Zeitung Heute : Der Exzess

Der Polizist brach zusammen, sie prügelten weiter. Wie die Gewalt an einer Berliner Schule eskalierte

Katja Füchsel

Alexander hält sich gut. Es ist nur ein leichtes Zittern zu sehen, wenn der 18-Jährige sich durch die Haare streicht. Allerdings will ihm manchmal seine Stimme nicht richtig gehorchen. Es war Freitagabend, auf einer Schulparty in Berlin-Lichtenrade, als die Gewalt über Alexanders sonst eher friedliche Welt hineinbrach. „Das war grauenhaft“, sagt der Oberschüler und schüttelt den Kopf, als könne er so die Bilder dieses Abends vertreiben. Der 18-Jährige stand direkt daneben, als in der Georg-Büchner-Oberschule rund ein Dutzend Jugendliche auf den Polizisten Michael M. losgingen, mit einer Eisenstange auf den 42 Jahre alten Beamten einprügelten, ihn schlugen und traten – auch noch, als Michael M. blutüberströmt am Boden lag. „Sieben, acht von den Jugendlichen waren auf ihm drauf“, sagt Alexander. Die Schüler sind sich sicher: Die Meute wollte töten.

Eylem, Eren, Ahmet, Yahya – so heißen die Jugendlichen, die die Gewalt in das Leben von Michael M., aber auch in das von Alexander und seinen Mitschülern gebracht haben. Die Angreifer, arabischer und türkischer Herkunft, haben alle einen deutschen Pass. Die Polizei hat sie – alle zwischen 14 und 17 Jahren alt – am selben Abend nur etwa 100 Meter von der Schule entfernt festgenommen; vier der Schläger sitzen seit Sonntag in Untersuchungshaft. Michael M. liegt weiterhin im Krankenhaus, bislang wollte er – abgesehen von seiner Familie – niemanden empfangen.

Der Fall ist vielleicht auch deshalb so schockierend, weil er sich eben nicht in einem von Berlins Problemkiezen ereignet hat, in Neukölln, Kreuzberg oder Wedding, wo Polizei und Justiz bereits vor Monaten vor einer neuen Dimension der Jugendgewalt gewarnt haben. Der Trend: Die vor allem ausländischen Gewalttäter werden immer jünger, ihre Delikte wiegen immer schwerer. Jugendrichter beklagen, dass die Opfer, zumeist deutsche Jugendliche, in ihrem Kiez resignierten und sich mit den Umständen zu arrangieren versuchten, um den Zorn gewisser Cliquen nicht zu erregen.

Vor einiger Zeit hat dieser Trend auch Lichtenrade erreicht, den bürgerlichen Stadtrand Berlins, wo es neben einigen Sozialbauten vor allem Einfamilienhäuser gibt, in die West-Berliner bis heute gerne ziehen, sobald sie es zu einem guten Einkommen und dem ersten Kind gebracht haben. „Es ist immer noch eine eher ruhige Gegend“, sagt eine Anwohnerin, als sie am Morgen ihre Zeitung aus dem Briefkasten holt. Allerdings gebe es inzwischen immer mal wieder Ärger mit Jugendgruppen, die vor allem auf den Straßenfesten auf Randale aus seien.

Mit Stress hatten sie am Freitag auch an der Büchner-Oberschule gerechnet, weil zur Party nur die Büchner-Schüler geladen waren. „Bei den Feten versuchen jedes Mal die Jugendlichen von den benachbarten Schulen auch reinzukommen“, sagt eine Zehnklässlerin. Deshalb hatte die Schule beim Polizeiabschnitt um Unterstützung von zwei Zivilbeamten gebeten. Der Polizist Michael M. hingegen kam privat. Er stand nur deshalb vor der Schule, weil er seinen Sohn von der Party abholen wollte. Dann wurde er Zeuge eines Handgemenges. Die Jugendlichen machten Ärger, weil ihnen von Alexander und seinen als Ordner eingeteilten Mitschülern der Eintritt verweigert wurde. „Da hab’ ich gleich ’ne Faust im Gesicht gehabt“, sagt Alexander. Als sich Michael M. einmischte, ging alles ganz schnell: Der Rädelsführer schnappte sich eine der eisernen Absperrungen, die den Eingang sichern sollten. Die anderen gingen mit ihren Fäusten auf den Kriminalbeamten los. Erst als sie ein näher kommendes Martinshorn hörten, ließen die Jugendlichen von ihrem Opfer ab und rannten davon.

