Zeitung Heute : "Der Fall Arbogast": Ein Fall ohne Eigenschaften

Florian Felix Weyh

Neben der Bibel, dem einbändigen Volksbrockhaus und dem unvermeidlichen "Humoristischen Hausschatz" gehört seit Generationen der Pitaval zum ehernen Bestand deutscher Wohnzimmerregale. Vor Eduard Zimmermanns ungelösten Aktenzeichen konnte man daraus das Grausen lernen, verbunden mit dem pädagogischen Appell, das Gute zu fördern und Böses zu meiden.

Die kathartische Wirkung verblasste allerdings mit zunehmendem Abstand zur Tat, so dass die originale Fallsammlung des Francois Gayot de Pitaval aus dem 18. Jahrhundert in schöner Regelmäßigkeit Remakes nach sich zog. Getreu dem Motto: Die schönsten Verbrechen sind die zeitgenössischen. Einer jener späten Nachfolger des Pitaval hieß "Tatmotiv Leidenschaft", stammte aus der Feder des Illustriertenreporters und Kriminalschriftstellers Frank Arnau, der eigentlich Heinrich Schmitt hieß und sich nun als Fritz Sarrazin in Thomas Hettches neuem Roman wiederfindet.

Die Camouflage hätte dem 1976 verstorbenen Arnau sicher gefallen, denn dem Vielschreiber - über 100 Bücher gehen auf sein Konto - flocht die Nachwelt keine Kränze, obwohl er als krasser Außenseiter zweimal spürbar in die Justizgeschichte der Bundesrepublik eingriff. Einmal im Fall des Bundespräsidenten Lübke, dessen Teilnahme am Bau von KZ-Baracken er durch Dokumente untermauerte, und einmal im Fall Hans Hetzels, der zu den wenigen erfolgreichen Wiederaufnahmeverfahren der Nachkriegszeit zählte.

Der Fall Hetzel ist der "Fall Arbogast", und Thomas Hettche gibt sich wenig Mühe, das handelnde Personal mehr als nur notdürftig zu verschlüsseln. Dass sich der Autor überhaupt durchsichtiger Maskierungen bedient, mag vorbeugende persönlichkeitsrechtliche Gründe haben (man erinnere sich an den jahrelangen Streit um den "Soldatenmord von Lebach"), aber es ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Hettche die Nähe zu einer Zwittergattung namens "Faction" scheut, die trotz Autoren wie Norman Mailer und Truman Capote den Ruch literarischer Unseriosität nie ganz abstreifen konnte.

Mit Unschuldsmiene tauft er seinen "Fall Arbogast" einen "Kriminalroman", womit er sich aber nur kurzfristig einen Gefallen tut, denn passionierte Genreleser merken rasch, dass das Kriminalistische darin nur vordergründig zitiert wird. Die Gründe dafür ließen sich schon in den vorangegangenen Publikationen nur mühsam verschleiern. Von allen Autoren seiner Generation agiert Thomas Hettche am wenigsten souverän. Wenn er schreiben muss - gemessen an seiner Produktivität muss er das offensichtlich -, dann steht ihm nicht frei, worüber er schreibt. Der weiche, verfallsbedrohte Körper findet unweigerlich Eingang in seine Belletristik, und das auf eher unappetitliche Weise. Hettche ist intelligent und versiert genug, diese Faszination des Morbiden hinter Konstruktionen zu verbergen, die ihn selbst als morbiden Schöpfer aus der Schusslinie nehmen. Wie so oft in der Lite-ratur erweist sich das exhibitionistische Element als dezidiert antipornographisch: Hettche schreibt zwar fast zwanghaft Sexualprosa, aber irgend etwas an der körperlichen Liebe muss ihn tief abstoßen.

