Zeitung Heute : Der Fremde

Eine endloses Dünenmeer, Dattelpalmen, Oasen – in dieser Welt ist er zu Hause. Sein ganzes Leben hat der Beduine Sidat die Wüste nie verlassen, nun steht er auf einmal mitten in Berlin und macht sich seine Gedanken.

Andreas Austilat

Natürlich sieht einer wie Sidat Berlin mit völlig anderen Augen. Natürlich gibt es Dinge, die er außerordentlich merkwürdig findet – und andere wiederum großartig. Die vielen Brücken, Brücken gibt es bei ihm zu Hause nicht. Die vielen Ampeln, die im Dunkeln so bunt leuchten. Atar, das ist die nächste Provinzhauptstadt in seiner Heimat, hat eine einzige, und die funktioniert noch nicht einmal. Wenn es dunkel ist, so gegen halb sieben, dann ist es eben dunkel, dann sitzen die Männer zusammen, trinken Tee und erzählen sich Geschichten. Und die Frauen? Die erzählen sich ihre eigenen Geschichten.

Atar, das ist ein staubiges Nest im Innern Mauretaniens. Im Winter landet dort zweimal in der Woche ein Flugzeug. Dann erwacht der Ort für kurze Zeit, um gleich darauf wieder in einen schläfrigen Dämmerzustand zu versinken. Auch Sidi Mohamed Ahmed Kory Khiyar, wie Sidat mit vollem Namen heißt, hält sich für gewöhnlich nicht lange dort auf. Er wartet dort nur auf die Touristen, die mit den Flugzeugen kommen und die er zu Fuß durch die Wüste begleiten wird.

Die Wüste, schrieb Karl May vor über 100 Jahren, ist ein grausamer Ort. „Da draußen liegt Er Raml el Helak, das fürchterliche Meer des Sandes, das keinen Menschen wiedergibt, dessen Fuß hineingerät“, heißt es in „Sand des Verderbens“, Band zehn seiner gesammelten Werke. Der Mann hatte ja keine Ahnung. Den ganzen Winter über, Woche für Woche, wandert Sidat auf Sandalen durch die Unendlichkeit einer wogenden Dünenlandschaft – keine mörderische Öde, sondern ein Farbenmeer von Schneeweiß über Honiggelb nach Dunkelviolett. Still ist es dort. Was kein Wunder ist. Mauretanien ist dreimal so groß wie Deutschland, aber ziemlich leer. Es leben höchstens drei Millionen Menschen im ganzen Land, weniger als in Berlin. Den Rhythmus geben die Kamele vor, mit ihrem immergleichen Schritt, und natürlich der Lauf der Sonne. Und wenn es Nacht wird, dann braucht Sidat kein Haus, dann sucht er sich eine windgeschützte Stelle, hat er über sich nichts als den Sternenhimmel.

Hier ist alles anders. Fast sein ganzes 31 Jahre langes Leben hat er in der Wüste verbracht. Jetzt ist Sidat der Tourist. Für sechs Wochen ist er in Berlin, um Deutsch zu lernen, die Firma „Wüstenwandern“, für die er arbeitet, hat ihn eingeladen. Und nun steht der schlanke Nomade aus Mhareith, einer Oase im Adrar-Gebirge, drei Kilometer lang und einen halben Kilometer breit, auf dem Platz am Sony-Center und guckt ein bisschen unglücklich. Drüben blinkt „Hitch – der Date Doctor“ über die Videowand, von hinten dröhnt die Stereoanlage aus dem Café, zwischen den Stühlen quengelt ein Kind. Und was sagt Sidat? Dass er jetzt weiß, warum die Europäer die weite Reise zu ihm in die Wüste machen.

Er hat sich nicht wirklich auf diese Reise vorbereiten können. Wer denkt denn schon daran in Mhareit, dass man im Badezimmer wirklich keine Wasserflasche braucht, um sich zu waschen, dass das Wasser tatsächlich so lange aus dem Hahn läuft, wie man will, weil es einfach genug davon gibt. Wer kann sich dort einen Platz vorstellen wie das Dom-Aquaree, wo man unter dem Wasser durchläuft, als ginge man über den Meeresboden, die Fische im Bassin über einem. Eine Million Liter fasst das Becken, sagt die Frau, die den Aufzug bedient. Und wer hätte ihm erklären sollen, was ein Fahrstuhl ist oder wie eine Rolltreppe funktioniert, in einer Oase, in der es nicht einmal Strom gibt?

Pass auf, haben sie ihm daheim erzählt, beobachte die anderen und mach dann, was sie machen. Und du musst sehr genau hingucken, warnten ihn die Alten. Zweimal darfst du fragen, öfter nicht, dann werden die Europäer ärgerlich. Genauso hat er es dann gemacht, beim Umsteigen in Paris, als er die erste Rolltreppe seines Lebens betrat. Er hat da gestanden und geguckt, wie es die anderen machen.

Der Gedanke, dass mit der Zivilisation irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte, dass sie die Menschen weich gemacht hat und blind für die Dinge, auf die es wirklich ankommt, ist alt – so alt, wie die Zivilisation selbst. Seneca hat ihn gedacht im alten Rom, Michel de Montaigne im Frankreich des 16. Jahrhunderts und Karl May im Zuchthaus in Waldheim. Herausgekommen sind dabei Kunstfiguren wie Winnetou oder Hadschi Halef Omar, edle Wilde und treue Gefährten. Verlockend der Gedanke, es könnte ihn wirklich geben, den Mann der Dinge sieht, die europäische Stadtmenschen gar nicht mehr bemerken.

Sidat leidet. Er, der sich immer auffallend gerade hält, jetzt ist er ein wenig in sich zusammengesunken. Er will hier weg, weg von diesem Platz am Sony-Center. Wir fliehen nach oben, mit dem Fahrstuhl 24 Etagen hoch aufs Dach des Daimler-Chrysler-Hochhauses. Dort fassen Gitter die Besucherplattform ein, als ob es ein Käfig wär. Trotzdem, ein schöner Platz, findet Sidat. Der Wind pfeift, aber das macht ihm nichts, er trägt ja seinen Schesch, das blaue Tuch, das die Wüstennomaden sich mehrfach um den Kopf wickeln. Ein schöner Platz, weil der Blick so weit geht, sich erst in der Ferne verliert und nicht schon an der nächsten Kreuzung. Das Planetarium in der Prenzlauer Allee ist auch so ein Platz, wie er sagt. Dort zeigen sie Sterne, die man eigentlich gar nicht sieht. Das können sonst nur die Leute vom Stamm der Dogon in Mali, die beschreiben auch Sterne, die keiner sieht. So ein Planetarium ist sehr nützlich, vor allem in Berlin, wo der Himmel sonst sehr eng ist und die Sterne hinter Wolken verborgen bleiben.

Freunde haben ihm einen Gebetsteppich mit eingebautem Kompass besorgt, damit er ihn leicht nach Mekka ausrichten kann. Das ist nicht so einfach in einer Stadt, wo man auf Hochhäuser steigen muss, wenn man mal den Horizont sehen will oder ins Planetarium geht, um einen prächtigen Sternenhimmel zu haben.

Wie orientiert er sich eigentlich, im steinernen Berlin? Wie findet er den Weg zu seiner Sprachlehrerin? Er merkt ihn sich einfach, so, wie er ihn sich in der Wüste merken würde. Nur prägt er sich hier keine ausgetrockneten Flussläufe ein, die Farbe des Sandes oder den Verlauf einer Düne, sondern Fassaden, Schilder, Bäume. Er gewöhnt sich daran, dass das Bild ein anderes ist, genauso wie er sich an die Schuhe gewöhnt und an den Asphalt. Denn es sei viel leichter, auf Asphalt zu laufen als im Sand, sagt er. Das süße Gift der Zivilisation, entfaltet es schon seine verderbliche Wirkung?

18 Dattelpalmen besitzt Sidat daheim. das bedeutet, er ist nicht arm, aber auch nicht reich. 18 Dattelpalmen, das reicht für ihn selbst. Wobei er die Datteln nicht isst, jedenfalls nicht seine. Sind sie von guter Qualität, dann verkauft er sie lieber, um für sich nicht ganz so gute zu kaufen. Die Differenz ist Teil seines Broterwerbs. Ein Kamel besitzt Sidat nicht. Leider. Hätte er eines, dann wäre er vielleicht inzwischen verheiratet. Auf einem Kamel ließe sich eine Existenz aufbauen. Kamele sind für ihn die schönsten Tiere überhaupt, „sie haben so eine wunderbare Silhouette“. Und sie seien unglaublich genügsam. Im Winter, wenn sie genügend Futter fänden, brauchen sie nur ein einziges Mal im Monat zu trinken, wenn überhaupt.

Mit Kamelen kennt sich Sidat aus. Für sie hat er zum Beispiel eine ganze Reihe Ausdrücke, je nachdem, ob es sich um einen Hengst handelt oder eine Stute, ob das Tier schwanger ist oder nicht. Das klingt kompliziert. Kompliziert? Das ist kompliziert, sagt er, und zeigt auf die Büsche zwischen Sony-Center und Tiergarten. Ein wenig verloren stehen sie dort herum, schnurgerade, wie mit dem Lineal getrimmt. Warum tun die Leute das? Ja, warum eigentlich?

Am Brandenburger Tor betreten wir das Haus der Stille, ein Raum linker Hand vom Tor, wenn man vom Tiergarten aus kommt. Ein Raum für die Stille, auch das gefällt ihm gut. Vielleicht fünf Minuten sitzen wir da, und es ist wirklich still. Bis man für einen Moment das Gefühl hat, als ob da etwas vibriere in den Sohlen, die S-Bahn vielleicht, die unter dem Pariser Platz durchfährt. Sidat hat es nicht bemerkt – oder wenigstens so getan.

Ja, manchmal hat er hier Heimweh. Einmal war er dann zum Freitagsgebet in der Ahmadiyya-Moschee an der Berliner Straße in Wilmersdorf, ein prächtiger Bau mit Kuppel und Minaretten an der Berliner Straße in Wilmersdorf, mittlerweile die älteste Moschee in Berlin. Die hat ihn ein wenig an zu Hause erinnert. Wir gehen in den Zoo, dort haben sie Kamele, vielleicht hilft das auch gegen Heimweh.

Die Enttäuschung ist erst einmal groß, denn der Zwinger ist leer. Es ist früh am Morgen und die Kamele sind in ihrem Haus. Sidat lacht, so wie er gelacht hat, als er die getrimmten Büsche gesehen hat. Kamele gehören nicht ins Haus, sagt er, da fürchten sie sich. Die hier nicht, sie kommen schließlich raus und immerhin, er findet, sie seien in gutem Zustand. Und frei seien sie auch. Frei? Sie haben kein Brandzeichen, also auch keinen Herren. So etwas würde es in Mauretanien gar nicht geben.

Im KaDeWe hält Sidat einen Liter Wasser in der Hand. Rund sechs Euro soll die Flasche kosten, sie kommt von den Fidji-Inseln. Wie kann etwas, was sonst so reichlich aus dem Hahn läuft, so teuer sein? Das ist schwer zu erklären. Genauso schwer, wie der Bettler in der U-Bahn. „Hat der Mann keine Familie?“, will Sidat wissen, und warum gibt ihm niemand was? Vielleicht, weil die Leute mit sich zu tun haben, so viel, dass sie für andere nichts mehr übrig haben. „Ihr habt zwei Probleme“, erwidert er, erstens gehe hier alles so schnell. Sogar das Wetter ist schnell in Berlin, ständig ist es anders. Und zweitens müsst ihr immer eine Wahl treffen, euch immerzu für irgendetwas entscheiden. Deshalb spiele Zeit auch so eine große Rolle in Deutschland. Sein Berliner Gastgeber erzählt vom gemeinsamen Essen am Vorabend. Sidat habe eine einzige Paprika in kleine Stückchen geschnitten, voller Hingabe und hochkonzentriert, er, der Deutsche, habe derweil den Salat gemacht, die Spülmaschine ausgeräumt und den Tisch gedeckt.

Was wäre, wenn er sich entscheiden müsse, wenn Sidat eine Wahl zu treffen hätte, was er aus Berlin gern mitnehmen würde? Er weiß es nicht. Vielleicht ist ihm die Sache aber auch einfach nur peinlich. Vielleicht, sagt er schließlich, würde er sich wünschen, dass alles ein bisschen verlässlicher wäre daheim, ein bisschen mehr festgelegt. In Deutschland ist alles organisiert. Man brauchte sich nur einmal den Tiergarten anschauen, „in Berlin ist sogar der Wald organisiert“. Das sei manchmal komisch, aber diese Organisation habe eben auch ihre Vorteile. Ein Reisepass – wenn es in Deutschland heiße, der kostet 50 Euro, dann kostet er auch 50. In Mauretanien kostet er 30, am Ende aber bezahlt man vielleicht 100 und wisse nicht einmal genau, wann man ihn denn kriegt.

Der Pass ist sein wertvollster Besitz. Und seit er einen Pass hat, hat Sidat auch einen Geburtstag: den 31. Dezember, wie sehr viele Mauretanier. Weil niemand weiß, wann er Geburtstag hat, wird fast immer der 31. Dezember eingesetzt.

Das andere, was ihn an Berlin sehr gefalle, sei die Freiheit, die er hier genießt. Hier macht er seine Gebete, wann er will. Und die Leute kleideten sich, wie es ihnen Spaß macht, viel freizügiger eben. Dafür sei aber in Mauretanien der Respekt vor den Alten größer. Die Jungen trauten sich zum Beispiel nicht vor den Alten zu rauchen – wobei man wissen muss: Es gibt in Mauretanien erheblich weniger Alte als in Berlin. Nein, wenn er sich es recht überlege, dann wolle er sein Leben doch lieber so traditionell weiterführen wie bisher.

Es hat angefangen zu regnen. Ob wir nicht lieber reingehen wollten? Ach, das sei schon in Ordnung, schlechtes Wetter mache ihm nichts aus, sagt er, im Gegenteil, „in Mauretanien heißt es, ein Tag, an dem nicht die Sonne scheint, ist ein guter Tag“. Ist es am Ende ausgerechnet ein regnerischer Berliner Herbsttag, den er am liebsten mit nach Hause nehmen würde? Warum nicht.

„Dann ritten wir den Weg zurück, den wir gekommen waren.“ So endet Karl Mays Erzählung „Durch die Wüste“. Das ist kein schlechter Satz. Wirklich unglücklich sind doch nur die, die nicht mehr wissen, wo sie hergekommen sind.

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