Zeitung Heute : Der feine Unterschied zwischen Safran und Orange

7500 Nylonvorhänge fallen aus ihrer Hülle, mit einem sanften „plopp“. Und plötzlich durchweht eine unwinterliche Heiterkeit New York. Christos „Gates“-Kunstwerk verzaubert die Stadt

Peter Becker[New York]

Die große Stadt, sonst mit den Attributen multikulturell und multicoloured bedacht, scheint nur noch in einer Farbe zu leuchten. „Aber sagen Sie nie: Orange! Unsere Farbe ist Safran!“ So hatte Jeanne-Claude, Muse und Gattin des bulgarisch-amerikanischen Weltkünstlers Christo, auf einer Pressekonferenz am Vortag der „Gates“-Enthüllung noch die Journalisten angeherrscht. Seit die safranfarbigen Nylonvorhänge nun zwischen 7500 safrangestrichenen Metalltoren im Central Park wehen, wirkt New Yorks Mitte, als sei sie von einem fernöstlichen Zauber durchdrungen. Bis zum 27. Februar um Mitternacht soll er noch währen, auf 37 Kilometern Spazierweg, dann endet Christos und Jeanne-Claudes „Kunstwerk auf Zeit“.

Vereinzelte Kritiker wollen schon einen leichtfertigen Umgang mit der Farbe der Gefangenen in Guantanamo assoziieren. Aber die ist ein Orange, nicht das gelbere Safran. Christo-Colour ist die Farbe buddhistischer Mönche. Und unter den windbewegten Tüchern in ihren fünf Meter hohen Aluminiumtoren flanierten schon am Eröffnungswochenende Hunderttausende: wie in einem riesigen Zen-Klostergarten. Bei strahlender Sonne – der Schnee war in den vergangenen Tagen weggeschmolzen – pulsiert das Herz der Metropole plötzlich im Rhythmus einer fröhlich-entspannten Meditation.

Meditation, das Wort passt eigentlich nicht zu New York. Doch schon bei der Premiere dieses monumentalen Stadt-Theaters entfalten „The Gates“ eine sonderbare Magie. Es ist Samstagmorgen, als früh bereits ein halbes Dutzend Polizeihubschrauber im noch wolkenverhangenen Himmel über dem Central Park brummen. Die Helikopter bleiben alsbald über einem Areal auf der südwestlichen Seite des Parks in der Luft stehen, wo unten dann eine Kolonne schwerer Limousinen vor der „Tavern on the Green“, einem schicken Restaurant mit begrüntem King Kong im Garten, vorfährt. Zwischen dem Lokal und einem etwa dreihundert Meter entfernten Parkcafé an der New Yorker „Schafswiese“ drängt sich nun eine Herde Frühaufsteher mit Mikrofonen und Kameras: Reporter und normale Schaulustige, viele Jogger und Hundehalter, alle Sprachen zwischen Amerikanisch, Japanisch und Schwäbisch. Und auf einem durch Gitter und Bodyguards abgeschirmten Stück „Gate“-Weg leuchten plötzlich Jeanne-Claudes rote („Sagen Sie bloß nie: safranfarbige!“) Haare hervor; daneben der graue Zauselschopf Christos, und New Yorks smarter, milliardenschwerer Bürgermeister Michael Bloomberg hat eine Stange mit Eisenhaken in der Hand. Mit diesen Stangen angeln bald überall im Park 600 Gates-Helfer nach jenen Schlaufen, die den Klettverschluss der an jedem Tor aufgerollten, versiegelten Stoffbahnen öffnen.

Genau um 8 Uhr 31 fällt von Bloombergs Hand unterm Beifall der Fans der erste der 7500 Vorhänge, und auf einmal sind die Hubschrauber und der ganze Hintergrundrumor des Mammutprojekts vergessen. Christo, der nach eigener Auskunft noch bis Mitternacht die letzten seiner etwa 12 000 Gates-Skizzen gezeichnet hat, um aus dem Erlös die 20 Millionen Dollar Kosten des ohne fremde Unterstützung finanzierten Projektes zu erwirtschaften, Christo also strahlt und stammelt nur noch: „We are happy.“