Was passt besser zu solch einem Grundmotiv als folgender Fall: Am 1. September 1953 nimmt der wegen verschiedener Delikte vorbestrafte Vertreter Hans Hetzel die 25jährige Magdalene Gierth (im Roman Marie Gurth) per Anhalterin mit, schläft mit ihr a tergo und muss erleben, wie sie während des Geschlechtsverkehrs tot zusammenbricht. Im Prozess vor dem Offenburger Landgericht (im Roman Grangat, ein Ortsteil des Schwarzwaldstädchens Wolfach) sieht es für Hetzel alias Arbogast zunächst gut aus, da der Obduktionsbericht eine Herzmuskelentzündung feststellt und typische Merkmale eines Erstickungstodes fehlen. Von der Staatsanwaltschaft ins Spiel gebracht, dreht der Münsteraner Gerichtsmediziner Albert Ponsold (im Roman Heinrich Maul) den Spieß jedoch um: Auf schlechten Fotografien will er eindeutige Beweise für den Strangulationstod Gierths entdeckt haben; die Leiche selbst nimmt er nie in Augenschein.

Ponsold, zu jener Zeit eine unangreifbare bundesdeutsche Koryphäe, versteift sich auf eine "Kälberstrick-Theorie", die sich neben dem Verdacht eines gewaltsamen Analverkehrs ins Bild vom sadistisch-perversen Lustmord fügt. Im Koordinatensystem der fünfziger Jahre ist Hetzel damit geliefert und sitzt bis zur Wiederaufnahme seines Verfahrens 14 Jahre im Zuchthaus. Dass es überhaupt zu einer jener raren Urteilsanfechtungen kam, verdankte er dem gewandelten gesellschaftlichen Klima, dem Engagement der Presse (neben Arnau war der damals junge Spiegel-Reporter Gerhard Mauz beteiligt, der im Roman als Henrik Tietz firmiert) und einer zeitgeschichtlichen Volte. Auch mehr als ein Dutzend Jahre nach dem katastrophalen Fehlgutachten wagte kein westdeutscher Fachkollege, gegen den angesehenen Mediziner Ponsold anzutreten, so dass die Verteidigung nur noch den Ausweg sah, Otto Prokop, Doyen der ostdeutschen Forensik, heranzuziehen.

Im aufgewühlten Jahr 1968, noch vor der aufdäm-mernden Entspannungspolitik, ließ sich ein badisches Schwurgericht von einem DDR-Gutachter belehren, wie menschenverachtend schlampig die westdeutsche Justiz in Fragen der Gerechtigkeit vorgegangen war. Schon die Beurteilung einer Leiche auf der Basis von Fotografien spottete aller juristischen Maßstäbe, doch auch die Folgerungen aus den - irrtümlich wahrgenommenen - Würgemalen am Hals entsprangen dem sexuellen Schreckdenken des Gutachters Ponsold, nicht der Realität. Kein Analverkehr, keine sadistische Orgie, sondern Herztod wegen einer möglichen Luftembolie durch die halb geöffnete Gebärmutter. Die bedauernswerte Tote hatte kurz zuvor einen dilettantischen Abtreibungsversuch unternommen.

Diesen realen Treppenwitz der Geschichte - das Unrechtssystem DDR weist dem Rechtsstaat BRD den Weg zur Gerechtigkeit - unterläuft Thomas Hettche allerdings durch einen entscheidenden Missgriff: Otto Prokop ist bei ihm eine Frau, Katja Lavans, der er zwar wörtliche Sätze aus dem Prokop-Plädoyer in den Mund legt, deren DDR-Herkunft aber unwichtig bleibt. Mehr noch, der heute hochbetagte Forensiker Prokop stammt aus Österreich, studierte im Westen und war erst in den fünfziger Jahren auf den Lehrstuhl an der Humboldt-Universität berufen worden. Ein Wanderer zwischen den Systemen, den, wenn auch atemringend, ein konservatives Schwurgericht im Westen akzeptieren konnte.

