Zeitung Heute : Der "FAZ"-Herausgeber sieht das Ende des politischen Feuilletons

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Frank Schirrmacher, 40, ist einer von fünf Herausgebern der "FAZ", zuständig für Feuilleton und Wissenschaft. 1984 stieg er als Hospitant bei der "FAZ" ein. Danach verlief die Karriere Schlag auf Schlag: 1985 wurde er Redakteur, 1989 übernahm er von Marcel Reich-Ranicki die Leitung der Redaktion "Literatur und literarisches Leben", 1994 folgte er auf Joachim Fest, wurde Herausgeber.

Was fällt Ihnen für ein Bild ein, wenn Sie an die Zukunft der Zeitung denken?

Ein Bild fällt mir da nicht ein. Ich hätte eher eine Überschrift: Die gescheiterte Hoffnung. Nein, das ist natürlich nicht ernst gemeint.

Und ernst gemeint?

Ich glaube nicht an die ganzen Untergangsvisionen, die im Augenblick in der Zeitungsbranche im Umlauf sind. Die werden zum großen Teil produziert von Leuten, die selbst in dem Milieu sind und gerade von diesem Krisengerede sehr gut leben. Da gibt es ja ein paar, wie früher Neil Postman ...

der mit seinem Bestseller "Wir amüsieren uns zu Tode" den Untergang des Abendlandes prophezeite - und als Schuldigen die Unterhaltungsindustrie ausmachte ...

heute ist das eine ganze Industrie von Kulturpessimisten. Das ist alles Geschäft: die Angst vor dem Jahr-2000-Wechsel, vor dem großen Börsenkrach, vor dem Untergang der Zeitung. Man müsste sich diesen Hang zum Nirvana mal genauer anschauen. Ich kann damit jedenfalls gar nichts anfangen.

Stichwort Internet: Selbst vorsichtige Gemüter prophezeien, dass die Zeitung der Zukunft auf verschiedenen Wegen zum Leser kommt. Auf dem klassischen Weg, über das gedruckte Papier, und online via Internet.

Diese Diskussion ist doch nur eine Kompensation für die Veränderungsangst überhaupt. Es müsste doch vielmehr um die Frage gehen, wie wir als Zeitung mit der Wucht umgehen, mit der die Wissenschaft gerade unser Leben, unseren Alltag verändert. Das muss rein in die Zeitung, rein in das Feuilleton. Die Menschheit ahnt ja gar nicht, was derzeit im Wissenschaftsbereich passiert, diese Verbindung aus Gentechnologie und Computer - die Nachrichten davon erreichen uns auch über den Umweg der Börse. Die deutsche Nobelpreisträgerin Nüßlein-Vollhart hat mit ihren Erforschungen der Fruchtfliege eine Menge zu dieser Entwicklung beigetragen. Und wer kennt sie? Kein Mensch. Dabei müsste sie von ihrer Bedeutung her bekannter als Günter Grass sein.

Wird also die Rolle der Fruchtfliege in Zukunft einen festen Platz im Feuilleton der "FAZ" haben?

Ich halte es für denkbar, dass sich das politische Feuilleton zunehmend in ein wissenschaftliches verwandeln wird. Wir versuchen das gerade ein wenig. Ich sehe für einige Zeit das Ende des klassischen politischen Feuilletons kommen. Ich gehe mal von mir aus: Ich finde zum Beispiel die Debatte über die Patentierung von Genen viel spannender als die Frage nach der Weiterentwicklung der Parteiendemokratie oder wie es jetzt grundsätzlich weitergeht nach der CDU-Krise. Und ich glaube, das geht vielen so. Wenn das mit der Gentechnologie - von der ich so wenig verstehe wie von den Geheimnissen der EU - weiter so dramatisch fortschreitet, wird eine Frage ganz zentral in die Feuilletons wandern: Wie verändert sich in der Gesellschaft der Begriff von "Krankheit"? Das ist eine der beunruhigendsten Fragen überhaupt. Meine Generation ...

Sie sind Jahrgang 1959 ...

ist doch sozialisiert mit Luchterhand und Political Correctness und der Trennung zwischen rechts und links. Wir müssen uns alle auf eine neue Welt einstellen.

Wird sich die Struktur der Zeitung deshalb verändern? Wird die klassische Ressortaufteilung - Innenpolitik, Aussenpolitik, Feuilleton, Medien, Wirtschaft - auch weiterhin Bestand haben?

Ich glaube schon. Das traditionelle Gerüst einer Zeitung wird bleiben, und das ist auch ganz wichtig. Es ist wie in der Schule, es muss feste Unterrichtsfächer geben. Innerhalb dieser Fächer kann alles möglich sein. Aber die äußere Form bleibt. Jetzt muss es doch erstmal darum gehen, wie wir innerhalb der Zeitung auf diese neue Welt reagieren. Wenn wir darin Kompetenz gewonnen haben, können wir diskutieren, wie wir damit auch im Internet umgehen.

Die "FAZ" ist bislang nicht gerade als Speerspitze in Sachen Internet bekannt.

Das ist der Beweis, wie antikapitalistisch die "FAZ" ist.

Die Konkurrenz ist seit Jahren im Netz, und bei Ihnen galt stur die Losung: Wir lesen unsere Artikel ja auch nicht im Radio vor.

Das wird sich ändern. Wir entwickeln gerade unseren Auftritt.

Wie haben wir uns denn Frank Schirrmacher, den Surfer im Internet vorzustellen?

Ich benutze das Internet seit 1994. Ich sehe mich noch verzweifelt suchen nach einem Akronym namens AOL! Wenn ich damals einen Schritt weitergegangen wäre und diese AOL-Aktien gekauft hätte, dann wäre der Gewinn so groß gewesen, dass ich den Tagesspiegel gekauft hätte.

Und wie sieht heute Ihr Internet-Alltag aus?

Es gibt diese Riten, die, wie ich hoffe, alle haben. Morgens gehe ich in die Suchmaschine Paperball und gebe ein paar Suchbegriffe ein wie "FAZ", und sehe nach, was die anderen Zeitungen über uns geschrieben haben.

Sitzen Sie dann schon im Büro?

Nein, das mache ich von Zuhause aus. Und ich schaue auch jeden Abend rein, weil von 21 Uhr an einige Zeitungen ihr Angebot vom nächsten Tag online stellen. Ich will ja wissen: Was machen die im Feuilleton, muss ich mich heute schon ärgern oder erst morgen. An den Chat-Rooms nehme ich nicht teil, ich debattiere nicht im Internet. Ich habe mich eine Zeit mit Ultima-Online beschäftigt, das ist so ein Internet-Spiel. Aber das muss man auch mal gemacht haben.

Klingt sehr professionell.

Ich bin beim Surfen auch einmal auf die spannende Homepage einer Firma in New York gestoßen, die neuronale Intelligenz fürs Internet aufbauen möchte. Diese Seite war großartig. Da stand "Ben Goertzel for President 2004", und daneben waren Essays zu lesen und Fiction und Porträts von irgendwelchen 60-jährigen Russen. Na, da wird doch jeder Journalist neugierig. Ich nahm Kontakt mit Mister Goertzel auf, und kurz darauf konnten wir schon einen Text von ihm zur Internet-Ökonomie drucken. So benutze ich das Netz: Heute hat die "FAZ" einen neuen Mitarbeiter in New York.

Was machen Sie für Leseerfahrungen im Netz?

Man denkt und liest ganz anders. Man liest die Texte wie Zahlen, als reine Information. Das fängt ja schon bei einer E-Mail an, nie würde ich Briefe durchgehen lassen, die so voller Fehler sind wie einige meiner Mails. Ich liebe E-Mails, es ist viel schöner als faxen oder telefonieren. Aber wenn ich einen Text im Internet entdecke, den ich spannend finde, dann warte ich immer auf den nächsten Tag, bis die gedruckte Zeitung vor mir liegt. Erst in der Zeitung nehme ich den Text als Text ernst. Ich glaube auch, dass alle Internet-Revolutionäre unter uns Blattmachern verkennen, dass wir die altertümliche Technik des Schreibens noch lange nicht überwunden haben. Erst dann würde ich von einer wirklichen Revolution sprechen.

Sprechen wir von einer anderen Revolutions-Variante. Die Zeitung kommt morgens zum Frühstück aus dem eigenen Drucker im Wohnzimmer. Die Anhänger dieser Idee schwärmen von den Vorteilen: Man spare sich die teuren Vertriebskosten, die LKWs und Austräger, die die Zeitung jeden Morgen in den Briefkasten stecken.

Alle, einschließlich des Springer-Konzerns, beschweren sich über den teuren Vertrieb und sagen, dann gehen wir eben ins Internet und sparen eine Menge Geld. Ich habe da meine Zweifel. Wenn sich jeder Leser morgens etwas anderes aus der Zeitung ausdruckt, gibt es keine einheitliche Auflage mehr, weil ja viele nur noch den Sport lesen und andere nur noch das Feuilleton. Bei der Zeitung gibt es zumindest die Fiktion, dass jeder Leser auch jede Anzeige sieht. Wenn jeder nur noch bestimmte Teile ausdruckt, ist es damit vorbei. Eine solche Entwicklung kann nicht im Sinne der Verleger sein. Diese Diskussion erinnert mich oft an die Zeit, als uns das papierlose Büro prophezeit wurde. Das ist auch nicht gekommen. Und ich will mal andersrum fragen: Wenn wir schon einen Vertrieb haben, wieso nutzen wir den nicht für andere Dinge? Das könnte unser Geheimwert sein. Die Logistik-Unternehmen, die Waren, die im Internet bestellt werden, ausliefern können, werden einen großen Boom erleben. Auch wir müssen ja nicht nur Zeitungen transportieren. Warum nicht auch Bücher? Und stellen Sie sich mal vor, jeder "FAZ"-Leser würde morgens ein Sendschreiben von Marcel Reich-Ranicki erhalten! Aber das ist meine ganz private Phantasie.

Sie scheinen sich überhaupt keine Sorgen zu machen.

Ich mache mir andere Sorgen. Neulich, im Urlaub auf Rügen, habe ich plötzlich gemerkt, wie gut ich auf Zeitungen verzichten kann. Ich bin richtig depressiv zurückkommen, ein Schock. Keine Sorge, die Depression ist vorbei, aber ich denke heftig darüber nach, wie es zu schaffen ist, dass die Zeitungslektüre absolut notwendig ist. Es reicht jedenfalls nicht, über die Aufführungen im Berliner Ensemble zu schreiben und über die Lage des Denkmalschutzes in diesem Land zu philosophieren, wie vor kurzem in einer großen Wochenzeitung geschehen.

Wie wird eine Zeitung spannend? Anders gefragt: Wann wird die "FAZ" bunt?

Das wird es hoffentlich nicht geben. Wir wären verrückt, wenn wir ein Markenzeichen wie die "FAZ" grundlegend ändern würden. Farbe und Fotos auf Seite Eins - ich kann nur für mich sagen, dass ich immer dagegen wäre. Wir haben ein Biotop, eine ökonomische Nische. Aber ich bin natürlich nur eine Stimme unter mehreren.

Sie haben das "FAZ"-Magazin zugemacht ...

Mir hat es gefallen bis zum Schluss, aber die Zeiten der Supplements sind offensichtlich vorbei. Diese Art von Magazin-Journalismus findet heute in den Zeitungen selbst statt.

und den Lokalteil "Berliner Seiten" eingeführt.

Bei einer Podiumsdiskussion in Berlin vor einigen Jahren hat mich der damalige Tagesspiegel-Chefredakteur und heutige Staatssekretär Walther Stützle angegriffen mit dem Satz: "Das kommt nur, weil Sie so weit weg sind von Berlin!" Das gab mir zu denken.

Wie sind Sie mit den "Berliner Seiten" zufrieden, inhaltlich und auflagentechnisch?

Wir sind sehr, sehr zufrieden. Die Berliner Auflage steigt. Wir gewinnen junge Leser. Und die ganze Zeitung lernt von diesem schönen Produkt. Es hat alle Erwartungen weit übertroffen.

Vom 1. Januar 2001 wird ein Teil Ihrer Auflage in München gedruckt. Wird es dann auch "Münchner Seiten" geben?

Das weiß ich nicht.

Es gab in der "FAZ" in letzter Zeit Unruhe, weil der renommierte Innenpolitik-Chef Eckhard Fuhr abgelöst wird.

Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich. Ich sage nur soviel: Ich halte ihn für einen der brillantesten politischen Köpfe des Landes und freue mich, dass er in der Hauptstadt für uns schreibt.

Lassen Sie uns am Schluss noch ein paar Worte über Helmut Kohl verlieren. Sie galten lange als glühender Anhänger des Ex-Kanzlers.

Mich hat fasziniert, wie einer gegen die veröffentlichte Meinung seinen Weg macht. Manche meinten ja, mein Interesse für Kohl sei naiv gewesen, dabei habe ich nichts anderes tun wollen, als ihn zu studieren. Ich wollte ihn verstehen. Und wenn man so will, bin ich gescheitert. Ich wollte immer mal ein Buch über ihn schreiben, ich habe es nicht getan. Weil es eben nicht geht, ich habe es nicht geschafft. Ich habe hinter der Person Kohl nichts gefunden, was ich beschreiben könnte - was nichts daran ändert, dass ich die politische Bedeutung dieses Mannes außer Frage stelle.

Sind Sie wegen der Ereignisse der letzten Monate erschüttert?

Nein, erschüttert bin ich nicht.

Wem wenden Sie sich jetzt publizistisch zu?

Ben Goertzel zum Beispiel...

der Internet-Denker, von dem Sie vorher erzählten ...

und seinen Ideen und Gedanken. So obsessiv, wie ich mich früher mit Politik und Literatur beschäftigt habe, interessiere ich mich heute für diese neue Welt. Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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