Zeitung Heute : Der Fluch der Flucht

Verfolgt, geflohen, abgelehnt: Iraks Christen finden selbst in Syrien keine Bleibe mehr

Gabriela Keller[Damaskus]

Ihre Augen sind noch immer sorgfältig geschminkt, und ihre Seidenbluse war einmal teuer. Eine Frau Mitte 40, mit den Requisiten ihres alten Lebens, das sie verlassen musste. Aus Angst vor dem Tod.

Es hatte vergleichsweise harmlos angefangen. Ihr Chef, ein Muslim, Schiit, kam eines Tages ins Büro und verlangte, dass die Frauen dort künftig Schleier trügen.

Jacqueline Ghasi Hermes’ Schwager war da gerade von muslimischem Extremisten ermordet worden. Er war Christ, wie der Rest seiner Familie, wie auch Jacqueline Ghasi Hermes. Deshalb hatte man ihn getötet. Als ein paar Monate später religiöse Fanatiker ihr Haus in die Luft sprengten, setzte Jacqueline Ghasi Hermes sich mit ihrer Mutter in den Bus nach Damaskus.

Nun, zwei Jahre später, sagt sie, „alles, was wir hatten, ist zerstört“. Sie spricht mit flacher, gepresster Stimme. Sie wirkt erschöpft. Jacqueline Ghasi Hermes war eine Frau, die in einer Bagdader Werbeagentur einen gut bezahlten Job hatte; inzwischen reicht das Geld kaum fürs Essen. Die Ersparnisse sind fast aufgebraucht.

Trotz aller Härten fanden Flüchtlinge wie Jacqueline Ghasi Hermes in Syrien wenigstens eine sichere Zuflucht. Syrien hat die Iraker bislang als einziger Staat ohne Beschränkungen einreisen und bleiben lassen. Aber nun könnte alles noch schlimmer kommen. Am Wochenende wurde bekannt, dass Syrien Irakern nur noch 14-Tagesvisa ausstellen will. Danach können sie ein Dreimonatsvisum beantragen, sofern sie einen festen Wohnsitz nachweisen können. Nach Ablauf der drei Monate müssen sie das Land für vier Wochen verlassen, ehe sie wieder einreisen dürfen. Die Beschränkungen hätten „wirtschaftliche“ und „sicherheitspolitische Gründe“, hieß es aus Regierungskreisen. Doch den Flüchtlingen fehlt das Geld, um aus- und wieder einreisen zu können. Und wohin auch? Wer die Regeln nicht einhält, dem droht die Abschiebung.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, des UNHCR, sind bereits erste Iraker deportiert worden. „Wir sind derzeit in Verhandlungen, um den bisherigen Zustand zu erhalten“, sagt Dietrun Günther vom UNHCR in Damaskus, aber gut sehe es nicht aus. Für viele Iraker wäre das ein Todesurteil. „Wie sollen wir zurückkehren?“, fragt Jacqueline Ghasi Hermes. „Wissen Sie, wie es im Irak aussieht? Dort erwartet uns nur die Gewalt.“

Seit dem Einmarsch der Amerikaner 2003 sind nach Angaben des UNHCR bislang etwa zwei Millionen Iraker geflüchtet. Die Hälfte nach Syrien. Jeden Tag sind in den vergangenen Monaten 2000 Flüchtlinge über die Grenze geströmt, vor allem Christen, die verfolgt wurden.

Der massenhafte Andrang hat zur Folge, dass die Kosten für Lebensmittel wegen der zusätzlichen Nachfrage rapide steigen, in einigen Vierteln haben sich die Mieten verdoppelt. Bereits Anfang 2005 hat Syrien den Flüchtlingen den kostenlosen Zugang zu medizinischer Versorgung gestrichen, und das Geld der Hilfsorganisationen reicht nicht ansatzweise, um die Lücke zu schließen. Gerade hat das UNHCR bei der internationalen Gemeinschaft für 2007 15 Millionen Dollar für die Iraker in Syrien beantragt.

In Damaskus sind einige Viertel inzwischen mehrheitlich von Irakern bewohnt. Jaramana zum Beispiel, von jeher christlich geprägt. Statt Minaretten ragen Kirchtürme zwischen den Plattenbauten hervor. An den Straßen bieten Verkäufer meterhohe Plastikmadonnen feil. Hierher hat es tausende irakische Christen gezogen, und es kommen immer mehr.

