass ich darauf angesprochen werde: Warum haste denn so was?“ Gunnar S. redet hastig, „ich geh’ nich’ raus, auch wenn es jetzt warm is’, ich kann nich’ baden gehen, mit freiem Oberkörper, mit den verbrannten Brustwarzen, mit dem ganzen verbrannten Rücken“. Er sackt in den Sessel zurück, sein Blick wartet auf eine Reaktion. Aber was soll man einem Mann sagen, dessen Geschichte so grausig ist, dass die verbrannten Brustwarzen fast schon wie ein minderschweres Detail erscheinen?

Vielleicht erwartet Gunnar S. gar keine Antwort. Er will reden, trotz seiner Scheu vor der Öffentlichkeit. „Sonst steht in den Zeitungen nur, wat mit den Tätern is’. Ich will, dass drinne steht, was mit mir is’.“ Ein Jahr nach der Tat. Erst jetzt hat Gunnar S. die Kraft, mit einem Journalisten zu reden. Aber er bittet, auf keinen Fall seinen vollen Namen zu schreiben. Und nicht, wo er lebt.

Am 5. Juni 2004 geriet Gunnar S. in die Fänge einer Clique von drei rechtsextremen Skinheads und zwei jungen Frauen. Es war nicht die szenetypische Tatzeit, keine tiefe Nacht, sondern ein Vormittag. Gunnar S. traf in Frankfurt (Oder) vor einem Plattenbau auf die Gruppe. Zwei Skinheads kannten ihn. Und zumindest einer der Kahlköpfe wusste, dass Gunnar S. ein Punk gewesen war. Offenbar ein harmloser, aber Punks zählen zu den Feindbildern der rechten Szene. Jedenfalls behaupteten die Skinheads, Gunnar S. habe eine 15-Jährige vergewaltigen wollen. Die drei Männer nötigten ihn, in eine Wohnung mitzukommen. Dort lebte ein Bekannter der Skins, der auch ein paar Schläge abbekam. Dann war Gunnar S. an der Reihe. Zweieinhalb Stunden lang.

Was der 34-jährige arbeitslose Baumaschinist über sich ergehen lassen musste, beschreiben Strafverfolger als ein Verbrechen, das selbst in Brandenburg, bundesweit Nummer-eins-Land bei rechter Gewalt, die Maßstäbe sprengt. Nur selten hat eine märkische Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift so heftig Entsetzen über Szeneschläger formuliert. „Aus angemaßter Rächerrolle, aus auf tiefster Stufe stehender menschenverachtender dumpfer rechtsextremistischer Einstellung und purer Lust“ hätten Ronny B., David K. und Daniel K. ihr Opfer misshandelt, gequält und sexuell missbraucht, schrieb der lang gediente Oberstaatsanwalt Hartmut Oeser. Übertrieben hat er nicht.

Seit Februar müssen sich die drei Rechtsextremisten sowie Ramona P. und Stephanie L. vor dem Frankfurter Landgericht verantworten. Der 29 Jahre alte Ronny B. ist kräftig, sein Blick wirkt allerdings seltsam müde, abwesend. David K., 23 Jahre alt, ist auch ein wuchtiger Glatzkopf. Die beiden Angeklagten sind das, was Kriminalisten als typische Intensivtäter bezeichnen. Die Zahl der Delikte, von „Sieg Heil“-Gebrüll über Raub bis zu x-facher Körperverletzung, ist kaum noch zu überblicken. Daniel K., 21 Jahre alt, erscheint im Gericht mit gegeltem Haar. Sein Vorstrafenregister ist dünn. Die 25 Jahre alte Ramona P. und Stephanie L., 20 Jahre, haben keins. Die zwei Blondinen kommen modisch gekleidet, als ginge es um das Casting einer Model-Agentur. Doch spätestens am heutigen Montag werden die Frauen und ihre drei Kumpel eine Ahnung von der Strafe bekommen, die sie erwartet. Der Staatsanwalt, der Anwalt von Gunnar S. und die Verteidiger sollen jetzt ihre Plädoyers vortragen. Aber kann ein Gericht überhaupt angemessen ahnden, was Gunnar S. erdulden musste?

„Ich musste mich nackt ausziehen und auf dem Boden kriechen, wie ein Tier“, sagt er. „Du Scheiß-Alt-Punk ham’ sie mir beschimpft, und dass ich unarisch bin.“ Was Gunnar S. dann in seiner einfachen, manchmal derben Sprache an Details erzählt, ist von Erinnerungslücken getrübt – und doch so furchtbar, dass man es kaum noch aufschreiben kann. Zunächst schlugen und traten die Skinheads auf ihr Opfer ein. Ronny B. reichte das nicht. Die Hilflosigkeit von Gunnar S. reizte ihn, jegliche Hemmung abzustreifen. Und homosexuell aufgeladene Machtfantasien auszuleben. Als sollte Pier Paolo Pasolinis Film „Die 120 Tage von Sodom“, in dem er eine fiktive sadistische Orgie italienischer Faschisten aufführt, in Brandenburg als neonazistischer Gewaltexzess umgesetzt werden.

Ronny B. nahm Gegenstände aus der Küche und führte sie Gunnar S. in den After ein. Der Gequälte erlitt lebensgefährliche innere Blutungen, wurde ohnmächtig, wachte wieder auf. David K. und Daniel K. benutzten ein heißes Bügeleisen, um den Rücken des Opfers und weitere Körperteile zu verbrennen. Ronny B. urinierte Gunnar S. in den Mund. Der Skinhead stach ihm mit einem Messer und einer Gabel in den linken Oberschenkel. Gunnar S. musste Weichspüler, Rasierschaum, verdorbenen Saft, eine pulverartige Droge, Taubenkot und Zigarettenkippen schlucken. Die beiden Frauen sollen mit Gelächter und Rufen die Rechtsextremisten angefeuert haben. Ramona P. und Stephanie L. streiten es ab. Geholfen haben sie dem Opfer jedenfalls nicht.

Als die drei Skinheads genug hatten, erpressten sie mit Todesdrohungen von Gunnar S. das Versprechen, niemandem von der Folter zu erzählen. Der benommene Mann taumelte in seine Wohnung in einem benachbarten Plattenbau und ließ Wasser in die Wanne ein. Kurz darauf klingelte es. Da habe „ein Faschokumpel“ der Täter an der Tür gestanden, sagt Gunnar S. „Der hat dann Trophäenfotos von mir gemacht.“ Die Bilder habe der Mann an eine Boulevardzeitung verkauft. Gunnar S. steht auf und holt einen Zeitungsausschnitt. Auf dem Foto steht er da mit verbranntem Oberkörper.

Es war dann aber offenkundig die Freundin des Fotovoyeurs, die einen Notarzt rief. Gerade noch rechtzeitig wurde Gunnar S. im Frankfurter Klinikum operiert. Bei seiner ersten Befragung durch die Polizei war die Panik so groß, dass er eine Geschichte erfand, um die Täter nicht zu nennen. Erst später sagte er, wie es gewesen war.

Als die physischen Schäden halbwegs geheilt waren, kam Gunnar S. in eine sächsische Fachklinik für psychosomatische Medizin. Fünf Wochen blieb er dort, jetzt betreut ihn eine Traumapsychologin. Dreimal täglich muss er Antidepressiva einnehmen. Sein Zustand bleibt prekär.

