DER FOTOGRAF HERBERT TOBIAS„Blicke und Begehren“ : Mode, Stadt, Männer

Nicola Kuhn

In Vergessenheit ist er eigentlich nicht wirklich geraten, dafür sorgte die beständige Präsenz seiner Bilder in der Berlinischen Galerie. Zwischen 1985 und 1996 hatte das Landesmuseum Stück für Stück den Nachlass erworben. Und doch wird die erste umfassende Ausstellung seines Lebenswerks wie eine Entdeckung gefeiert, denn den „ganzen“ Herbert Tobias (1924 bis 1982) gab es noch nie zu sehen. Seine verschlungene künstlerische Biografie ließ es lange Zeit als zu kompliziert erscheinen, den Fotografen in einer stringenten Retrospektive zu zeigen. Die Berlinische Galerie sortiert deshalb auch nicht chronologisch oder nach Genres, sondern versucht Stimmungen und Haltungen in seinem Werk nachzuspüren.

Schwerpunkt werden die fünfziger und sechziger Jahre sein, die produktivste Phase dieses Einzelgängers, der sich mit seinen unkonventionellen Aufnahmen in der Modebranche schnell einen Namen machte. Parallel zu den glamourösen Bildern, die auf dem nächtlichen Ku’damm entstanden, porträtierte er am Tage die kriegszerstörte Stadt. In den frühen Sechzigern muss er auch Andreas Baader getroffen haben, von dem er jenes legendäre Bild mit nacktem Oberkörper, verwuscheltem Haar und Schlafzimmerblick machte. Ähnlich wie der Fotograf befand sich auch der fast eine Generation jüngere Baader „auf der Suche nach einem anderen Ideal“. Während Baader in den Untergrund ging, brach Tobias seine Karriere als Modefotograf ab, um sich vornehmlich der Schwulenfotografie zu widmen. Der erotische Appeal ist auch in dem Baader-Bild spürbar.Nicola Kuhn

Berlinische Galerie, Fr 16. 5. bis Mo 25. 8., tgl. außer Di 10-18 Uhr, 6 €, erm. 3 €

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