Das gesamte Viertel ist nun eine Großbaustelle. An ungepflasterten Trampelpfaden wachsen Fassaden in die Höhe, Familien haben sich in Rohbauten einquartiert, und an den Rändern des Viertels wuchern Slums ins Brachland.

In einer Seitenstraße liegt das Caritas-Flüchtlingsbüro. Hier versorgt Schwester Antoinette Arbash die ärmsten Iraker mit Nahrung, Medizin und finanzieller Nothilfe. Die Schwester drängelt sich durch die Menschenmasse im Vorraum. „Schon bevor wir aufschließen“, sagt sie, „stehen die Leute Schlange bis auf die Straße.“

Im vollen Warteraum sitzt Jacqueline Ghasi Hermes, die Katholikin aus Bagdad, reglos in ihrem Stuhl. Sie ist gekommen, um Medikamente für ihre herzkranke Mutter zu beantragen. Undenkbar, dass sie das Geld selbst aufbringt. Die anderen Flüchtlinge erzählen Geschichten von ermordeten Pfarrern, brennenden Kirchen und christlichen Händlern, die erschossen wurden, weil sie Alkohol verkauften. Islamistische Extremisten, sagen sie, verfolgen die Minderheit im Irak aus Hass auf Andersgläubige. Viele, die nun in Syrien gelandet sind, waren ehemals wohlhabend. Bankdirektoren, Professoren, Ingenieure – jener intellektuelle Kern, der eigentlich helfen sollte, einen neuen Irak aufzubauen. Nun stehen sie vor dem Nichts. Vor ihrer Flucht haben sie Häuser und Autos verkauft. Eine Arbeitsgenehmigung bekommen sie in Syrien nicht.

So versinken die Flüchtlinge langsam im Elend. Die Familien schicken ihre Kinder zum Betteln oder Arbeiten. Inzwischen geht jedes dritte Flüchtlingskind laut UNHCR nicht zur Schule. „Wir steuern hier gerade auf eine soziale Katastrophe zu“, sagt Schwester Antoinette. Die Prostitution habe enorm zugenommen. Selbst zwölfjährige Mädchen verkauften sich. „Die Zahl der Diebstähle steigt, es kommt zu Schlägereien in den Straßen.“

Nur ein paar Meter entfernt vom Caritasbüro kauert Amir an einer Hauswand, ganz dicht. Die Temperatur liegt um die fünf Grad, und der Junge trägt eine dünne Trainingsjacke und Badelatschen. Zwei angeschmuddelte Kartons mit Kaugummi liegen im Straßenstaub vor ihm. Für Centbeträge verkauft er die Päckchen, manchmal zehn Stunden lang. Mit umgerechnet ein bis zwei Euro geht er nach Hause. An diesem Tag will das Geschäft nicht laufen.

Amir ist zehn Jahre alt, seit eineinhalb Jahren lebt er mit seiner Mutter in Jaramana. Auch sie sind aus dem Irak geflohen. „Ich bin der Mann im Haus und muss das Geld verdienen“, sagt der Junge. Dann schweigt er eine Weile. Seinen Vater, sagt er schließlich, haben sie erschossen. „Vor unserem Haus in Bagdad.“

In Dueilla, einem anderen Christenviertel nahe der Altstadt von Damaskus, läuft jeden Abend ein schmaler, alter Mann in gebückter Haltung durch die Gassen in Richtung der chaldäischen Kirche.

„Hier können wir keine Existenz aufbauen. Und kein anderes Land will uns, also gibt es keine Hoffnung“, sagt er. Er ist 64 Jahre alt, er war mal Lehrer. Seinen Namen will er nicht nennen. Er ist vorsichtig. Ein paar Verwandte leben noch im Irak. Die, die noch übrig sind. Sechs Cousins sind von Extremisten ermordet worden, ein Onkel erschossen. Dann bekam auch er Drohanrufe. „Wenn wir nicht verschwinden, würden sie uns töten“, sagt er. Er wohnte in einem muslimischen Viertel von Bagdad. „Die Nachbarn waren freundlich zu uns, aber wie sollten wir wissen, was in ihren Köpfen vorgeht?“

Seine fünfköpfige Familie lebt nun von 200 Euro im Monat, die die erwachsenen Kinder aus Europa schicken. Es gibt nichts zu tun für ihn. Er wartet, worauf, weiß er nicht mehr. „Zurückzugehen bedeutet ins Grab zu gehen“, sagt er. Er betet, liest, läuft jeden Tag zur Abendmesse, 20 Minuten hin und 20 zurück. Die Bänke in der Kirche sind bis auf den letzten Platz mit Irakern besetzt.

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