Bis zum Montagabend konnten weder Justiz noch Polizei noch die Berliner Senatsverwaltung sagen, auf welche Schulen die festgenommenen Jugendlichen gehen. Doch der Schulleiter der Büchner-Oberschule, Günter Koschmieder, hatte sofort zwei benachbarte Schulen in Verdacht, die Theodor-Haubach-Realschule und die Carl-Zeiss-Gesamtschule, mit denen es seit Jahren Ärger gebe. Zwei Mädchen, die am Morgen auf den Bus warten, zucken eher gelangweilt mit den Schultern: „Manche sagen, die aus dem Gymnasium halten sich für was Besseres.“ Beide besuchen die neunte Klasse der Haubach-Schule, tragen hautenge Jeans und knallblauen Lidschatten über den Augen. Und „die“, die so etwas sagten, das seien auch „die“, die zuweilen zuschlagen würden, wenn ihnen etwas nicht passe. „Aber das am Freitag, das war schon krass“, sagen die Mädchen.

Es ist 10 Uhr, als über die Flure der Büchner-Oberschule eine Lautsprecherdurchsage hallt: Alle Klassensprecher werden in die Aula gebeten, zur „außerordentlichen Versammlung“. Die Öffentlichkeit muss draußen bleiben. „Es geht jetzt darum, dass die Schüler den Vorfall verarbeiten können“, sagt Günter Koschmieder. Zur Schockbewältigung habe man zwei Schulpsychologen angefordert. Er selbst müsse anschließend bei der Schulaufsicht Rede und Antwort stehen. Vielen habe es nicht gefallen, dass er „endlich einmal“ gesagt habe, was im Kiez Sache sei. Er hatte verkündet, dass es seit Jahren Ärger mit den benachbarten Schulen gebe. Es sei ihm „völlig klar“, dass das Ärger bedeute.

Und es war wohl auch abzusehen, dass er sich unter seinen Kollegen Feinde machen würde. Im Sekretariat der Haubach-Schule dringt die wütende Stimme des Schulleiters schon durch die geschlossene Tür. „Das ist eine Frechheit!“ schimpft Martin Witt von Krauss. „Hier werden die Nachbarschulen verunglimpft!“ Der Pädagoge trägt seinen grauen Bart kurz geschoren, dazu eine runde Brille und einen dunkelblauen Anzug. Seit 22 Jahren arbeitet Witt von Krauss an der Haubach-Realschule, es hat sich viel verändert: Mehr als jeder vierte Schüler ist nichtdeutscher Herkunft, und mit ihnen sind auch die Sitten rauer geworden. Zwischen Schreibtisch und bunten Klassenfotos zählt Witt von Krauss an den Fingern ab, was er Koschmieder vorwirft: Niemals habe sich der Kollege bei ihm über eine Dauerfehde der Schüler beklagt, nie habe er etwas von einem Hausverbot erfahren, nie von gewalttätigen Übergriffen auf Lehrer oder Schüler – und jetzt das. „Bei solchen Gerüchten kann ich bald meinen Laden dichtmachen“, sagt er.

Schadensbegrenzung – darum ist man am Montag auch in der Schulverwaltung bemüht. Der Vorfall in Lichtenrade sei schockierend, aber eine absolute Ausnahme, heißt es. Es könne keine Rede davon sein, dass die Schulen ihre Partys zunehmend unter Polizeischutz feiern müssten. „Wir hatten im vergangenen Jahr rund 1500 Meldungen über Gewaltvorfälle – nur vier davon betrafen außerschulische Veranstaltungen“, sagt Bettina Schubert, die Referentin für Gewaltprävention. Und auch bei der Polizei heißt es, dass es „eher die Ausnahme“ sei, dass Zivilbeamte sich auf Schulfesten unter die Gäste mischen.

An der Büchner-Schule klingelt es, die Raucherpause ist vorbei. Fast alle seine Freunde können erzählen, wie es sich anfühlt, wenn der Schulweg zum Spießrutenlauf wird. Weil sich die Schüler von nebenan über ihre Frisuren lustig machen oder über ihre Klamotten. „Vielleicht ist Intelligenz ja für die ein Zeichen von Uncoolness“, sagt einer. Am besten sei es, die Pöbeleien zu ignorieren – alles andere könne schmerzhaft enden.

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