Während das Künstlerpaar Hand in Hand und mit Victory-Gesten irgendwo im Gedränge verschwindet und sich das Safran-Spektakel in Windeseile ausbreitet, bricht die Sonne durch. Die Gates beginnen in den kalten Morgen zu strahlen, und Bürgermeister Bloomberg erwärmt die Menge mit fein dosierter Leutseligkeit. Der Medienmogul und kunstsinnig liberale Republikaner, der gerne auf leise Distanz geht zum Parteifreund im Weißen Haus, ist in Cordhosen und gefütterter Lederjacke gekommen. Wie ein Teenager klatscht er Freunde und Bekannte mit der flachen Hand ab und nimmt brezelmampfende Kleinkinder fürs Fotos in den Arm. Michael Bloomberg gilt als Freund von Christo und Jeanne-Claude, und er hat die „Gates“ vor zwei Jahren gegen manche Widerstände politisch durchgesetzt.

Bloomberg war 2002 auf den hemdsärmligen Bürgermeister Giuliani gefolgt, der durch sein persönliches Engagement nach dem 11. September am Ende unverhofft populär geworden war. Zwar hat auch Bloomberg im Rahmen von Haushaltskürzungen Gelder für New Yorker Kultureinrichtungen gestrichen. Aber er hat sich immer als Anwalt der Künste darzustellen gewusst. Außerdem hat Bloomberg erkannt, was die „Gates“ auch strategisch bedeuten. Bei der Pressekonferenz am Vortag der Eröffnung erklärt er im Metropolitan Museum: „Sie sollen sehen, New York ist sicher und sauber, New York macht Spaß und bringt Menschen aus aller Welt zusammen.“ Diese Botschaft zielt gleichermaßen auf die Nachwirkungen des 11. September und, wie Bloomberg betont, auf die Selbstdarstellung der Stadt kurz vor der Entscheidung über die Olympischen Spiele 2012. „The Gates“ als Tore für die Games: „We expect the Olympic Games to come!“

Und deswegen gibt es auch „keinen Vandalismus in New York“. Der Bürgermeister hält es für völlig unwahrscheinlich, dass die rund einen Meter über den Köpfen der Parkgänger hängenden Vorhänge heruntergerissen oder die Gates demoliert werden. „Und wenn es doch passiert, können wir jedes Tor in weniger als einer Stunde ersetzen“, meint Christos technischer Direktor Vince Davenport. Zudem sollen beim Abbau der Gates eine Million Stoffstücke frei verteilt werden – bevor Nylon, Alu und Eisensockel umweltfreundlich recycelt werden. Jeanne-Claude: „Ob wir die besten Künstler der Welt sind, müssen andere sagen. Aber die saubersten sind wir sicher!“

Es ist seit 1979 ihr 19. Projekt, aber das erste in ihrer Heimatstadt New York. Und zehn Jahre nach dem verpackten Reichstag, nach Landschafts-Schirmen in Japan oder dem verhüllten Pont-Neuf in Paris sind Christo und Jeanne-Claude auch erstmals Enthüllungskünstler. Dass die Wirkung der 7500 Tücher, die bis dato ja nur als Zeichungen existierten, als Vision, erst mit dem Moment des Vorhang-Falls real werden würde, hatte die Spannung bis zum Samstagmorgen immer weiter geschürt. 7500-mal fiel der Vorhang dann aus einer festen Hülle wie eine merkwürdig sanfte Guillotine: mit einem trockenen „plopp“ – und eine unwinterliche Heiterkeit durchweht Manhattan. Hunde haben plötzlich Gates-farbige Schleifchen um den Hals, Menschen tragen Safranschals, Besucherzentren im Park locken mit Gates-Souvenirs von der Postkarte bis zum Jogginganzug oder einem 400 Dollar teuren signierten Poster, und überall erklären Helfer auch dem Ungläubigsten, dass alle Merchandise-Erlöse karitativ gestiftet werden.

Mit 80 Millionen Dollar zusätzlichen Einnahmen rechnet Mayor Bloomberg für seine Stadt. Die vor allem von deutschen und japanischen Christo-Fans gebuchten Hotels bieten zum Teil safranfarbige Bettwäsche und einige Restaurants Menüs in Safransaucen. Aus Berlin sind am Wochenende die „Freunde der Nationalgalerie“ eingeflogen, in der Residenz des deutschen UN-Botschafters gab’s einen „Gates“-Empfang, und das Goethe-Institut am Central Park, sonst nicht für amerikanische oder bulgarische Künstler zuständig, zeigt eine „Gates“-Ausstellung. Safran macht den Kuchen gel, und jeder will ein Stück davon.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben