Zeitung Heute : Der Fall Landowsky: Keine sichere Bank mehr

Ulrich Zawatka-Gerlach

Klaus Landowsky ist verreist. Eigentlich wollte er schon am Donnerstag fahren und länger bleiben. Ein seit Wochen geplanter Urlaub mit seiner Frau auf der Insel Mallorca. "Er ist nicht erreichbar", sagt die freundliche Vorzimmerdame bei der Berlin-Hannoverschen Hypothekenbank, deren Vorstandssprecher Landowsky ist. Die Berlin Hyp ist sein Baby. In die damals noch kleine, betuliche Berliner Pfandbriefbank ist er 1973 als junger Vorstandsassistent eingestiegen. Den Aufstieg zur echten Hypothekenbank hat er schon vom Vorstandssessel aus dirigiert. Dann 1996: die Fusion mit der Hannoverschen Hyp. Landowsky war stolz wie Bolle. "Das ist mein Beruf, damit verdiene ich mein Geld, ich bin nicht abhängig von der Politik", erklärt er geduldig jedem, der es noch nicht weiß.

Und jetzt das. Aubis-Skandal! Schieflage der Bankgesellschaft! Spendenaffäre! Die CDU-Spitze wusste Bescheid, dass Journalisten in der Suppe rühren, rechnete aber erst am Wochenende mit einer Veröffentlichung jenes Vorgangs, der am späten Donnerstagnachmittag notgedrungen in dürren fünf Zeilen so dargestellt wurde: "In Zusammenhang mit der Abgeordnetenhauswahl 1995 hat der Vorsitzende der Berliner CDU-Fraktion, Klaus Landowsky, zum Zwecke des Wahlkampfs und der politischen Arbeit zwei Spenden à 20 000 Mark entgegengenommen und gegen Quittung sofort weitergeleitet. Die Zuwender, Christian Neuling und Klaus Wienhold, haben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung erteilt." Eine irreführende Darstellung, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Neuling war CDU-Bundestagsabgeordneter, Wienhold war CDU-Landesgeschäftsführer, und beide sind Chefs der Firma Aubis, die Mitte der neunziger Jahre von Landowsky Hypothekenbank Kredite von mehr als 600 Millionen Mark erhielt. Für den Bau von 16 000 Plattenbauwohnungen in Ostdeutschland. Kein Pappenstiel. Auf Betreiben des christdemokratischen Finanzsenators Peter Kurth wird der Aufsichtsrat der Bankgesellschaft Berlin am kommenden Freitag einen externen Wirtschaftsprüfer beauftragen, die Kreditvergabe näher in Augenschein zu nehmen. Warum der Bankdirektor Landowsky am 4. Oktober 1995 - ausgerechnet von Neuling und Wienhold - 40 000 Mark Wahlkampfspende in Empfang genommen und nur 25 000 Mark an den CDU-Landesschatzmeister und Bundestagsabgeordneten Dankward Buwitt weitergeleitet hat, wird der Wirtschaftsprüfer nicht erklären können.

Auch die kleine Runde, die den CDU-Fraktionschef Donnerstagnacht im Amtszimmer des Regierenden Bürgermeisters Diepgen einvernahm, ging ziemlich ratlos auseinander. Kurth war dabei, auch Innensenator Eckart Werthebach und CDU-Generalsekretär Ingo Schmitt. "Not amused", nicht sehr erheitert, soll Diepgen gewesen sein, aber das Gerücht blieb gestern unbestätigt, dass er seinem alten Duzfreund Landowsky den Rücktritt als CDU-Fraktionschef nahegelegt haben soll. Beide kennen sich seit 1962, vom Jurastudium an der Freien Universität. Zuhause hat Diepgens Mutter für beide oft Suppe gekocht. Landowsky warb Diepgen für die Christdemokraten und krempelte mit ihm gemeinsam die verknöcherte Nachkriegs-CDU zu einer liberalkonservativen Großstadtpartei um.

Der Volljurist Diepgen machte die Politik zum Beruf. Der Volljurist Landowsky schlüpfte in der Pfandbriefbank unter. Im Gegenzug wurde der damalige SPD-Vizechef Klaus Riebschläger auf einen Vorstandsposten bei der Wohnungsbau-Kreditanstalt gehoben. Anfang der siebziger Jahre war das ein üblicher Deal. Berlin war Berlin, und die Parteibuchwirtschaft blühte. Landowsky lernte das Bankgeschäft von der Pieke auf, verdiente dort gutes Geld und war im Nebenberuf Landeschef der Jungen Union, dann Abgeordneter, CDU-Generalsekretär und Kreisvorsitzender im gutbürgerlichen Bezirk Zehlendorf. Aber erst 1990 schlug seine große Stunde. Landowsky schmiedete gemeinsam mit Diepgen die große Koalition mit der SPD und hielt eisern daran fest, denn er weiß, was politische Macht bedeutet.

Nebenbei verteilt der CDU-Fraktionschef und Banker seit vielen Jahren - im Beirat der Lottostiftung - Gelder für die Kultur, den Sport und die Jugend und passt im Rundfunkrat des Senders Freies Berlin gut auf, dass die öffentlich-rechtlichen Medien nicht aus dem Ruder laufen. Ja, Landowsky weiß, was Macht bedeutet, und hat bisher meistens die gute Laune behalten, wenn es mal wieder darum ging, die Koalition zu retten, die bei der CDU- und SPD-Basis in Berlin ein ungeliebtes Kind war und ist. "Ich laufe doch nicht mit dem Beißholz zwischen den Zähnen herum!" Und dann strahlt er und hebt den Arm zu einer jovialen Geste und plaudert drauflos. Ein Mann, dessen Charme man sich kaum entziehen kann. Ein brillanter Redner und ausgebuffter Stratege, der das "Teile und herrsche" aus dem Effeff beherrscht. "Ich habe nichts zu verbergen, das wissen Sie doch", ist sein Standardspruch.

Aber jetzt hatte er doch etwas zu verbergen und läuft mit dem Beißholz zwischen den Zähnen herum. "Wie können Sie nur diesen Quatsch in die Zeitung bringen", schnauzte er schon vor gut einer Woche auf den Fluren des Landesparlaments herum. Die Nerven lagen blank, und in der letzten Fraktionsvorstandssitzung, als von Wahlkampfspenden noch keine Rede war, sagte er sibyllinisch: "Ich würde die Fraktion nie einem Problem aussetzen, wenn ich selbst glaubte, eines zu sein." Jetzt ist er ein Problem für seine Fraktion und seine Partei, auch wenn es gestern Solidaritätsadressen hagelte. So viel telefoniert wurde schon lange nicht mehr. Viele Ferngespräche waren dabei, denn es sind Winterferien in Berlin. Am Ende kam dabei heraus, was die Vize-Fraktionschefin Monika Grütters so formulierte: "Wir stehen uneingeschränkt zu Landowsky, das müssen Sie mir glauben. Sie werden in der CDU niemanden finden, der seine persönliche und politische Integrität in Zweifel zieht." Und Fraktionschef bleibe er auch, fügt sie trotzig hinzu.

Man wird sehen. Die Situation sei "noch jung", heißt es in der CDU. Die Opposition fordert natürlich den Rücktritt Landowskys. SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit ist im Skiurlaub, SPD-Landeschef Peter Strieder hält sich vornehm zurück. Er will keine Koalitionskrise. Jetzt nicht. Dass der Koloss Landowsky wankt, sehen die meisten Sozialdemokraten aber mit zwei lachenden Augen, und ein SPD-Mann erinnert süffisant an die 5,9-Millionenspende an die Bundes-CDU 1998; vom Hamburger Ehepaar Ehlerding, dessen Firma wenige Wochen zuvor den Zuschlag für den Kauf von 112 000 Eisenbahnerwohnungen erhalten hatte. "Am Montag machen wir erst einmal unser übliches Zwickerbussi", kündigte CDU-Fraktionssprecher Markus Kauffmann, der ein waschechter Wiener ist, gestern an. Mit Landowsky, Diepgen und Funktionären aus der zweiten Reihe. Zur Neueinschätzung der Lage.

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