Zeitung Heute : Der Fluch des Goldes

In Rumäniens Bergen liegt ein gewaltiger Schatz: Edelmetalle im Wert von 17 Milliarden Dollar. Jetzt soll dieser Schatz gehoben werden. Aber ein Mann leistet Widerstand

Es ist alles Gold, was glänzt. In den rumänischen Karpaten glauben viele an eine Zukunft in Reichtum. Bauer David (links oben) ist da anderer Ansicht.
Es ist alles Gold, was glänzt. In den rumänischen Karpaten glauben viele an eine Zukunft in Reichtum. Bauer David (links oben) ist...Foto: Lichterbeck

Der Mann, der auf 200.000 Euro pfeift, treibt ein Dutzend Kühe vor sich her. Es sind kräftige und störrische Tiere. Darin ähneln sie ihrem Besitzer.

Eugene David war den ganzen Tag auf den Hügeln und hat mit der Sense Gras geschnitten, jetzt kommt das Vieh in den Stall. Bevor er über das Geld redet, das er nicht haben will, holt er eine Flasche Pflaumenschnaps aus dem Schuppen. Er hebt das Glas, die Hände noch schwarz von Erde. „Der Präsident hat mich Bolschewik genannt“, sagt er. „Auf die Bolschewiken!“

Es ist schon ein paar Tage her, dass Rumäniens Präsident Traian Basescu im Hubschrauber auf dem Fußballfeld von Davids Heimatdorf gelandet ist.

Er ließ sich den Ort zeigen und erklärte anschließend, dass Rosia Montana auf einem Schatz sitze und dass es nationale Pflicht sei, diesen zu heben. Der Schatz, das sind die größten Goldvorkommen Europas: 300 Tonnen Gold und zusätzlich 1500 Tonnen Silber. Nach aktuellen Preisen wären sie rund 17 Milliarden Dollar wert.

Die Sache hat nur einen Haken. Auf dem Schatz sitzt auch Eugene David. Der drängelte sich nach der Pressekonferenz zum Staatschef durch und sagte ihm ins Gesicht: „Um mich zu vertreiben, musst du schon die Armee schicken.“

Rosia Montana liegt am Ende eines Tals in den rumänischen Westkarpaten, einer der urigsten und grünsten Landschaften Europas. Das Dorf ist umschlossen von vier Bergen, in denen das Edelmetall verborgen ist. Doch während die einen es für eine Riesenchance in der verarmten Region halten, rümpft Eugene David die Nase: „Es ist ein uralter Fluch.“

Seit 2000 Jahren ziehen die Goldräusche wie Stürme über Rosia Montana hinweg. Erst gruben die Römer kilometerlange Tunnel, die bis heute erhalten sind. 75 Meter unter der Erde staunt man über die präzisen Meißelschläge der antiken Bergleute, die hier 500 Tonnen Gold aus dem Boden holten. Was die Römer übrig ließen, förderten die österreichisch-ungarischen Herrscher und kleine Familienunternehmen. Die wurden 1948 von den Kommunisten enteignet, die oberhalb des Dorfs einen Tagebau errichteten, der bis heute wie eine offene Wunde in der Landschaft klafft. Bei Regen werden Arsen, Eisen und Zink aus der Grube gewaschen, und der Dorfbach von Rosia Montana plätschert gelbrot ins Tal. Als die subventionierte Mine dann 2006 dichtmachte, standen 300 Kumpel auf der Straße.

Vielen erschien es da wie die Rettung, als Ende der 90er Jahre die Manager der Rosia Montana Gold Corporation (RMGC) in ihren Geländewagen auf dem Dorfplatz vorfuhren. Ihr Vorschlag: Wir bauen euch die größte und modernste Mine Europas, bringen Wohlstand und Arbeitsplätze. Allerdings müssten wir eure Berge komplett wegsprengen und das Edelmetall anschließend mit Zyanid vom Erdreich trennen. Die entstehende giftige Schlacke würde ins Nachbartal geleitet und von einem 180 Meter hohen Staudamm zurückgehalten. Außerdem wäre es notwendig, rund 2000 Menschen umzusiedeln. Unter ihnen Eugene David. So entbrannte ein Streit, der Rumänien bis heute beschäftigt und bei dem es um die Frage geht: Was ist uns das Gold wert, wenn der Preis die Zerstörung der Natur, einer Gemeinde und historischer Denkmäler ist?

Es ist ein flirrender Frühherbsttag, als Eugene David vor seinem Hof eine lange Tafel aufbaut. Nach und nach treffen junge Frauen und Männer aus dem Dorf ein. Sie alle gehören zur Protestbewegung gegen die Mine, die sich nach dem alten römischen Namen Rosia Montanas benannt hat: Alburnus Maior. Davids Frau hat Apfelkuchen gebacken, der Blick über die Wälder und Weiden ist märchenhaft. Aber die Widerständler von Alburnus Maior haben keinen Nerv für die Schönheit der Landschaft. Es wird geschimpft: auf die korrupten Politiker, auf die Halsabschneider von der RMGC und auf diejenigen im Ort, die sich haben kaufen lassen. Bis in die Nacht wird geredet und geraucht. Doch der Furor zeigt auch, dass hier nur noch der letzte Rest einer einstmals großen Widerstandsbewegung zusammenhockt. „Wir waren mal 1000 Leute“, sagt David, „heute sind wir 60“.

Eugene David ist Präsident von Alburnus Maior, seine Strategie ist simpel: Der 46-Jährige will eine Alternative zum Goldsegen schaffen und Touristen anlocken. Außerdem weigern sich David und seine Mitstreiter, der RMGC Land zu verkaufen, seit die Firma begonnen hat, Grundstücke zu erwerben, für die sie bis zu 200.000 Euro zahlt. Mit den Jahren gelang es Alburnus Maior zudem, Zweifel an der Glaubwürdigkeit der RMGC zu wecken. Sie gehört zu 80 Prozent dem kleinen kanadischen Unternehmen Gabriel Resources, das noch nie eine Mine betrieben hat. Gründer von Gabriel ist der Exil-Rumäne Frank Timis, der in Australien wegen Heroinbesitz verurteilt worden war. 2003 zog er sich zurück, seitdem haben sechs CEOs versucht, das Minenprojekt zu verwirklichen.

Den größten Erfolg feierte Alburnus Maior, als ein Gericht 2007 die Umweltverträglichkeitsstudie der RMGC kassierte. Der darin enthaltene Bebauungsplan war von Gemeinderäten verabschiedet worden, die auf der Gehaltsliste der RMGC stehen. Sofort rauschten die Aktien von Gabriel an der Börse von Toronto in den Keller. „Damals galt die Mine als tot“, erinnert sich David.

Nun steht sie kurz vor der Genehmigung. Und viele fragen sich, warum.

Die meisten Beobachter machen den hohen Goldpreis verantwortlich, der in den vergangenen elf Jahren von 272 Dollar pro Feinunze (31 Gramm) auf derzeit rund 1650 Dollar gestiegen ist. Andererseits wurden die Aktien von Gabriel Resources von mächtigen Investoren erworben, die Gold als sichere Anlage in der Finanzkrise betrachteten. Jeweils 18 Prozent übernahmen die US-Hedgefonds Paulson & Co und Electrum Strategies. Neun Prozent hält der israelische Diamantenmilliardär Benny Steinmetz und 20 Prozent der US-Minenriese Newmont Mining. Mit ihnen begann etwas, das als Muster für den neuen Umgang von Konzernen mit einer kritischen Öffentlichkeit gelten kann. Das Ziel: die Herzen und Hirne der Rumänen.

