Zeitung Heute : Der Fall geht weiter

Kein Fremdverschulden – da ist sich die Polizei inzwischen sicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jürgen W. Möllemann sich selbst in den Tod stürzte, ist sehr groß. Aber viele Fragen bleiben: Gab es illegale Parteispenden? Sind Steuern hinterzogen worden? Die Behörden ermitteln in alle Richtungen.

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

MÖLLEMANNS TOD – DER TAG DANACH

Hans Dietrich Genscher äußert sich noch vorsichtiger, als es die Öffentlichkeit von ihm gewohnt ist. „Mir will das aber nicht recht in das Bild passen, das ich von Jürgen Möllemann habe“, sagte er zur Selbstmordhypothese, die, durch etliche Zeugenaussagen beflügelt, schon kurz nach dessen spektakulärem Tot kursierte. Mehrere Jahrzehnte haben Genscher und Möllemann eng zusammengearbeitet, der frühere Außenminister und Ehrenvorsitzende der FDP widerspricht nicht, wenn man den Münsteraner als seinen politischen Ziehsohn bezeichnet. „Wenn er einen Rückschlag erlitten hat – und das ist nicht nur einmal geschehen – dann hat er wieder angefangen, hat neu begonnen“, erzählt Genscher, der viele dieser Höhen und Tiefen aus unmittelbarer Nähe miterlebt hat.

„Jürgen, es reicht“

Selbst den letzten politischen Absturz in der FDP hat er begleitet und ihn auch befördert, nachdem Möllemann alle Warnungen überhört hatte. „Jürgen, es reicht“, hatte Genscher ihn auf dem Höhepunkt der Affäre um Karsli und das Flugblatt zur Ordnung gerufen, vergeblich. Danach hatte auch Genscher keinen Widerstand mehr geleistet, als Möllemann wenige Tage vor der Bundestagswahl von der Abschlusskundgebung der Liberalen in Bonn ausgeladen wurde.

Auch die Staatsanwälte weisen am Tag danach darauf hin, dass sie alle Hypothesen untersuchen. Den komplettem Fallschirm – mit Haupt- und Reserveschirm – mit dem Möllemann in den Tod gesprungen ist, haben sie zu kriminalistischen Untersuchungen zum Luftfahrtbundesamt nach Braunschweig geschickt. „Dabei interessiert uns besonders der Automat, der den Reservefallschirm hätte öffnen sollen, wenn er richtig eingeschaltet gewesen ist“, erklärt dazu der zuständige Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke aus Essen, der die Umstände des Todes aufzuklären hat.

Natürlich kennt er alle Gerüchte über Möllemann und hat auch von dunklen Andeutungen gehört, das viele Geld auf den ausländischen Konten stamme aus dubiosen Quellen. Der eine oder andere spekuliert in diesem Zusammenhang über Parallelen zu Uwe Barschel, denn nach dessen Tod waren immer wieder Hinweise aufgetaucht, er sei getötet worden, weil er möglicherweise in Waffenschiebereien verstrickt gewesen sein könnte. Trotz all dieser die Phantasie beflügelnden Gerüchte bleibt Reinicke bei der Version, die er nach den zahlreichen Zeugenaussagen am Vortag vertreten hat: „Es ist noch nicht sicher, aber ich gehe davon aus, dass der Hauptschirm ausgeklinkt wurde“. Das könnte nur Möllemann selbst getan haben; der im Übrigen, wie die Obduktion ergeben hat, weder Medikamente noch Drogen genommen hatte und sofort tot war.

Die Kollegen von Reinicke aus Münster und Düsseldorf hatten auch gestern noch viel Arbeit. Die Münsteraner Staatsanwälte rollten aber die Fahne ein, sie beendeten die Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung. Die Erben Möllemanns müssen aber damit rechnen, dass das Finanzamt nachfragt, aus welchen Quellen die Auslandsmillionen stammten und ob sie versteuert waren. Unabhängig davon ermitteln die Düsseldorfer Ankläger weiter in Sachen Parteispenden. Auf den Konten der FDP sind siebenstellige Beträge gestückelt eingezahlt worden; angeblich hatte Möllemann das Geld im Koffer an seinen Parteigeschäftsführer Hans-Joachim Kuhl übergeben.

Razzia aus Pietät abgebrochen

Der hatte es, gemeinsam mit Helfern aus der Parteizentrale Düsseldorf, über viele Banken im Lande verteilt auf die FDP-Konten geschleust. Er sieht sich mit seinen vier Mitarbeitern dem Verdacht eines Verstoßes gegen das Parteiengesetz konfrontiert, auch Untreue und Betrug könnten im Spiel sein. „In welcher Form die fünf Beschuldigten da beteiligt waren, prüfen wir gerade“, erklärt dazu Johannes Mocken, der Sprecher der Düsseldorfer Ankläger. Die vielen beschlagnahmten Akten sollen ihnen dabei helfen. Auch Carola Möllemann wird sich in disesem Zusammenhang auf neuen Besuch in Münster einstellen müssen, die Aktion dort war nur aus Gründen der Pietät abgebrochen worden.

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