Zeitung Heute : Der Fortschritt zahlt nicht aus

-

In China hat es erneut gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben. Wie kommt es, dass sich die Unruhen in den Provinzen häufen?

China ist groß. Und in China ist vieles größer als anderswo. Die Bevölkerung, das Land, das Wirtschaftswachstum – aber auch das Potenzial möglicher Konflikte. Aus chinesischen Provinzen werden immer öfter blutige Zusammenstöße gemeldet. Häufig sind es kleine Querelen, die sich zu größeren Unruhen ausweiten, mit Toten und Verletzten. Dabei sind die Ursachen für Randale, Kämpfe, Plünderungen vielfältig.

Zum einen gibt es immer wieder ethnisch motivierte Auseinandersetzungen der HanChinesen, Angehörigen des Staatsvolks, mit Angehörigen der tibetischen, mongolischen oder mandschurischen Minderheiten. Zum anderen ist zum Beispiel im Falle der zehn Millionen Hui im Lande das Unterscheidungsmerkmal zu den Han-Chinesen nicht die ethnische Herkunft, sondern die Religion. Die Hui sind Muslime. Ihre Herkunft geht zurück auf arabische Händler, muslimische Verwaltungsbeamte und Heerführer, die sich seit dem 8. Jahrhundert in mehreren Wellen in China niederließen. Durch Mischehen mit den Han sind sie jedoch heute ethnisch kaum von den Han zu unterscheiden und gelten allgemein als assimiliert.

Die Hauptursache der Auseinandersetzungen ist jedoch weder ethnischer noch religiöser, sondern meist materieller Natur. Zu viele Menschen verlieren im roten Riesenreich den Anschluss. Peking hat den Boom seiner Wirtschaft mit viel Ungerechtigkeit, Sozialneid, bäuerlichem Elend, Vertreibungen und Umweltzerstörungen erkauft. Es gibt kein Rechtssystem, das Minderheiten wirksam schützt. Es gibt keine Gewerkschaften, die Arbeitnehmerinteressen wirksam vertreten. So sind es nicht die Mittelschichten der Städte, sondern zehntausende von Reformverlierern in den Vororten, auf dem Land, in maroden Bergwerken oder Industriebetrieben, die es auf die Barrikaden treibt: 2003 gab es 56000 staatlich registrierte Proteste. Die meisten kamen aus den Reihen der 150 Millionen Wanderarbeiter – diesen ohnehin Ausgebeuteten schulden Chinas Unternehmen 36 Milliarden Euro an Löhnen. mis

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben