Zeitung Heute : Der falsche Freund

Der Tagesspiegel

Von Rosemarie Stein

Alle reden von Ecstasy – wir nicht. Auch von Haschisch und Marihuana und Kokain soll hier höchstens am Rande die Rede sein. Solche Modedrogen sind ja nicht nur bei der Jugend „in“, sondern, als Thema, auch in den Medien. Dabei vergessen wir die Oldtimer und Dauer-Hits, denen unendlich viel mehr Jugendliche und Erwachsene zum Opfer fallen als den illegalen Modedrogen und den Opiaten.

Die Einstiegsdrogen sind ganz legal und bei den Großen abgeguckt: Zigaretten und Alkohol. Danach greifen viele ganz leicht zu etwas Neuem („Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“). Manche enden schließlich als Junkies und sterben den frühen Drogentod. „Alkohol, Nikotin, Kokain . . . und kein Ende?“ Das war der programmatische Titel, den die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie für ihre 14. Wissenschaftliche Tagung letzte Woche in Berlin gewählt hatte.

Alarmierende Zahlen wurden da genannt: 300 000 Erwachsene und 200 000 Jugendliche sollen in Deutschland abhängig von illegalen Drogen sein, die Opiate noch nicht mitgezählt. Aber drei Millionen gelten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als alkoholabhängig. Und nach dem letzten Bundes-Survey von 2000, einer repräsentativen Befragung von 8000 Einwohnern, hat jeder dritte 18- bis 24-Jährige Drogenerfahrung (Ältere steigen kaum noch ein).

Wahrscheinlich sind es noch mehr. Denn Angaben über sozial Unerwünschtes oder gar Strafbares muss man immer nach oben korrigieren, weil die Fragebogen falsch oder gleich gar nicht ausgefüllt werden, sagte Ludwig Krause vom Münchner Institut für Therapieforschung, Soziale Epidemiologie und Risikoforschung. Auch sonst müsse man Zahlen auf diesem Gebiet mit Vorsicht behandeln, weil sie alle auf Hochrechnungen aus Stichproben, auf Hypothesen und Schätzungen beruhen. Als sicher aber gilt: Seit zwei Jahrzehnten steigt der Gebrauch von Cannabis und von Opiaten steil an, seit Mitte der achtziger Jahre auch die Drogensterblichkeit. Aber die Zahl der von illegalen Drogen Abhängigen und der Todesopfer sei verschwindend gering, verglichen mit dem, was die legalen Massendrogen Alkohol und vor allem Tabak anrichten, sagt Krause.

Der Alkoholkonsum geht bei Jugendlichen zwar derzeit leicht zurück, dafür aber wird das exzessive Rauschtrinken, das Saufen bis zum Umfallen, gerade zur Mode. Und sie fangen immer früher an, jetzt schon mit elf, zwölf Jahren.

Neue Befunde aus einer Befragung von 4000 repräsentativ ausgewählten Schülern der 6. bis 9. Klasse aller Schularten in Nordrhein-Westfalen nannte Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule NRW in Köln: 5,6 Prozent der Sechstklässler und 37,7 Prozent der Neuntklässler rauchen regelmäßig, und von diesen 15-Jährigen trinken 12,6 Prozent häufig und 4,2 Prozent regelmäßig Alkohol. Cannabis konsumieren schon in den sechsten Klassen 2,2 Prozent oft und 1,5 Prozent regelmäßig. Die legalen Drogen ziehen die illegalen nach sich: 1,6 Prozent der Kinder, die ans Rauchen und Trinken gewöhnt sind, nehmen auch ständig Cannabis, 3,4 Prozent Ecstasy und gleichfalls 3,4 Prozent andere illegale Drogen. Wer dagegen kaum oder gar nicht zum Glas oder zur Zigarette greift, nimmt auch so gut wie nie andere Drogen.

Die späte Kindheit, etwa die Zeit vom 12. bis zum 14. Lebensjahr, ist die sensible Phase für den Einstieg in den Konsum psychoaktiver Substanzen. Und schon in dieser frühen Lebenszeit entstehen gefährliche Gewohnheiten. Ihre frühesten Erfahrungen sammeln die Kinder mit Alkohol, die erste regelmäßig konsumierte Droge ist aber das Nikotin. Wer jedoch von der Kindheit an ständig raucht, der trinkt später auch zu viel – und umgekehrt.

Bei den früh (vor der 8. Klasse) Anfangenden häufen sich bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Es sind kleine Draufgänger, die keine Regel respektieren und gern etwas Außergewöhnliches erproben – je verrückter, um so lieber. Sie sind unvorsichtig, haben öfter Unfälle, sind mit ihren Schulleistungen zwar nicht zufrieden, es ist ihnen aber auch egal, ob sie Lob erhalten oder nicht.

Kinder, die psychosozial belastet sind, etwa durch Streit in der Familie, greifen um ein Mehrfaches häufiger zur Zigarette oder zur Flasche, die oft eine Bierdose ist. Und wenn Vater oder Mutter Alkoholprobleme haben, sind auch die Kinder stärker gefährdet, vor allem fangen sie an zu rauchen. Schon 21 Prozent der Elfjährigen aus solchen Familien rauchen regelmäßig, und etwas später trinken sie auch. „Wir haben uns bisher viel zu wenig mit der Interaktion von Tabak und Alkohol befasst“, sagte der Moderator Ulrich John vom Institut für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Greifswald zu Kleins Befunden.

Verschiedene auf der Tagung referierte Studien belegten, dass Alkohol- und Tabakprobleme sehr oft mit anderen psychischen Störungen verbunden sind, bei Kindern zum Beispiel mit Panikattacken und Phobien wie Platzangst. 60 Prozent aller Erwachsenen mit auffälligem Alkoholkonsum haben mindestens eine zweite Störung – wichtig für Beratung und Therapie!

Die Vorträge der Suchtforscher werden ergänzt durch eine Übersichtsarbeit, die kürzlich im „Deutschen Ärzteblatt“ erschien (Heft 12 vom 22. März 2002: „Alkoholabhängigkeit bei jungen Menschen“). Hier schildert der Marburger Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt, wie es weiter geht: Knapp sieben Prozent der 18- bis 21-Jährigen sind alkoholabhängig. Und was es für Folgen hat: Verkehrsunfälle, Gewalt- und Sexualdelikte, Suizide. Und schließlich wie man vorbeugt: Vor allem, schreibt Remschmidt, sollte man anstreben, „schon bei Kindern frühzeitig Lebensweise, Einstellungen und Werthaltungen zu prägen, dass Alkoholkonsum als Mittel zur Problemlösung ausscheidet“.

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