Zeitung Heute : Der Feminist

Der Tagesspiegel

Von Simone von Stosch

Sollten wir Frauen nicht dankbar sein? Der Unionsfraktionsvorsitzende Friedrich Merz erhebt seine Stimme mit Macht und ergreift Partei für das schwache und in dieser Frage bisher eher stumme Geschlecht: Friedrich Merz fordert, die allgemeine Dienstpflicht auch für Frauen.

Diese Diskussion ist nicht neu – im Gegenteil. Es gab und gibt Frauen, denen der Dienst an der Waffe ein Symbol für die Gleichberechtigung ist. Vor zwei Jahren feierten sie einen wichtigen Sieg: auch Frauen dürfen in Deutschland jetzt zum Militär. Nur: Sie müssen es bislang eben nicht.

Wie ungerecht! ruft da so mancher Mann empört – einer davon, ein Wehrdienstleistender, klagte vor dem Bundesverfassungsgericht. Und ebenfalls gestern verkündete Karlsruhe in dieser Frage seinen Beschluss: Wehrpflicht für Männer, freiwilliger Dienst an der Waffe für die Frauen – diese Praxis verstoße nicht gegen das Grundgesetz.

Ungerecht bleibt es dennoch. Oft dient die Biologie als Begründung: Frauen kriegen Kinder, leisten also auch ihren „Dienst“ am Staat, sind dadurch in der Karriere behindert und haben am Ende weniger Rente. Das Argument ist vielleicht gut gemeint, wird der Sache aber nicht gerecht. Es gibt Frauen, die keine Kinder kriegen. Es gibt Männer – nicht sehr viele – die für die Kindererziehung pausieren und solche, die Kinder allein erziehen.

Dies Aufrechnen führt nicht weiter. Denn Gleichberechtigung bedeutet eben nicht, identische Wege zu verordnen, sondern gleiche Chancen zu schaffen und Entscheidungsspielräume zu öffnen. Die Konsequenz daraus wäre nicht die Ausweitung der Wehrpflicht, sondern deren Abschaffung.

Zumal die Bundeswehr ja schon jetzt ein Problem hat: Längst nicht jeder Wehrpflichtige wird gebraucht. Derzeit entscheidet das Gesetz des Zufalls, wer trotz Tauglichkeit nicht einberufen wird. Ziemlich ungerecht eigentlich, oder?

Darüber wird derzeit viel diskutiert und dies weiß Herr Merz natürlich auch. Dessen forscher Vorschlag zielt ja auch gar nicht in erster Linie auf die Wehrpflicht. Merz spricht von der „allgemeinen Dienstpflicht“. Jeder junge Mensch, ob Mann oder Frau, solle zum Sozialverhalten erzogen werden durch einen Dienst in der Armee oder in einer sozialen Einrichtung.

Das hätte den enormen Vorteil, dass die Kostenexplosion in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Altersheimen abgefedert werden könnte: mit vielen jungen – und sehr billigen – Arbeitskräften. Ziemlich praktisch, oder?

Gesichert wäre damit lediglich eines: Die Lohnspirale in den Sozialberufen würde sich abwärts drehen, die Arbeitslosigkeit würde steigen. Die Probleme im Gesundheits- und Sozialsystem würden nicht gelöst

Es gibt aber noch ein wichtigeres Argument gegen die „allgemeine Dienstpflicht“. Zu sozialem Engagement kann man nicht gezwungen werden - schon gar nicht, wenn anderenfalls das Gefängnis droht. Soziales Verhalten entsteht in einer Gesellschaft, die andere Werte als Ellenbogen-Gesetze entwickelt. Es entwickelt sich durch Vorbilder in der Familie, der Schule – und der Politik.

Es gibt das „freiwillige soziale Jahr“ und andere Möglichkeiten des Engagements. Gut wäre es, jungen Menschen noch mehr Anreize zu geben. Gut wäre, wenn ihnen dies im späteren Berufsleben nicht als „Zeitverlust“ ausgelegt würde, sondern als Qualifikation. Eine Ausweitung der Zwangsdienste hilft weder der Gesellschaft noch den jungen Menschen – und erst recht nicht der Gleichberechtigung.

Friedrich Merz sollte nun nicht enttäuscht sein. In Sachen Gleichberechtigung gibt es in seiner eigenen Partei mehr als genug zu tun.

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