Zeitung Heute : Der Frischstecher

Der Tagesspiegel

Vetschau. Drunten im Spreewald setzten sie zum Spargelstechen einen Schutzhelm auf. Nicht, weil der Spargel schießen könnte, sondern wegen der wackligen Verglasung oben drüber. „Es kommt immer mal wieder eine Scheibe runter“, sagt Stefan Pohl, der Chef, „die Treibhäuser sind alt und ziemlich marode.“ Aber von besonderem Wert: Der Vetschauer Spargel, der wegen der Lage des Ortes am Rande des Oberspreewalds als „Spreewälder“ vermarktet wird, ist der früheste in Deutschland. Am 19.März hat Pohl in diesem Jahr die ersten Erntehelfer mit ihren Schutzhelmen losgeschickt, rund einen Monat früher als die Freiland-Konkurrenz.

Ein Vorsprung, der Renommee bringt. Seit Karlheinz Hauser, der Adlon-Küchenchef, persönlich den ersten Spreewälder in Empfang nahm, ist die Firma in der Branche bekannt - damals noch als Sallgaster Spargel. Pohls Vater Wolfgang, ein ehemaliger BASF-Manager aus Heidelberg, hatte das Unternehmen 1992 zusammen mit dem Sallgaster Landwirt Siegfried Hentschel in dem Dorf in der Niederlausitz gegründet. Vetschau kam 1997 dazu: Vier Hektar unter den Dächern der alten Gemüse-Treibhäuser der verblichenen LPG, dazu zehn Hektar Freiland gleich nebenan. Zehn Festangestellte hat die Firma jetzt, dazu bis zu 250 Saisonarbeiter. Damit ist nun erst einmal genug, obwohl Pohl sicher ist: „Wir könnten noch mehr verkaufen.“ Alle paar Minuten klopft irgendjemand an seinen Container, um nach dem Frischgestochenen zu fragen, den es ab Hof offiziell noch nicht gibt - und wenn, dann zu harschen Preisen.

Dieser Tage wird er billiger, aber natürlich nicht billig. Deshalb geht der Hauptteil der Ernte auch nicht in die Region, sondern vor allem nach Dresden und Berlin. Im Spreewald gibt es nur wenige Restaurants, die den nötigen Preis von ihren Gästen gezahlt bekommen – das ist in den Städten anders. Die Berliner Karstadt-Häuser setzen ordentliche Mengen um, und der Großhändler Dieter Fuhrmann versorgt die anspruchsvollen Hauptstadt-Gastronomen.

All das war reiner Zufall. Pohl senior, geborener Berliner, hat einen Teil seiner Kindheit in Sallgast verbracht; als er in den Diensten seiner Firma nach Schwarzheide kam, war der Weg zurück nicht weit. Zwei Jahre Überlegung, dann die Entscheidung: Spargel. Inzwischen hat er sich weitgehend zurückgezogen und an seinen Sohn übergeben: Der suchte nach zwölf Jahren bei der Bundesmarine nach einer Perspektive, studierte rasch Gartenbau und ist nun Chef in Vetschau.

Dort beanspruchen die Treibhäuser einen großen Teil seiner Arbeitskraft. Gerade haben die heftigen Frühjahrsstürme einigen Schaden angerichtet, es liegen Scherben herum, Kunststoffwände sind zerbrochen. Doch den Pflanzen geht es gut, es sieht nach einer ordentlichen Saison aus, und es bleibt Raum für Experimente. Zum Beispiel mit den Folien: Die schwarzen halten das Licht ab und verhindern, dass die Köpfe der Stangen grün oder violett anlaufen, die transparenten kommen dagegen zum Einsatz, wenn die Sonnenstrahlen zu stark heizen und reflektiert werden müssen. Vliesabdeckung erlaubt es, die Tageswärme stärker für die Nacht zu speichern, und Dünger. . . „Dünger haben wir bisher noch nie eingesetzt“, sagt Pohl, „die Böden sind so nährstoffreich, dass das nicht notwendig war.“

Die Konkurrenz, klar, sitzt in Beelitz und drumherum. „Wir kooperieren nicht, aber wir bekämpfen uns auch nicht“, sagt Pohl. Aber der Erste bleiben in der Hauptstadt - das ist ihm wichtig. Vor allem in der Küche des Adlons. Bernd Matthies

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