„Hilf mit, die Tradition am Leben zu erhalten!“ Am Ortseingang von Rosia Montana hat die RMGC ein Banner aufgehängt, das die Geschichte des Orts als Bergarbeitersiedlung unterstreicht. Die Firma veranstaltet einen jährlichen Minenarbeitertag und hat verschiedene NGOs als Gegengewicht zu Alburnus Maior gegründet. Sie lässt das historische Zentrum von Rosia Montana sanieren, Jobs werden bevorzugt an die Angehörigen lokaler Entscheidungsträger und Umzugswillige vergeben. Die RMGC sponsert außerdem den Fußballklub der Kreisstadt Alba Iulia, Slogan: „Ihr könnt ein goldenes Team sein.“

Hunderttausende Euro werden für Fernsehwerbung und Anzeigen ausgegeben – das hat dazu geführt, dass sechs der sieben wichtigsten Zeitungen Rumäniens keine kritischen Artikel über das Minenprojekt mehr drucken. Für die Führungskräfte mehrerer Medien veranstaltete die RMGC sogar eine Reise nach Neuseeland. Außerdem hat sie 191.000 Dollar an die US-Lobbyfirma Public Strategies gezahlt, die versucht hat, Einfluss auf die Berichterstattung von gewichtigen Wirtschaftspublikationen wie „The Economist“ oder Bloomberg zu nehmen.

Zuletzt ließ das Unternehmen den Dokumentarfilm „Mine your own Business“ drehen, der zu beweisen sucht, dass Umweltschützer für die Armut in unterentwickelten Ländern verantwortlich sind. Insgesamt hat die RMGC so fast 500 Millionen Dollar ausgegeben, ohne ein einziges Gramm Gold zu fördern. Doch die Hartnäckigkeit scheint sich nun auszuzahlen. Gerade hat die rumänische Regierung ein Gesetz durchgewinkt, das Minenfirmen Enteignungsrechte zubilligt. Es würde bedeuten, dass Eugene David von privaten Sicherheitsleuten vertrieben werden könnte.

Catalin Hosu wirft die Stirn in Falten. „Eugene David? Kenne ich nicht.“ Hosu ist der Sprecher der RMGC im Ort, sein Büro liegt in einem historischen Gebäude aus der k.u.k.-Zeit am Dorfplatz. An den Wänden hängen große Landschaftsmodelle, die zeigen, wie vier tiefe Gruben entstehen, wo vorher noch Berge standen, eine Hostess reicht Kaffee. Während des Gesprächs beantwortet Hosu ununterbrochen Anrufe von TV-Sendern aus Bukarest, zwischendurch präsentiert der 39-Jährige vor allem eins: Zahlen. In der zweijährigen Bauphase würden 2300 Jobs entstehen und 800 während der 16-jährigen Ausbeutungsphase. Rund zwei Milliarden Dollar würden an den rumänischen Staat fließen, der mit 20 Prozent an der RMGC beteiligt ist. Das Projekt sei durchdacht und umweltfreundlich.

Zerstörung der Landschaft? – Minimal.
Zyanid? – Kommt auch in Kirschen vor.
Umsiedler? – Bekommen neue Häuser.
Römische Minentunnel? – Einige werde man erhalten.

Als man schon glaubt, Hosu arbeite für einen Wohltätigkeitsverein, verkündet er, dass die RMGC 85 Prozent der benötigten Flächen erworben habe. Nun wolle man endlich mit dem Graben beginnen. „Was kann den Menschen denn Besseres passieren? Die sind arm!“

Da hat er recht. Das Durchschnittseinkommen in der Gegend liegt noch unter den 350 Euro, die für ganz Rumänien gelten. Im Tal stehen Plattenbauten, aus deren Fenstern graue Männer den Rauch ihrer Zigaretten blasen. Früher arbeiteten sie in der Goldmine oder einer längst geschlossenen Chemiefabrik, nun überleben sie dank ihrer Gemüsegärten. Die Kleinbauern verbrauchen fast alles, was sie produzieren, selbst. Mehr als ein paar Kühe hat hier keiner.