Wenn der Autor ausgerechnet an dieser Stelle den minutiös recherchierten Rahmen der historischen Wahrheit verlässt, kann dies kein Zufall sein, und in der Tat ordnet sich die literarische Geschlechtsumwandlung dem roten Faden des Hettcheschen Gesamtwerks unter. Als eine der wenigen Frauen im Buch (Arbogasts Mutter, Schwester und Ehefrau bleiben allesamt blass) muss sie gleichermaßen mit dem Anwalt und seinem Klienten schlafen, noch bevor sie am nächsten Tag - nun doch etwas in Zweifel geraten über den eruptiven Lustausbruch des unschuldig Verurteilten - ihr Gutachten präsentiert.

Diese Form von massentauglicher Kolportage ist untypisch für einen Autor, der bislang stets darauf bedacht war, dem Interpretationskartell des Feuilletons reichlich Futter zu liefern, indem er intertextuelle Bezüge mit der Streusandbüchse über seine Texte verteilte. Seine Belesenheit unterschlägt er auch weiterhin nicht, nur sind im "Fall Arbogast" die Bildungsexkursionen nicht mehr mit dem Rotstift markiert, sondern nach berühmten Vorbild in den Text eingewoben.

Zu Beginn des 24. Kapitels etwa drängt sich eine ganze Städtebaulektion in einem Satz zusammen: "Das lediglich zehngeschossige Iduna-Hochhaus am Börsenplatz, in dem sich die Kanzlei befand, war eines der ersten Bürogebäude, das in Frankfurt zu Beginn der 60er Jahre über die Giebelhöhe der Vorkriegszeit hinausging." Für den Kriminalfall von untergeordneter Bedeutung, setzt Hettche - nicht nur an dieser Stelle - Duftmarken für seine Wunschinterpretation: Der "Fall Arbogast" ist ein Fall ohne Eigenschaften, mit Figuren ohne Eigenschaften, anhand derer das Musilsche Verfahren des essayistischen Romans nachgespielt wird. Wann immer sich die Möglichkeit zur Abschweifung bietet - über die Panorama-Gefängnisarchitektur in Bruchsal, das erste elektronische Musikinstrument Theremin und natürlich immer wieder gerichtsmedizinische Befunde - gibt ihr der Autor bereitwillig nach.

Seine Versuche, das Innenleben der handelnden Personen auszuloten, enden dagegen meist kurz vorm Klischee, so dass sich eine seltsame Stillage zwischen Johannes Mario Simmel und Robert Musil ergibt. Der Schriftsteller Arnau alias Sarrazin verkümmert ebenso zum Stichwortgeber wie der Anwalt Ansgar Klein (der in Wirklichkeit Fritz Groß hieß), und beim weitgehend sprachlosen Hans Arbogast stößt Hettches trockene Recherche ohne Empathie an ihre Grenzen. Nur der dämonische Gefängnisgeistliche Karges gewinnt durch die erkennbare Zwiespältigkeit des Autors an Eindringlichkeit: Schuld beginnt für ihn - streng katholisch - bereits im sexuellen Trieb, weswegen der juristische Freispruch keinen moralischen Freispruch bedeuten kann.

Genau diesen Subtext führt Hettches Prosa seit Jahren im Gepäck, denn in der fortwährenden Verschmelzung von Lust und Fäulnis wird Sexualität als Ganzes diskreditiert, ja denunziert. Mag ein 1964 Geborener auch nicht offen als Sexualreaktionär die Barrikaden der durchsexualisierten Gesellschaft stürmen, lässt sich diese unterschwellige Ablehnung auf Dauer nicht verbergen. Das freilich wird dem Erstleser, der Thomas Hettche mit diesem Buch entdeckt, nicht ins Auge springen. Er findet im "Fall Arbogast" eine hoch informative, aber mäßig zwingende Gerichtsreportage und Gesellschaftskolportage, die aus Sicht seiner bisherigen Gegner sein bestes Buch sein dürfte, aus Sicht der reflexionssüchtigen Anhänger sein wahrscheinlich schwächstes. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit, und Fehlurteile revidieren - wenn schon nicht die Gerichte - so doch die Geschichte.

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