Im vergangenen Jahr, sagt Gunnar S., habe er einen Selbstmordversuch unternommen. „Manchmal wär’ mir lieber, der hätte mich abgestochen“, damit ist Ronny B. gemeint. Dann wird die Stimme noch hastiger, „ich kann nur zwei Stunden schlafen, dann träum’ ich wat, dann wach’ ich auf. Die Täter ham’ mich schon n’ paar Mal im Traum erwischt.“ Gunnar S. beugt sich vor, „ich kann mich nich’ mehr mit Rasierschaum rasieren, weil ich den schlucken musste. Ich kann keinen Saft trinken, weil ich so wat Verschimmeltes trinken musste. Und wenn ich was trinke, habe ich immer den Weichspüler im Mund, den ich schlucken musste.“

Im Prozess ist Gunnar S. einmal kurz als Zeuge aufgetreten. Die Strafkammer unter Vorsitz des sensiblen Richters Andreas Dielitz kam dem traumatisierten Mann entgegen. Er musste sich nicht in den Saal setzen und die Blicke der Angeklagten ertragen. In einem Nebenraum sprach Gunnar S. Anfang März in eine Videokamera, seine Aussage wurde übertragen. Neben Gunnar S. saß ein Mitglied des Vereins Opferperspektive, der sich seit Jahren um Menschen kümmert, die in Brandenburg von rechten Gewalttätern malträtiert wurden. Der Richter hatte auch die Öffentlichkeit ausgeschlossen. „Einige Angeklagte wollten sich entschuldigen“, sagt Gunnar S., „aber das geht nicht. Warum haben die mich denn überhaupt zerlegt?“

Warum. Die Frage zieht sich nicht nur durch die Geschichte von Gunnar S., ohne dass es eine Antwort gäbe. Was Gunnar S. erlebt hat, ist Teil einer Serie rechtsextremer Angriffe in Brandenburg, bei denen die Täter die übliche Faust-und-Stiefel-Gewalt noch sadistisch zuspitzten. In der Regel mit tödlichem Ende. Am bekanntesten ist der Mordfall Potzlow. In dem uckermärkischen Dorf quälten im Juli 2002 drei Skinheads den Schüler Marinus Schöberl, ein Täter sprang ihm zuletzt ins Genick. Im Monat zuvor hatten vier Rechtsextremisten den Dachdecker Ronald Masch entführt und auf einem Feld nahe der Ortschaft Neu Mahlisch zusammengeschlagen. Einer der Täter stach etwa 40 Mal auf Masch ein – und schwärmte nach dem Mord vom „Blutrausch“. Im August 2001 quälten fünf junge Männer in Dahlwitz den Obdachlosen Dieter Manzke zu Tode. Im März 2003 prügelten drei Rechtsextremisten in einer Wohnung in Frankfurt (Oder) den früheren Punk Enrico Schreiber. Ein Skinhead sprang auf ihm herum und stach mit einem Messer mehrmals zu. Das Opfer ist verblutet. Gunnar S. beinahe auch.

Die Lust an Gewalt bis zur Folter kann niemand erklären. Selbst Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, sonst immer für kernige Sprüche gut, sagt inzwischen, die Polizei stoße an ihre Grenzen. Es mangele der Gesellschaft an nachhaltigem Engagement gegen den Rechtsextremismus und die von ihm ausgehende Gewalt. Ideen, wie der Schrecken wirksam zu bekämpfen wäre, haben weder der Minister noch andere Experten.

Gunnar S. kämpft mit sich selbst. Auch ein Jahr nach dem Exzess fällt es ihm schwer, eine Perspektive zu finden. Er kann nicht arbeiten, lebt von magerer Rente und sitzt die meiste Zeit vor dem Fernseher. Und ringt darum, die Angst vor „draußen“ zu überwinden. Seine Mutter hilft ihm, auch der jüngere Bruder, aber es reicht nicht. In dem Gespräch deutet Gunnar S. an, welchen Zeitraum er im Kopf hat, bis zu einem halbwegs normalen Leben. Bis er sich traut, endlich wieder zu seinem Sohn zu fahren, den er mit einer Ex-Freundin hat. „Das ist mein größter Wunsch“, sagt Gunnar S., „ich möchte ihn sehen, bevor er erwachsen wird.“ Der Sohn ist erst drei Jahre alt.

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