Zeitung Heute : Der Gärtner hinter... Bundespräsident Köhler

Durch seine Beete schreiten die Weltmächtigen. Werner Nösler pflegt Pflanzen und Historie.

Lars Klaaßen

Normalerweise geht es hier um Repräsentation und Tradition – inmitten kunstvoll arrangierter Natur. Doch am Schloss Bellevue wird gebaut: Dort, wo seit 1994 die deutschen Staatsoberhäupter residieren, Empfänge geben und Staat machen, wird derzeit gehämmert, gesägt und gedübelt. Der Amtssitz des Bundespräsidenten wird generalüberholt. Bauarbeiter lenken Bagger, Kräne und Transportfahrzeuge über Wege, die eigentlich angelegt wurden, damit Staatschefs und Könige auf ihnen flanieren. Solche Standesfragen interessieren Werner Nösler herzlich wenig. Aber das rege Treiben rund ums Schloss gefällt ihm trotzdem nicht.

Der Gärtner im Dienste des Bundespräsidenten macht sich Sorgen um das Wohlergehen seines Pflanzenreichs: „Den Weg da vorne haben wir extra mit Planken versehen, damit die Baumaschinen dort entlang fahren können und nicht die längere Strecke durch den ganzen Park nehmen müssen.“ Denn egal, wie vorsichtig die Arbeiter mit dem schweren Gerät auch vorgehen, beschädigt wird schnell etwas. Hier knickt ein Ast an, dort verschrammt ein Baumstamm – und manchmal kommt ein Gefährt kurz vom Weg ab. Das ist riskant: „Direkt hier an der Seite befindet sich auch die Bewässerungsanlage“, erläutert Nösler. Wenn Unkundige durchs Gelände fuhrwerken, wird dem Verantwortlichen für den Park mulmig. Denn hier geht es um viel mehr als ein bisschen schnöde Grünanlage. Der Schlosspark hat Geschichte, er ist landschaftsgärtnerische Visitenkarte, und seine Schönheit hat komplexe Facetten.

Bis Bellevue vor neun Jahren zum ersten Amtssitz des Bundespräsidenten gekürt wurde, kümmerte sich das Bezirksamt Tiergarten um den Park. 1994 suchte man einen Verantwortlichen, der sich ausschließlich um die Außenflächen des Schlosses kümmert. Nösler, der seit 1966 als Gärtner arbeitet, in einer Baumschule gelernt und dann beim Bezirksamt Reinickendorf angestellt war, erhielt den Zuschlag. Mit acht weiteren Mitarbeitern beackert er insgesamt neun Hektar Fläche. Genug zu tun gibt es da in jeder Jahreszeit. Und Nöslers Metier umfasst dabei nicht allein gärtnerisches Handwerk. Symbolik und Geschichte begleiten ihn bei seiner Arbeit auf Schritt und Tritt, da geht es ihm nicht viel anders als seinen Chefs.

Das Amt, das Schloss und damit auch der Park sind Symbolik und Geschichte in konzentrierter Form. Und damit kennt Nösler sich auch aus. „Die Geschichte des Schlossparks Bellevue beginnt 1784. Prinz Ferdinand, der jüngste Bruder Friedrichs II. initiierte die Anlage der Bellevueallee und des Parks, einem der ersten Landschaftsgärten in Preußen.“ Und er weiß auch, wie Bellevue zu seinem Namen kam: „Der Gesamtentwurf des Parks war auf einem ganzen System von Sichtachsen aufgebaut, die fächerartig vom Schloss nach Charlottenburg, in die Landschaft und auf Blickpunkte jenseits der Spree ausgerichtet waren. Der damals großartigen Aussicht in die umgebende Parklandschaft und diverse Points de vue verdankt die Anlage ihren Namen.“

Das Wissen um die Geschichte des Parks braucht Nösler auch bei seiner Arbeit am Gegenwärtigen, der Park steht unter Denkmalschutz. „Da kann ich nicht einfach einen Baum umsetzen oder Sträucher pflanzen.“ Das hätte auch Peter Joseph Lenné , der den Park zwischen 1842 und 1880 umgestaltete, nicht gefallen.

Der gravierendste Einschnitt in der Geschichte des Bellevueparks waren die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. 1947 dann wurde nahezu der gesamte Park parzelliert und als Gartenland genutzt. 1959 wurde die Anlage von dem Gartenarchitekten Bernhard Besserer wieder hergestellt und in Teilen neu gestaltet. Zwei Bombentrichter blieben erhalten: Sie wurden mit Beton ausgegossen und mit Wasser gefüllt. Der Teich erinnert in seiner Nierenform noch an die Nachkriegszeit.

Auch die Bepflanzung orientiert sich an Traditionen, die gepflegt werden. Im hinteren Bereich des Parks weist Nösler auf die umstehenden Bäume: Kastanien, Linden, Eschen, Erlen und Buchen. „Solche Bäume wurden schon im 19. Jahrhundert hier in ähnlicher Gruppierung angepflanzt. Schlichte Gartengestaltung im englischen Stil mit heimischen Pflanzen.“ Aber hier werden nicht nur Traditionen gepflegt, sondern auch botanische Grundsteine gelegt. Etwa mit der „Stoiber-Buche“, einem Ableger der berühmten „Bavaria-Buche“, die der bayerische Ministerpräsident einst Johannes Rau vermachte.

„Zu allen Präsidenten hatte ich persönlichen Kontakt“, berichtet Nösler. „Auch, wenn das botanische Interesse unterschiedlich ausgeprägt war.“ Nösler und sein Team arbeiten ja auch daran, dass die Repräsentanten in angemessenem Ambiente repräsentieren. Und das wird goutiert: „Jacques Chirac hat lobende Worte für den Schlosspark geäußert.“ Solche Weihen erfreuen, wo doch Frankreich für seine Gartenbaukunst berühmt ist. Doch Besuch ist nicht immer eine Freude für Nösler. Während Veranstaltungen, die immer wieder im Park stattfinden, „muss man auf vieles acht geben“. Aber, sagt Nösler und lächelt, selbst das jährliche Kinderfest hinterlasse deutlich weniger Spuren als die derzeitigen Bauarbeiten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar