Zeitung Heute : Der Feind im eigenen Land

Kaum Angst vor Terroristen – aber vor einheimischem Protest: 15 000 Mann schützen Olympia in Turin

Paul Kreiner[Turin]

„Eine Bombe ist in der Bank!“ „Wie soll denn eine Bombe in die Bank kommen mit dem Wachmann davor und der Metallschleuse am Eingang?“ „Wenn ich’s dir sage! Frag rum, alle sagen es. Und warum wäre sonst all die Polizei hier aufmarschiert?“

Ein eiskalter Morgen vor dem nagelneuen olympischen Dorf in Turin. Die Leute aus dem Viertel gehen einkaufen, sie treffen sich am Zeitungskiosk. Da rast ein Polizeiauto heran. Ein Beamter springt heraus, aufgeregt schwingt er die rote Kelle, der Durchgangsverkehr stockt. Noch ein Polizeiauto. Immer mehr Uniformierte drängen sich am Eingang zur Filiale der „Bank von Sizilien“. Sie laufen rein und raus und reden aufgeregt. Was ist passiert? Der Wachmann in seiner schusssicheren Weste weiß von überhaupt nichts. Das rot-weiße Absperrband der Polizei flattert im Wind davon; erst die Feuerwehr, mit fachmännischer Knotentechnik, kriegt es in den Griff.

Notarzt und Krankenwagen rücken an, dazu die grimmigen Spezialisten der Polizei mit vier aufgeregten Sprengstoffhunden. Eine Viertelstunde Hochspannung, dann die Entwarnung. Fehlalarm. Noch schnüffeln sich die Hunde durch diverse Telefonzellen. Dann lösen sich Stau und Menschenansammlung auf. Einer sagt: „Das geht ja gut los. Das wird uns bei den Olympischen Spielen jetzt jeden Tag passieren.“

Dabei haben sie doch alles getan in den vergangenen Wochen, um hier am olympischen Dorf größtmögliche Sicherheit zu garantieren. Ein zweifacher Zaun sichert die Wohnstatt von 2500 Athleten ab. Die Mülleimer sind verschwunden, sämtliche Briefkästen entfernt. Vor wenigen Tagen noch haben Techniker unter Polizeiaufsicht die letzten Kanaldeckel und Kabelschächte zugeschweißt.

„Es gibt“, sagt Italiens Innenminister Giuseppe Pisanu, „keine konkreten Drohungen gegen Land und Spiele.“ Aber, so fügt er hinzu: „Keine Stadt, kein Staat kann sich heute vor Anschlägen des internationalen Terrorismus sicher fühlen. Bei uns könnte das Zusammentreffen von Olympischen Spielen und Wahlkampf die Anziehungskraft für Terrorgruppen erhöhen.“ Denn einen Tag nach Beginn der Spiele fängt in Italien der Wahlkampf an für die Parlamentswahlen im April. Auch wenn man insgesamt eher „Störungen mit niedrigem Gewaltanteil“ erwarte, sagt der Innenminister noch, so bleibe man doch wachsam: „Wir können jeder Art von Bedrohung zuvorkommen oder sie bekämpfen.“

Die Turiner selbst haben sich offenbar arrangiert. Wen immer man fragt, der rühmt die Bedeutung der Spiele für die Stadt, die als graue, im Niedergang befindliche Auto- und Industriemetropole verschrien ist. Noch spürt man in den Straßen wenig vom kommenden Großereignis, aber laut einer Umfrage begrüßen 84 Prozent der Turiner die Winterspiele. Im Viertel rund ums olympische Dorf, das gestern mit einer feierlichen Zeremonie eröffnet wurde, sprechen sie von einer „wunderbaren, außerordentlichen Sache“: Wir sind keine Provinzstadt mehr, heißt es da, den Baulärm, ein Jahr lang jede Nacht, den habe man gerne ertragen. Angst vor Anschlägen? Schulterzucken bei den meisten. „Ich bemühe mich, positiv zu denken. Ansonsten könnte ich ja gar nicht mehr aus dem Haus.“

15 000 Mann, so gibt der Innenminister bekannt, sorgen für die Sicherheit der 17 heißen Tage zwischen 10. und 26. Februar: Polizisten, Carabinieri, Finanzpolizei und Forstpolizei … Das bedeutet: sechs Sicherheitskräfte pro Sportler. Die Kosten? Die kennt Pisanu genau: „Derzeit sind es 89 565 868 Euro.“ Zu den Einrichtungen, die vorrangig geschützt werden sollen, zählen neben den einzelnen Sportstätten besonders das Mediendorf des amerikanischen Fernsehsenders NBC.

Zur Sicherheit soll auch das Heer beitragen – obwohl keiner der Verantwortlichen gerne darüber spricht. Präfekt Goffredo Sottile, der oberste Sicherheitskoordinator in der Olympiaregion, sagt immerhin, mit Soldaten habe man „bei der Bekämpfung der Mafia in Sizilien gute, beste Resultate erzielt“. Ein „nicht umfangreiches, aber ansehnliches Kontingent“ werde in Turin zur Verfügung stehen.

Hilfe scheint von allen Seiten zu kommen. Vor einigen Tagen zum Beispiel knatterte ein Hubschrauber über den Himmel von Turin, darin: Robert S. Mueller, der amerikanische FBI-Chef auf dem Weg zum italienischen Polizeichef. Es heißt, dass sogar das US-Zentrum zur Bekämpfung des Terrorismus in Washington einen Beobachtungs-Stab eingerichtet hat. Minister Pisanu betont allerdings, dass Italien die Region aus der Luft „mit eigenen Kräften“ sichere, „das schaffen wir perfekt“. Zu diesem Zweck haben italienische und schweizerische Militärs gestern auch ein Abkommen geschlossen, das es erlaubt, im Luftraum des jeweils anderen Landes zu operieren. Präfekt Sottile hingegen schließt nicht einmal Nato-Unterstützung aus: „Wir gehören zur Nato und werden jede Form der Zusammenarbeit annehmen.“

Über die Art der Aufgabe gehen die Einschätzungen an diesem Tag allerdings leicht auseinander. Der Minister rühmt, wie unfallfrei Italien vor zehn Monaten den Millionenansturm zum Begräbnis von Papst Johannes Paul II. bewältigt habe. Da seien „182 höchste Persönlichkeiten aus aller Welt“ erfolgreich geschützt worden. Präfekt Sottile allerdings meint: „Na ja, Rom für einen Tag abzuriegeln, das ist eine Sache. Etwas anderes ist es, sich zwei Wochen lang in einem großen Gebiet, in einer Stadt und etlichen Alpentälern zu bewegen.“

Die Unruhestifter, das wissen alle Sicherheitskräfte, können in den kommenden Wochen aus vielen Ecken kommen. Allein aus „islamistischen Zellen“ sind in Italien in den vergangenen vier Jahren 203 Personen verhaftet worden, sagt Innenminister Pisanu. Beträchtliches Unruhepotenzial indes habe Italien auch im eigenen Lande. Da sind zum Beispiel die Gewerkschaften. Zwar hat ihnen der Minister das Zugeständnis abgerungen, während der olympischen Wochen auf Streiks zu verzichten, aber das gilt nur auf nationaler Ebene, „und nicht alle haben unterschrieben“, seufzt Präfekt Sottile. Dann sind da die Demonstranten gegen die geplante Schnellbahntrasse Turin–Lyon. Sie haben schon gedroht, dass sie die Spiele stören wollen. Und schließlich jene, die man in Italien summarisch zu Globalisierungsgegnern und Anarchisten zählt und von denen einige durchaus zu Gewalt neigen. Allein 38 Angriffe auf die olympische Flamme hat Italien in den vergangenen acht Wochen registriert. Auf seinem 11 000 Kilometer langen Weg durchs Land wollten Demonstranten das Feuer auslöschen oder die Fackel gar stehlen – wobei sich der Protest weniger gegen Olympia richtete als gegen den Hauptsponsor Coca-Cola. „Wer Bauern in Kolumbien und Indien unterdrückt, den wollen wir nicht bei uns haben“, schrieb ein kommunistischer Bürgermeister an den Konzern und untersagte dem großen Werbetruck im Schlepptau der Fackel die Durchfahrt durch seine Gemeinde.

Unwürdig sei das, schimpft da der Minister, ein „Zeichen des schlechten Geschmacks, gegen die Fackel als Symbol des olympischen Friedens und der Verständigung zu demonstrieren“.

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