Auch deshalb hat Gheorghe Vasinca das Angebot der RMGC angenommen. Seit zwei Jahren wohnt der ehemalige Bergarbeiter in einer Neubausiedlung am Rande der Kreisstadt Alba Iulia, anderthalb Autostunden von Rosia Montana entfernt. Dort hat die RMGC 125 orangefarbene Häuser auf die Wiese gesetzt, 112 sind bereits bezogen. Vasincas kantiges Gesicht ist von langen Falten durchfurcht, seine Haltung etwas krumm, ihm fehlen Zähne. Sein neues Haus sieht der 73-Jährige als großes Geschenk: „Heizung, Keller, asphaltierte Straßen, toll.“ Den Hauspreis von 43.000 Euro hat die RMGC von der Entschädigung abgezogen, die sie für Vasincas altes Grundstück hinblätterte. Er besaß 50.000 Quadratmeter im Corna-Tal, das die RMGC für ihr Zyanidauffangbecken braucht. Nun hat Vasinca 900 Quadratmeter, und sein altes Haus haben die Bulldozer platt gemacht. Morgens kümmert er sich um die Tomaten, Paprika und Bohnen, die hinter dem Haus wachsen. Den Rest des Tages läuft er mit Strohhut und Plastiksandalen durch die Siedlung und wartet auf seine Tochter, die in der Stadt arbeitet. „Es ist so sauber hier wie in einem amerikanischen Vorort“, sagt Vasinca. Aber das Leben in den Bergen sei nichts für alte Leute. „Und das Geld reicht auch noch, um für meine Beerdigung zu bezahlen.“

Eines Abends kommt Eugene David abgekämpft vom Feld. „Ich habe die Nase voll“, stöhnt er. „Ich verkaufe.“ Als er das entsetzte Gesicht seiner Frau sieht, bricht er in Gelächter aus. Klar, die Arbeit sei knochenhart, sagt er. „Aber was soll ich in der Stadt? In den Supermarkt gehen und an der Ampel stehen?“ Davids Haare sind schweißverklebt und an seinen Turnschuhen klebt Erde. Er hat gerade mit dem Pferdepflug einen Acker durchfurcht.

Viele sagen über David: Der hat am meisten zu verlieren. Er besitzt zehn Hektar Land und 17 Kühe. Pro Jahr verkauft er acht Kälber, kassiert dafür 3.000 Euro. Hinzu kommen 2.500 Euro EU-Subventionen. Mehr als die Hälfte der Lebensmittel, die er mit seiner Frau und der Tochter verbraucht, kommt vom Hof. „Was soll ich mit 200.000 Euro von der RMGC“, fragt er, „Depressionen kriegen?“

Die RMGC will den ersten Goldbarren 2014 vorlegen. „Wenn sie durchkommt“, sagt David, „dann wird alles vom Rausch aufgefressen.“

Bald könnte es so weit sein. Vergangenes Jahr verwarf die EU-Kommission ein Verbot von Zyanid im Bergbau. „Unsere Erleichterung war riesengroß“, sagt RMGC-Mann Hosu. „Ein Verbot hätte das Aus bedeutet.“ Und nun hat auch noch Gott die Seiten gewechselt. Bereits von Weitem leuchtet das neue Blechdach von Ion Meras Kirche im Tal. Die RMGC hat es bezahlt. Vor Jahren hatte der orthodoxe Priester noch gezürnt, die Goldsucher verschmutzten die Herzen der Menschen und seien schlimmer als die Kommunisten, weil sie die Toten umlagern wollten. Heute meint der rundliche 67-Jährige, dass das Thema zu groß für ihn sei: „Es liegt in der Hand des Herrn. Aber du kannst gern meinen Schnaps trinken.“

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